Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

Leben

Vier Schritte für gute Entscheidungen

Redaktion

03.02.2021

Vier Schritte für gute Entscheidungen
Für mehr Orientierung bei schwierigen Entscheidungen ist ein strategisches Vorgehen hilfreich. (Foto: Pexels / Pixabay.com)

Von der Wahl des Mittagessens bis zur Aufgabenverteilung auf der Arbeit: Tagtäglich müssen wir eine Vielzahl von Entscheidungen treffen. Doch manchmal ist das gar nicht so einfach, insbesondere wenn noch andere Menschen betroffen sind. Wie der sogenannte WRAP-Prozess zu besser durchdachten Entscheidungen verhelfen kann, erklären die Professorenbrüder Chip und Dan Heath.

 

Fragt man Menschen danach, wie sie eigentlich zu Entscheidungen kommen, haben die wenigsten ein ausgefeiltes Abwägungs- und Prioritätensystem parat. Denn in der Mehrheit der Fälle kommen wir zu Entschlüssen, ohne groß nachzudenken, was bei risikoarmen Entscheidungen meistens kein Problem ist. Geht es aber um größere Anliegen wie z. B. um die berufliche Neuorientierung oder um Führungsfragen in Unternehmen mit mehreren Mitarbeitenden, ist ein wohlüberlegtes, bewusstes Abwägen angeraten. Dass dies einfacher gesagt als getan ist, ist Ihnen wahrscheinlich auch aus Ihrer persönlichen Erfahrung mit bedeutsamen Entscheidungen bekannt. Vielleicht suchen Sie dann auch nach dem „objektiv” richtigen Entschluss und laufen dabei Gefahr, in eine der typischen Fallen der subjektiven menschlichen Wahrnehmung zu tappen. Die „Psychologie Heute” erläutert im Beitrag „Die bessere Wahl", welche Einflüsse unseren Entscheidungsprozess einengen und verzerren können:  

  • Einrahmungseffekte: Schon die Formulierung einer Entscheidung beeinflusst unsere Haltung. Werden etwa manche Alternativen gar nicht erwähnt oder in ein schlechteres Licht gerückt?  
  • Selbstbestätigungseffekte: Manchmal schiebt uns unser „Bauchgefühl” im Vorhinein in eine gewisse Richtung, sodass wir dann nur noch nach Argumenten suchen, um auf der Basis objektiver Fakten diesem Gefühl nachgeben zu können.
  • Kurzzeitiges Wohlgefühl: Geht es uns gerade besonders gut, möchten wir meist schnell zu einer Entscheidung kommen, denn ein langwieriger Abwägungsprozess kann sehr mühsam sein.  
  • Selbstüberschätzung: Statt uns an den Tatsachen oder an anderen Meinungen zu orientieren, tendieren wir häufig zu der Überzeugung, dass wir letztlich doch selbst am besten wüssten, was eine gute Wahl wäre.  

Derartige Verzerrungen können uns zu vorschnellen Entscheidungen verleiten. Umso wichtiger ist es, sich nicht selbst auszutricksen, sondern effektive Strategien zu entwickeln für einen offenen, vielseitigen Entscheidungsprozess, an dessen Ende bestenfalls der für alle Beteiligten optimale Entschluss steht.  

Hierbei kann der vierschrittige WRAP-Prozess der Psychologieprofessoren Chip und Dan Heath helfen. Das Akronym „WRAP“ steht für „Weiten der Möglichkeiten” (Widen your options), „Realität prüfen” (Reality-test your assumptions), „Abstand gewinnen” (Attain distance before deciding) und „Problemen vorbeugen” (Prepare to be wrong). 

Das Ziel der WRAP-Methode ist ein möglichst offener, vielseitiger Entscheidungsprozess. (Foto: Andrea Piacquadio / Pexels.com)
Das Ziel der WRAP-Methode ist ein möglichst offener, vielseitiger Entscheidungsprozess. (Foto: Andrea Piacquadio / Pexels.com)

In alle Richtungen denken und den Praxistest wagen

  1. Weiten der Möglichkeiten. Hier geht es darum, dass Sie mehrere Entscheidungsmöglichkeiten schaffen und nicht nur eine oder zwei Optionen in Betracht ziehen. Die Fragen „Was ist noch möglich?“ oder „Was täte ich, wenn keine dieser Möglichkeiten zur Verfügung stünde?” helfen Ihnen dabei, offen für weitere Alternativen zu bleiben. Wenn Sie z. B. über ein neues Jobangebot nachdenken, gibt es nicht nur die beiden Alternativen alter Job oder neuer Job. Auch Teilzeitverträge oder Kombinationen mit freiberuflicher Tätigkeit sind möglich.  
  2. Realität prüfen. Hierbei soll der Fehler der Selbstbestätigung vermieden werden, der besagt, dass meist nur solche Informationen berücksichtigt werden, die den eigenen Erwartungen entsprechen. Folgen Sie dafür diesen Leitfragen: „Was ist widersprüchlich?”, „Was muss ich testen?” Oder stellen Sie sich einen inneren Kritiker vor, der all Ihre Annahmen anzweifelt und nach Gegengründen fragt. Wenn Sie sich z. B. sicher zu sein glauben, dass Sie in einer anderen Stadt nicht leben und arbeiten können, sollten Sie ein kleines Experiment starten, in die Stadt fahren und sie sich genauer ansehen.   
  3. Abstand gewinnen. Bei diesem Punkt geht es vor allem darum, dass Sie Abstand gewinnen zu Ihren kurzfristigen Gedanken und Gefühlen. Wichtiger ist nämlich, ob Sie auch nach zehn Monaten oder zehn Jahren noch zufrieden mit Ihrer Wahl sein werden. Stellen Sie sich dafür vor, was Ihnen ein guter Freund raten würde. Oder fragen Sie sich nach Ihrem „wahren Selbst“. Was möchten Sie wirklich, wohin zieht es Sie? Zum Beispiel kann sich herausstellen, dass Ihr tiefer Wunsch, Malerin zu werden, so stark ist, dass Sie dafür auch ein prekäres Einkommen akzeptieren.  
  4. Problemen vorbeugen. Listen Sie im letzten Schritt alles auf, was nach der Entscheidung schieflaufen könnte. Folgen Sie dabei der Frage: Welche Probleme kann es geben? Damit können Sie die Angst vor einem möglichen Scheitern abbauen und Handlungskompetenzen erschaffen für den Fall, dass es wirklich zum Fiasko kommt. Wenn Sie etwa fürchten, mit einer neuen Investition Ihr Unternehmen in den Ruin zu treiben, könnten Sie sich mit Bekannten oder in Internetforen darüber austauschen, wie Sie im Worst Case verfahren oder schlichtweg gute Nerven behalten können.  

Natürlich sind diese vier Schritte keine Garantie für perfekte Entscheidungen. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit helfen sie Ihnen dabei, mehr Optionen in Erwägung zu ziehen und einen besseren Überblick über deren Vor- und Nachteile zu erhalten. Gerade bei Entscheidungen in beruflichen Kontexten führt dieses Verfahren angesichts der höheren Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei den Beteiligten oft zu mehr Akzeptanz, als wenn eine einzelne Führungskraft aus dem Bauch heraus entschieden hätte.   

Ein weiteres großes Plus: Im Alter bereuen wir für gewöhnlich nicht die Dinge, für die wir uns entschieden haben, sondern jene, die wir nicht angegangen sind. Der WRAP-Prozess birgt daher das Potential, dass wir mehr Chancen wahrnehmen und nutzen, als wenn wir den Zufall entscheiden lassen. In den Worten der Brüder Heath: Mut zur Entschiedenheit ist auch eine Entscheidung. 

Literatur

Ernst, H. (2020). Die bessere Wahl. Psychologie Heute, Juni/2020, online. 

Human Resources – University of Florida: WRAP your decisions. 

Heath, C., & Heath, D. (2013). Decisive: How to make better choices in life and work. Currency.

Weitere Artikel