Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

Personal

Sinnerleben im Job lässt sich trainieren

Isabelle Elena Bock

29.12.2021

Sinnerleben im Job lässt sich trainieren
Menschen, die ihre Arbeit als sinnstiftend erleben, zeigen eine höhere berufliche Zufriedenheit und Motivation und engagieren sich mehr im Job. (Foto: Andrea Piacquadio – Pexels.com)

Welches Unternehmen wünscht sich nicht, dass die Beschäftigten in ihrem Job Erfüllung finden, zumal sich dadurch die Arbeitsleistung und Gesundheit sowie das Arbeitsklima verbessern. Eine neue Studie aus Deutschland zeigt nun, dass gezielte Übungen Menschen darin unterstützen, Sinn in ihrer Arbeit zu erkennen, wovon sowohl das Personal als auch die Unternehmen profitieren.

Globalisierung und technologischer Fortschritt erhöhen die Volatilität, Unsicherheit, Komplexität (Complexity) und Ambiguität (VUCA) der Arbeitswelt (Rodriguez & Rodriguez, 2015). In diesem Kontext kann es Halt geben, wenn die Arbeit als sinnstiftend erlebt wird, denn dieser Faktor ist elementar für berufliche Zufriedenheit, Leistung und das allgemeine Wohlbefinden.

Was bedeutet Sinnerleben?

Im Zentrum der Sinnforschung steht der Sinn, den eine Person ihrem Leben zuschreibt. Dies geschieht in einem kontinuierlichen Prozess, in dessen Zuge die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens anhand subjektiver Wahrnehmungen und Deutungen beurteilt wird (Schmid, 2016; Schnell, 2016).

Bedingungen für berufsbezogenes Sinnerleben

Zwar erfüllen die meisten Jobs einen Zweck, doch letztlich entscheiden persönliche Werte, Ziele und Einflussmöglichkeiten, ob man seine Arbeit als sinnvoll empfindet (Schnell, 2018). Laut Schnell, Höge und Pollet (2013) steigern folgende Komponenten das berufsbezogene Sinnerleben:

  1. Bedeutsamkeit: Sie basiert auf dem Nutzen der beruflichen Tätigkeit für andere und sagt das Sinnerleben am Arbeitsplatz am besten vorher.
  2. Kohärenz: Sie beschreibt die Passung zwischen dem Beruf und den eigenen Kompetenzen, Persönlichkeitsmerkmalen und Werten und ist ebenfalls eine zentrale Voraussetzung, um den Job als erfüllend zu erleben.
  3. Orientierung: Sie entsteht durch Ziele und Werte, die durch die Arbeit verfolgt werden, und gibt der Tätigkeit Sinn und Richtung.
  4. Zugehörigkeit: Wer sich als bedeutsamer Teil des Systems erlebt und mit dem Unternehmen identifiziert, übernimmt mehr Verantwortung und kann aus seinem Job mehr Sinn ziehen (Schnell, 2018).

Auswirkungen beruflichen Sinnerlebens

Menschen, die ihre Arbeit als sinnstiftend erleben, zeigen eine höhere berufliche Zufriedenheit und Motivation sowie eine größere Bereitschaft, sich zusätzlich im Job zu engagieren (Allan, Batz-Barbarich, Sterling, & Tay, 2019; Schnell, 2016; Steger, Dik & Duffy, 2012). Auch fördert Sinnerleben die Inspiration (Schnell, 2016) und geht mit mehr Lebenszufriedenheit und Gesundheit einher (Allan et al., 2019).

Durch Reflexions- und Ressourcenübungen lässt sich Sinnerleben trainieren. (Foto: Karolina Grabowska – Pexels.com)
Durch Reflexions- und Ressourcenübungen lässt sich Sinnerleben trainieren. (Foto: Karolina Grabowska – Pexels.com)

Kann man Sinnerleben trainieren?

Angesichts dieser eindeutigen Befunde untersuchten die deutschen Forscherinnen Arabella Berger, Mascha Goldschmitt, Celine Lindner und Claudia Schmeink (2020) mit einer Interventionsstudie, ob sich Sinnstiftung am Arbeitsplatz gezielt fördern lässt.

Dafür verglichen sie eine Experimental- und eine Kontrollgruppe mit jeweils 26 Teilnehmenden, die durchschnittlich 39 Jahre alt waren, diversen Berufen nachgingen und zu zwei Dritteln weiblich, zu einem Drittel männlich waren. Innerhalb von sechs Wochen wurden eine Prä-Messung, eine Trainingsphase für die Experimentalgruppe bzw. eine Wartelisten-Phase für die Kontrollgruppe, eine Post-Messung und eine zwei Wochen später stattfindende Follow-Up-Messung durchgeführt.

Während des Trainings, das zwei im Abstand von 14 Tagen stattfindende Sitzungen umfasste, bearbeiteten die Teilnehmenden in Gruppen von sechs bis zwölf Personen folgende Reflexions- und Ressourcenübungen, die auf den vier Sinnkomponenten basierten:

  • Übung 1: In individuellen Beratungen wurde die Sinnstiftung durch die Arbeit für einen selbst und das eigene Umfeld reflektiert.
  • Übung 2: Welche Werte für einen selbst bedeutsam sind und wie man sich dementsprechend verhalten kann, war Gegenstand der zweiten Übung.
  • Übung 3: In dieser Übung reflektierten die Teilnehmenden ihr Sinntagebuch, in dem sie in den vergangenen zwei Wochen täglich ihr Empfinden hinsichtlich der beruflichen Sinnkomponenten festgehalten hatten.
  • Übung 4: Zur Erkundung individueller Ressourcen und Stärken stand die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie im Zentrum der vorletzten Übung.
  • Übung 5: Abschließend führten sich die Teilnehmenden ihre privaten und beruflichen Ziele vor Augen, nahmen eine Priorisierung vor und leiteten Konsequenzen für ihr Verhalten ab.

Zu den drei Messzeitpunkten wurden mithilfe zweier Skalen die berufliche Sinnerfüllung und die erlebte Bedeutsamkeit der Arbeit erfasst.

Effekte des Trainings

Während die Kontrollgruppe keine Veränderungen zeigte, erhöhten sich bei jenen, die an dem Training teilnahmen, die berufliche Sinnerfüllung und die empfundene Bedeutsamkeit der Arbeit signifikant vom ersten bis zum dritten Messzeitpunkt, wenngleich es sich um statistisch kleine Effekte handelte.

Für größere Effekte müssten vermutlich konkrete Handlungsspielräume geschaffen werden, damit Arbeitnehmende ihre Tätigkeit besser passend zu ihren Erkenntnissen gestalten können (vgl. Rudolph, Katz, Lavigne & Zacher, 2017).

Berufliche Sinntrainings konzipieren

Hauptbefund der Studie ist der Nachweis, dass Sie das berufliche Sinnerleben durch gezielte Interventionen fördern können. Bei der Planung entsprechender Trainings für Ihr Personal sollten Sie laut den Forscherinnen folgende Elemente einbeziehen:

  • Reflexionsübungen: Wie die Studie erwiesen hat, profitieren Ihre Mitarbeitenden, wenn sie sich ihrer Ziele und Werte bewusst werden und mit ihrer Arbeit als Quelle von Sinnerfüllung auseinandersetzen. Ein weiterer Vorteil solcher Reflexionsübungen ist, dass sie keine besondere Ausstattung benötigen.
  • Individualisierung: Die Übungen sollten möglichst individuell an die Arbeitnehmenden angepasst sein. In digitalen Trainingsformaten lässt sich die Individualisierung z. B. durch fakultative, bedarfsorientierte Angebote zusätzlich erweitern.
  • Coaching: Weil Sinnstiftung ein Prozess ist, empfehlen Berger et al. (2020) ein kontinuierliches Coaching der Beschäftigten auch nach Abschluss des Trainings. So können Sie das Sinnerleben auf einem langfristig hohen Niveau halten.

Fazit

Die Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Beschäftigungsdauer und Einsatzbereitschaft von Berufstätigen nehmen zu, wenn sie ihre Arbeit als sinnstiftend empfinden. Somit profitiert auch Ihr Unternehmen, wenn Sie in Trainings und Coachings zur Steigerung berufsbezogener Sinnstiftung investieren.

Literaturliste zum Download

Sinnerleben-im-Job_Literatur.pdf

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