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Personal

Krank zur Arbeit: Warum Präsentismus Unternehmen schadet

Isabelle Elena Bock

10.11.2021

Krank zur Arbeit: Warum Präsentismus Unternehmen schadet
Präsentismus hat unterschiedliche negative Folgen für Unternehmen. (Foto: AdobeStock)

Wer krank ist, sollte sich kurieren. Doch immer mehr Unternehmen beobachten, dass ihr Personal trotz Krankheit zur Arbeit erscheint. Weil dieser sogenannte Präsentismus das langfristige Risiko für schwerwiegende gesundheitliche Probleme und damit verbundene Kosten und Arbeitsausfälle erhöht, diskutieren Unternehmen und Forscher*innen Maßnahmen für einen konstruktiven Umgang mit Krankheit im Arbeitskontext.

 

Bedeuten Krankschreibungen für Sie auch nur Kosten und Ärger für Ihr Unternehmen? Tatsächlich hatte die Senkung des Krankenstandes lange Zeit für viele Personaler*innen Priorität. Doch mittlerweile beobachten Unternehmen zunehmend besorgt ein Phänomen, das für die Produktivität der Firma ebenso bedrohlich sein kann wie krankheitsbedingte Arbeitsausfälle: Präsentismus.

Was ist Präsentismus?

Formal wird Präsentismus als das Arbeiten trotz Krankheit an mindestens zwei Tagen innerhalb des letzten Jahres definiert. Dieses Kriterium erfüllten 2010 laut der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) 40,4 % der Frauen und 36,3 % der Männer von insgesamt 40.000 Befragten aus 34 Ländern.

Ursachen für Präsentismus

Die Ursachen und Risikofaktoren für Präsentismus sind zahlreich, wie die Psychologieprofessorin Gail Kinman 2019 in einer Meta-Analyse herausgestellt hat:

Allgemein begünstigen hohe Anforderungen, lange Arbeitszeiten, Zeitdruck, ein hohes Arbeitspensum und Schichtarbeit das Auftreten von Präsentismus. Zudem steige die Hemmschwelle für Krankmeldungen, wenn Angestellte ihre Aufgaben nicht eigenständig delegieren können und sie daher nach ihrer Genesung ein Berg angestauter Arbeit erwartet. Aber auch eine enge Verknüpfung des Selbstwertgefühls mit der beruflichen Performanz könne Arbeitnehmende von einer Krankschreibung abhalten.

Ein weiterer Grund sind finanzielle Sorgen (Aronsson, & Gustafsson, 2005), welche laut Johansen, Aronsson und Marklund (2014) v. a. Selbstständige trotz Krankheit zur Arbeit treiben. Hinzu komme das grundlegende Gefühl, unersetzbar zu sein.

Zuletzt verdeutlicht eine neue Studie von Dietz, Zacher, Scheel, Otto und Rigotti (2020), dass sich Arbeitnehmende sehr am Gesundheitsverhalten ihrer Vorgesetzten orientieren: Wenn sich Führungskräfte trotz Krankheit keine Auszeit gestatten, folgen Angestellte oft diesem Beispiel.

Gesundheitliche Folgen

Womöglich haben Sie schon festgestellt, dass Arbeiten bei leichten Erkrankungen sogar förderlich sein kann, denn es stärkt das Selbstwertgefühl und lenkt von Beschwerden ab. Allerdings zeigt Kinmans Meta-Analyse (2019), dass Präsentismus langfristig das Risiko für Herzerkrankungen, Depressionen und lange Fehlzeiten erhöht, weil Krankheiten verschleppt werden. Auch chronische Erschöpfung und Burnout sind mögliche Konsequenzen, welche das Immunsystem schwächen und psychische und physische Erkrankungen begünstigen.

Nicht zuletzt gefährdet Präsentismus die Gesundheit der Kolleg*innen wegen des Ansteckungsrisikos.

Arbeitsbezogene Folgen

Neben der Gesundheit leidet auch die Leistungsfähigkeit, da es im kranken Zustand schneller zu Fehlern kommt, die der Produktivität des Unternehmens schaden. Außerdem kann sich die Qualität des Betriebsklimas verschlechtern, weil erschöpfte oder angeschlagene Mitarbeiter*innen zu Zynismus und Empathielosigkeit neigen (Demerouti, Le Blanc, Bakker, Schaufeli & Hox, 2009).

Wer krank ist sollte sich richtig auskurieren – auch im Homeoffice. (Foto: Rex Pickar – Unsplash.com)
Wer krank ist sollte sich richtig auskurieren – auch im Homeoffice. (Foto: Rex Pickar – Unsplash.com)

Wie lässt sich gegen Präsentismus vorgehen?

Angesichts der aufgeführten Risiken ist ein präventives Vorgehen gegen Präsentismus unverzichtbar, aber welche Maßnahmen sind zielführend, damit sich das Personal nur wirklich notwendige Krankschreibungen erlaubt? Fünf Aspekte wurden dazu übereinstimmend in den dargestellten Studien genannt, aus denen sich hilfreiche Tipps ableiten lassen:

  1. Bewusstsein

Oft fehlt das Bewusstsein für die Langzeitrisiken der zunächst erfreulich erscheinenden Neigung des Personals, auf Krankheitstage zu verzichten. Erhöhen Sie dieses Bewusstsein, indem Sie den Präsentismus in Ihrer Firma durch Personalbefragungen sichtbar machen und die negativen Folgen thematisieren.

  1. Klarheit und Orientierung

Ebenfalls sollten Sie offen mit der Belegschaft über das erwünschte Verhalten im Krankheitsfall sprechen. Vielen Arbeitnehmenden fällt es schwer zu entscheiden, wann sie krank genug sind für eine Krankmeldung. Ermutigen Sie ihre Mitarbeiter*innen daher, sich durch eine ärztliche Diagnose Klarheit zu verschaffen, und erklären Sie, dass begründete Krankmeldungen auch eine Form der Rücksichtnahme auf die Kolleg*innen sind und nicht zu beruflichen Nachteilen führen.

  1. Flexible Arbeitsgestaltung

Damit Arbeitsabläufe durch Krankmeldungen nicht ins Stocken geraten, sollten Sie vorab in den Arbeitsteams regeln, wer welche Aufgaben übernimmt, falls Kolleg*innen ausfallen. Ein anderer Vorschlag Kinmans (2019) ist, Mitarbeitende in der Genesungszeit bereits wieder unter Schonbedingungen arbeiten zu lassen, z. B. bei reduzierter Stundenanzahl oder indem ihnen weniger anspruchsvolle Aufgaben zugeteilt werden.

  1. Führungskräfte als Vorbilder

Als Führungskraft können Sie mit gutem Beispiel vorangehen, indem Sie im Krankheitsfall ebenfalls der Arbeit fernbleiben. Auch sollten Sie erkennbar kranke Mitarbeitende ansprechen und nach Hause schicken.

  1. Vorsicht bei Homeoffice

Zwar geht Telearbeit mit einer niedrigeren Anzahl von Fehlstunden einher, jedoch vermuten Forscher*innen, dass dies eher am Präsentismus als an einer tatsächlich niedrigeren Krankheitsrate liegt. Oft fehlt nämlich die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem. Außerdem entfällt zu Hause das Risiko, Kolleg*innen anzustecken. Zudem verzichteten Angestellte in der Pandemie häufig auf Krankmeldungen, um den Kolleg*innen keine zusätzliche Arbeit zu bescheren. Verdeutlichen Sie daher dem Personal, dass im Homeoffice dieselben Regeln gelten wie am Arbeitsplatz, und setzen Sie sich auch selbst nicht krank vor den PC.

Fazit

Präsentismus gefährdet die Gesundheit des Personals und kann langfristig hohe Kosten und Produktionsausfälle verursachen. Als Unternehmen sollten Sie deshalb klar kommunizieren, welches Verhalten Sie sich von Ihren Beschäftigten im Krankheitsfall wünschen, und Arbeitsabläufe so organisieren, dass auf krankheitsbedingte Ausfälle flexibel reagiert werden kann. Führungskräfte fungieren als Vorbilder, indem sie sich selbst eher krankmelden, anstatt um jeden Preis am Arbeitsplatz zu erscheinen.

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