Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

Führung

Wie Führungskräfte die Gesundheit ihres Teams fördern können

Ute Zander-Schreindorfer

11.08.2021

Wie Führungskräfte die Gesundheit ihres Teams fördern können
Führungskräfte, die Gesundheit als Thema der Führung ansehen, sorgen für ein höheres Wohlbefinden der Mitarbeitenden. (Foto: Andrea Piacquadio)

Schon seit Langem belegen Untersuchungen, dass Führungskräfte einen wichtigen Einfluss auf die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden haben. Die Frage, wie Führungskräfte die Leistungsfähigkeit und Gesunderhaltung ihrer Teams im Auge behalten können, soll in diesem Beitrag im Vordergrund stehen.

Im Folgenden möchte ich Möglichkeiten vorstellen, ich nenne sie "Healthy Habits", die Führungskräfte nutzen können, um Gesundheit in ihrem Arbeitsbereich zu fördern. Mit Healthy Habits ist ein Führungsverhalten gemeint, das Gewohnheiten oder Rituale mit einem signifikant gesundheitsförderlichen Effekt impliziert. 

Healthy Habits = gesundheitsförderliche Verhaltensweisen sind auf verschiedenen Ebenen verankert. (Abbildung: Zander, 2021) 
Healthy Habits = gesundheitsförderliche Verhaltensweisen sind auf verschiedenen Ebenen verankert. (Abbildung: Zander, 2021) 

Armin Haupt ist Geschäftsführer eines IT-Dienstleistungsunternehmens. Seit vielen Jahren arbeitet die IT-Projektmanagerin Lena Weidner für ihn. Sie wirkt in letzter Zeit sehr erschöpft. Lenas Humor und ihre Leichtigkeit scheinen verschwunden zu sein. Ihre Beiträge fallen immer einsilbiger aus, die Anzahl der Überstunden entwickeln sich stark nach oben. Armin beschließt, das persönliche Gespräch zu suchen. Er ist entschlossen, die sichtbar wachsende Überlastungssituation aufzuhalten. Er möchte nicht warten, bis Lenas Arbeitsleistungen sinken.

Gesundheit zum Thema machen

Führungskräfte, die ihre Mitarbeitenden auf Gesundheits- und Belastungsthemen ansprechen und/oder sie zur Teilnahme an Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung motivieren (z. B. Stressbewältigungskurse, Achtsamkeitstrainings, Gesundheitstage, gemeinsame Sportaktivitäten, Kurse zur Raucherentwöhnung etc.), sorgen dafür, dass der Gesundheitslevel in ihrem Team auf einem höheren Niveau bleibt. 

Bereits die erste große Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahre 2014 (RE-SU-LEAD) hat gezeigt, dass unter Führungskräften, die Gesundheit als Thema der Mitarbeitendenführung ansehen, die Wahrscheinlichkeit signifikant steigt, dass die Gesundheit im Arbeitsbereich gewährleistet bleibt. 

Armin kennt Überforderungssituationen aus eigener Erfahrung. Vor zwei Jahren ging es ihm ähnlich. Immer auf der Jagd danach, die tägliche To-Do-Liste endlich mal abzuhaken, war der Akku irgendwann leer und Armin hat ein Gesundheitscoaching in Anspruch genommen. Dieses hat seine Wahrnehmung für eigene Belastungsgrenzen und -signale geschärft. Armin nutzt seitdem Pausen, um auch während des Arbeitsalltags abzuschalten. Auch wenn sehr viel zu tun ist, verlässt er mindestens für eine ¾-Stunde seinen Arbeitsplatz, um draußen spazieren zu gehen. So gelingt es ihm, seine Gedanken neu zu sortieren und häufig kehrt er mit neuen Perspektiven und Ideen an seinen Schreibtisch zurück.

Immer wieder gerät Armin aufgrund von Arbeitsdruck und Konfliktsituationen in Stress. Im Gesundheitscoaching hat er einige Achtsamkeitsübungen gelernt. Er übt sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz. So kommt er immer wieder zur Ruhe, kehrt zu klaren Gedanken zurück und senkt seinen Blutdruck. 

1. Healthy Habit: Self Care

Armin ist für Belastungsthemen aus eigener Erfahrung sensibilisiert und kann dadurch Warnsignale bei seinen Mitarbeitenden schneller erkennen. Der Zusammenhang zwischen erfolgreicher Selbstfürsorge und erfolgreicher Fürsorge für Mitarbeitende ist bekannt. Schulungen zu gesunder Führung greifen diesen Zusammenhang auf und vermitteln Techniken und Reflexionsmöglichkeiten des "Self Care". 

Wenn Mitarbeiter*innen mit ihren Vorgesetzten in Gesundheitsgesprächen job-adäquate Entlastungslösungen erarbeiten, spielt das „Dranbleiben“ eine Rolle. Je nachdem welche Lösungen und Maßnahmen besprochen werden, sollte die Umsetzung beobachtet und regelmäßig ausgewertet werden. Es kann zwischen beruflichen und privaten Maßnahmen unterschieden werden. Meistens empfiehlt es sich, dass sich die Führungskraft auf den beruflichen Bereich beschränkt.

Laut Arbeitsschutzgesetz § 5 obliegt den Vorgesetzten die Verantwortung für den Gesundheits- und Arbeitsschutz. Der Privatbereich liegt in der Verantwortung der Mitarbeitenden. Auch wenn Führungskraft und Mitarbeiter*in sich gut verstehen und private Belastungsthemen in einem Gesundheitsgespräch thematisiert werden, überschreitet die Führungskraft ihren Verantwortungsbereich, wenn sie private Belastungsthemen in Form von Zielvereinbarungen in Mitarbeitergesprächen aufgreift. Die Ausnahme sind Suchtverhalten und andere psychische Erkrankungen, die an entsprechende Fachleute delegiert werden können (z. B. Betriebsärzt*innen, Suchbeauftragte im Betrieb). Im Rahmen der Gesundheitsförderung durch die Führungskraft lautet daher eine weitere Empfehlung: 

2. Healthy Habit: Geteilte Verantwortung

In der Regel übernimmt eine Führungskraft die Verantwortung für Maßnahmen im eigenen Arbeitsbereich. Dies bezieht sich auf Arbeitsorganisation, -aufgaben, -umgebung und z. T. auf die Gestaltung der sozialen Beziehungen im eigenen Führungsbereich.

Der/die Mitarbeiter*in wiederum übernimmt Verantwortung für die Umsetzung all der Maßnahmen, die sich auf das eigene gesundheitsförderliche Verhalten (Nein-Sagen, für Pausen am Arbeitsplatz sorgen, keine Überstunden mehr machen, etc.) und die Gesunderhaltung außerhalb des Arbeitsplatzes beziehen. Folgende Fragen, die in Gesundheitsgesprächen gestellt werden verdeutlichen diese geteilte Verantwortung: "Was wirst du veranlassen, bzw. ändern, um die Belastungssituation zu entschärfen?" , "Welche Maßnahmen siehst du in meiner Verantwortung? Wofür bist du selbst zuständig?" 

Armin und Lena sind mit den Ergebnissen des Gesundheitsgesprächs zufrieden. In dem Zusammenhang sind auch neue Themen zur Sprache gekommen, die das gesamte Team betreffen: Unklarheiten in der Aufgabenverteilung und den Zuständigkeiten, die immer wieder zu Konflikten und Spannungen führen. Lena und Armin haben Vereinbarungen getroffen, für die beide sich verantwortlich fühlen. Lena wird konsequent darauf achten, mindestens einmal pro Tag eine Pause zu machen. Sie wird nicht mehr am Arbeitsplatz essen, sondern gemeinsam mit Kolleg*innen mittags essen gehen. Armin unterstützt Lena, indem er die Organisation klarer Zuständigkeiten im Rahmen des Jour fixe fördert.  

Ein gemeinsames Mittagessen mit den Kolleg*innen strukturiert den Tag und wirkt sich positiv auf die psychische Gesundheit aus. (Foto: Fauxels / Pexels.com)
Ein gemeinsames Mittagessen mit den Kolleg*innen strukturiert den Tag und wirkt sich positiv auf die psychische Gesundheit aus. (Foto: Fauxels / Pexels.com)

3. Healthy Habit: Gesundheitsförderliches Teamgespräch

Wissenschaftliche Studien (z. B. "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" BAuA) betonen die stressreduzierende Bedeutung sozialer Unterstützung im Team. Aber auch Faktoren wie eine gute Abstimmung, eine gelungene Schnittstellenkommunikation, die Klärung von Zuständigkeiten und von Konflikten helfen allen Teammitgliedern, das Gesundheitslevel hochzuhalten. 

Führungskräfte können diesen Prozess unterstützen, indem sie regelmäßige Teamgespräche führen und die Belastungsfaktoren, die in der gemeinsamen Zusammenarbeit entstehen, reduzieren. Die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungsfaktoren (§ 5 Arbeitsschutzgesetz) empfiehlt in diesem Zusammenhang ebenfalls die Durchführung gemeinsamer Workshops zum Belastungsabbau. 

Armin hat erkannt, dass nicht nur Lena belastet ist. Auch andere Teammitglieder sehen sich oft an Belastungsgrenzen. Daher organisiert Armin ein Meeting, in dem es um Ausgleichsmöglichkeiten für Belastungen und Stress im Team geht. Zunächst werden Aspekte und Rahmenbedingungen gesammelt, die zu einer subjektiv wahrgenommenen Belastung führen. Hier werden Punkte wie "hoher Work-Level", "schwierige Kundensituationen" und "Software-Probleme" genannt.

Anschließend diskutiert das Team, welche Bewältigungsressourcen zur Verfügung stehen. Das Team nennt hier die hohe Motivation im Team, interessante Projekte und eine gute Arbeitsatmosphäre. Abschließend vereinbart die Gruppe, wie sie hohe Belastungsspitzen gemeinsam bewältigen möchte. Hier stehen Maßnahmen für eine verbesserte Projektorganisation und mehr Gelegenheiten, gemeinsame Erfolge zu feiern, auf der Agenda. 

Führungskräfte können mit Hilfe dieser Healthy Habits wichtige Impulse für mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit in ihrem Arbeitsbereich sorgen. 


Ausführliche Tipps und Praxisbeispiele für das Führen von Gesundheits- und Teamgesprächen finden Sie hier: 


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