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Wie positive Emotionen Wahrnehmung und Denkvermögen erweitern

Nico Rose

19.05.2021

Wie positive Emotionen Wahrnehmung und Denkvermögen erweitern
Positive Emotionen spielen im Arbeitskontext eine besondere Rolle. (Foto: Brett Sayles / Pexels.com)

Menschen erleben gerne positive Emotionen wie Zufriedenheit oder Ausgelassenheit. Auch für das Geschehen in Organisationen spielen sie eine besondere Rolle, denn eine positive Stimmung erweitert die Wahrnehmung und fördert unterschiedliche kognitive Fähigkeiten.

Stellen Sie sich bitte für einen Moment das Folgende vor: Sie fühlen sich richtig gut, sind bei bester Laune, energetisiert und optimistisch. Verweilen Sie für einen Moment bei diesem Erleben…  

Je intensiver Sie sich in diesen Zustand hineinversetzen, desto mehr werden Sie bemerken, dass dies eine ganzkörperliche Erfahrung ist. Vielleicht breiten sich angenehme Gedanken in Ihrem Kopf aus, oder Sie spüren ein Gefühl von Wärme. Möglicherweise bemerken Sie, dass sich Ihre Körperhaltung verändert oder dass Ihr Atem ein wenig leichter fließt. Wozu ist das gut? Eine erste Antwort: Es fühlt sich gut an.

Diese Antwort ist zutreffend, aber wenig aufschlussreich – und greift zu kurz. Der Mensch ist das Ergebnis von Millionen Jahren an Evolution. Diese beruht auf Selektion. Daraus lässt sich ableiten, dass jene Merkmale und Fähigkeiten, die uns als Spezies gegeben sind, sich über Äonen als nützlich erwiesen haben, um das Überleben der Art zu sichern.  

Positive Emotionen dienen der Spezies Mensch ebenfalls zur Arterhaltung. Die spannende Frage ist, worin genau ihr spezifischer Nutzen besteht – gerade auch in Abgrenzung zu den negativen Emotionen.

Wachstum und Erweiterung durch positive Emotionen 

Mit dieser Frage hat sich Barbara Fredrickson (University of North Carolina) in ihrer „Broaden-and-Build-Theorie“ der positiven Emotionen beschäftigt. Bevor diese näher erläutert wird, ist es zum besseren Verständnis hilfreich, die andere Seite des Kontinuums zu beleuchten. Generalisierend lässt sich zeigen, dass negative Emotionen (Ausnahme: akute Wut) eine hemmende, zurückziehende Qualität haben. Insbesondere unter Angst und Trauer haben wir das Bedürfnis, uns kleiner zu machen, uns zurückzuziehen. Gleichzeitig bündeln diese Gefühle unsere Aufmerksamkeit, richten diese fortwährend auf das auslösende Objekt aus.

Ebenso beeinflussen negative Emotionen auch unser Verhalten. So, wie wir uns körperlich klein machen, machen wir uns auch mental enger. Insbesondere im Zustand großer Angst und Wut ziehen wir uns auf automatisierte Verhaltensmuster zurück. Dies wird auf endokrinologischer und neuronaler Ebene von entsprechenden Veränderungen begleitet. Furcht wie auch Wut ziehen, vereinfacht gesagt, Blut aus der Großhirnrinde ab. Es wird stattdessen vermehrt u. a. in die Gliedmaßen gepumpt, um den Körper kampf- bzw. fluchtbereit zu machen.

Fredricksons Theorie postuliert nun, dass es sich mit den positiven Emotionen entgegengesetzt verhält: Sie haben eine erweiternde Qualität. Dies gilt sowohl für die körperliche, die mentale, wie auch die soziale Ebene. Konkret spricht Fredrickson davon, dass positive Emotionen unsere Aufmerksamkeit und unser Denk- und Verhaltensrepertoire erweitern (Fredrickson & Branigan, 2005). Was ist damit gemeint?

Positive Stimmung verändert Wahrnehmung und Denkvermögen 

Wenn man Menschen experimentell in positive Stimmung versetzt (z. B. durch einen lustigen Videoclip), findet man folgende Effekte (die Befunde stammen aus verschiedenen Studien und werden nach Fredrickson (2013) im Überblick geschildert): 

  • Siezeigen allgemein mehr Verhaltensimpulse, wollen also aktiver werden, während negative Stimmung uns passiver werden lässt.
  • Sie haben eine messbar verbesserte Sicht im peripheren Bereich des Sichtfelds. D. h., der Fokus der visuellen Aufmerksamkeit verbreitert sich.
  • Die Erweiterung des Blickfelds offenbart sich auch auf der mentalen Ebene: Unter positiver Stimmung generieren Menschen mehr und kreativere Problemlösungen in Aufgaben, die laterales Denken erfordern.
  • Positiv gestimmte Menschen denken abstrakter. Wenn sie gebeten werden, Gegenstände zu beurteilen, achten sie stärker auf Zusammenhänge und weniger auf die Einzelheiten.
  • Positive Emotionen sorgen dafür, dass wir unseren Zirkel des Vertrauens erweitern. Menschen zeigen dann weniger „Outgroup Behavior“. Sprich: Wir schauen stärker auf das, was uns mit anderen Menschen verbindet als auf das, was uns trennt.

 

Nutzen und Effekte von positiven und negativen Emotionen. (Abbildung: Rose, 2021)
Nutzen und Effekte von positiven und negativen Emotionen. (Abbildung: Rose, 2021)

 

Mehr ist nicht automatisch besser 

Aus den bisherigen Ausführungen sollte nicht abgeleitet werden, dass positive Emotionen per se „besser“ als negative Emotionen sind, nur weil sie sich im konkreten Erleben besser anfühlen oder bestimmte wünschenswerte Effekte mit sich bringen. Es gibt hier, wie so oft in der Psychologie, einen „Zuviel-des-Guten-Effekt“. So lässt sich zeigen, dass äußerst positiv gestimmte Menschen zu unrealistischeren Urteilen neigen und Gefahren unterschätzen (Judge & Ilies, 2004), ähnlich wie betrunkene Personen.

Emotionale Agilität im Unternehmen fördern 

Gerade in verantwortlicher Position in Organisationen sollte man sich vor Augen halten, dass unterschiedliche Emotionen unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedliche Konsequenzen zeitigen.

Grundsätzlich geht es darum, anzuerkennen, dass jedwede Emotion in Organisationen „angebracht“ und auch „erlaubt“ ist. Gerade auch Situationen wie die Corona-Pandemie machen uns deutlich, dass Unannehmlichkeiten und auch Leid normale Bestandteile des Geschehens in Unternehmen sind. Der achtsame Umgang mit dem eigenen Leid wie auch dem Leid anderer Personen ist somit eine wichtige Führungskompetenz (Rose, 2020). Darüber hinaus könnte eine intelligente Form des Umgangs mit Emotionen im Arbeitsleben darin liegen, diese nicht ausschließlich als etwas zu betrachten, was „einfach über uns kommt“, sondern die besondere Kraft der Gefühle im Rahmen der Möglichkeiten aktiv und bewusst zu nutzen. Das könnte dann beinhalten, die eigenen Emotionen anlassbezogen bewusst zu regulieren (z. B. durch entsprechende Musik oder Videoclips) – derart, dass man sich in eine positive Stimmung bringt, wenn Aufgaben anstehen, bei denen das Generieren von neuen Ideen im Vordergrund steht. Auf der anderen Seite wäre es angeraten, eine zu positive Stimmung tendenziell zu neutralisieren, wenn es im Anschluss darum geht, die Ideen hinsichtlich ihrer Validität und Machbarkeit zu überprüfen.

Fazit

Ein Grundgedanke der Lehren des Buddha, aber auch der kognitiven Therapie ist es, dass wir durch die Qualität unserer Gedanken unser emotionales Erleben gezielt beeinflussen können. Mehr und mehr wird jedoch deutlich, dass wir auch unser Denken beeinflussen können, indem wir darauf achten, was und wie wir fühlen. In diesem Sinne geht es also darum, noch besser zu lernen, die ganze Bandbreite unseres emotionalen Spektrums auszuleben und bisweilen sogar gezielt anzusteuern. Die Bedeutung von positiven Emotionen wie Spaß und Freude steht jener der unangenehmen emotionalen Kehrseiten in nichts nach.

Literatur

Fredrickson, B. L. (2013). Positive emotions broaden and build. Advances in Experimental Social Psychology, 47, 1-53. 

Fredrickson, B. L., & Branigan, C. (2005). Positive emotions broaden the scope of attention and thought‐action repertoires. Cognition & Emotion, 19(3), 313-332. 

Judge, T. A., & Ilies, R. (2004). Is positiveness in organizations always desirable? Academy of Management Perspectives, 18(4), 151-155. 

Rose, N. (2020). Was tun Sie für sich? Harvard Business Manager, 7, 50-53. 

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