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Strategie

Zwischen „sollte ich“ und „mache ich“

18. Oktober 2018

Zahlreiche Studien belegen, dass Willenskraft – in der Literatur auch oft als Umsetzungskompetenz oder Volition bezeichnet – mehr Einfluss auf den beruflichen und privaten Erfolg hat als Intelligenz. Bei ungefähr einem Drittel aller Menschen ist die Willenskraft von Geburt an sehr stark ausgeprägt. Ob dafür eine hirnorganische Struktur zuständig ist, die ein besseres Fokussieren bei gleichzeitig eingeschränkter Wahrnehmung ermöglicht, ist noch nicht endgültig geklärt.

Je größer der gespürte Widerstand, desto mehr Willenskraft ist vonnöten

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Wie man seiner Willenskraft auf die Sprünge helfen kann, hat der Diplompsychologe und Coach (BDP) Hans-Georg Willmann in mehreren Publikationen beschrieben. Er stützt sich dabei auf berühmte Psychologen wie Albert Bandura und Roy Baumeister, bekannt für seine Forschungen zu den Themen Willenskraft, Selbstkontrolle und Selbstachtung. Bei seiner Arbeit als Coach trifft Willmann immer wieder Menschen, die hoch motiviert sind, sich durchaus ernsthaft ambitionierte Ziele stellen und sie dennoch oft nicht erreichen. Es gelingt ihnen nicht dranzubleiben trotz guter Motivation. Unlustgefühle stellen sich ein, Unentschlossenheit, Ängste. Den Hype um Motivation sieht Willmann deshalb skeptisch. „Ohne Willenskraft schaffen es Menschen nicht, ihre motivationalen Bilder – und seien sie noch so schön – Wirklichkeit werden zu lassen“, erklärt er. „Je größer der Widerstand ist, den sie verspüren, desto mehr Willenskraft ist vonnöten um ihn zu überwinden. Es braucht deshalb beides: das lohnende Ziel vor Augen, also die Motivation, und die Willenskraft, die Zähne zusammenzubeißen und so lange auf das Ziel hinzuarbeiten wie nötig.“

Was steht der Willenskraft im Weg?

Beim psychologischen Coaching geht er diagnostisch in die Tiefe und schaut darauf, was der Willenskraft seiner Klienten im Wege steht, was zu der häufig mangelnden Fähigkeit zur Fokussierung führt und welche emotionalen Faktoren ggf. zu berücksichtigen sind. Manchmal findet er zu viele „Ablenker“ in der Umgebung des Klienten, manchmal stellt er ein Selbstwertproblem fest. So findet er Ansatzpunkte für die planvolle Entwicklung von Willenskraft. Das kann für Führungskräfte aber auch für Leistungssportler sehr hilfreich sein.

Für den eher privaten Gebrauch im Kampf gegen Unlustgefühle und Unentschlossenheit empfiehlt er einige auch ohne professionelle psychologische Unterstützung gut einsetzbare Tricks. Sie helfen – anders als das Training der Willenskraft – die Widerstände zu senken, sie der eigenen zur Verfügung stehenden Willenskraft anzupassen.

An der Hürde vorbeigehen

Die größte Hürde im Umsetzungsprozess sieht Willmann im Loslegen. Sie zu überwinden, verlange eine große Portion Willenskraft. „Es sei denn, wir gehen an der Hürde einfach vorbei, indem wir uns sagen: Ich mache das jetzt zehn Minuten lang. Dann höre ich auf, wenn mir danach ist. Wir fangen mit der Aufgabe also nicht ‚ganz‘ an, sondern machen nur den ersten Schritt.“ So ließen sich sowohl die erwartete Anstrengung als auch der innere Widerstand reduzieren. „Wenn wir erstmal angefangen haben, erleben wir oft eine verblüffende Zufriedenheit des emotionalen Systems.“ Oft wolle man nach den zehn Minuten gar nicht mehr aufhören.

Zeit verknappen

Ein anderer Faktor, der das Anfangen oft verhindere und zu Prokrastination („Aufschieberitis“) führe, ist Willmann zufolge ein großes Zeitfenster, das das Gefühl vermittelt, z.B. für die Erarbeitung eines Konzepts noch lange Zeit zu haben. Unser Gehirn sortiere die Aufgabe auf seiner Prioritätenliste dann automatisch nach unten. Oben stünden dagegen Dinge, die raschen Erfolg versprechen. „Wenn wir dagegen die Zeit verknappen (durch selbstbestimmte Terminierung), bewertet unser Gehirn sie als wertvoll und will sie folglich möglichst gut nutzen. Deshalb schüttet es Adrenalin aus, das unsere Konzentration und Leistungsfähigkeit erhöht.“

Auf unvorhergesehene Ereignisse vorbereiten

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Wenn geplante Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt werden, kann das aber auch an unvorhergesehenen Ereignissen liegen. Wichtige Termine kommen dazwischen, oder der Arbeitstag dauert mal wieder länger als geplant. Solche Widrigkeiten können immer auftauchen, sagt Willmann. „Deshalb sollten wir uns auf sie vorbereiten. Eine so einfache wie wirkungsvolle Möglichkeit dazu bieten Wenn-dann-Regeln.“ Dabei verknüpft man eine konkrete kritische Situation mit einer ebenso konkreten Reaktion: Wenn A passiert, mache ich B – nicht C, D oder E, sondern immer B. Wenn Überstunden unvermeidbar sind, dann plant man z.B. für die Masterprüfung kürzer als beabsichtigt zu arbeiten. „Denn ein bisschen zu lernen ist in jedem Fall besser als gar nicht.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Willmann, H-G. (2018). Auf die Plätze… managerSeminare, 246, 72–78.

Willmann, H-G. (2017). Verblüffend einfach Ziele erreichen. Offenbach am Main: Gabal Verlag.

Willmann, H-G. (2015). Erfolg durch Willenskraft. Offenbach am Main: Gabal Verlag.

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