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Strategie

Emotionen im Unternehmen stärken

15. November 2016

Sind Gefühle in unserer postfaktischen Zeit wichtiger als Tatsachen, zumal bei der Arbeit? Und welche Emotionen sollten im Unternehmen gestärkt werden? Antworten auf diese Fragen suchten Emotionsexperten bei einer Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Personalfachmesse Zukunft Personal. Bärbel Schwertfeger, Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell, moderierte.

Denken und Fühlen hängen zusammen

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Newt Gingrich, US-amerikanischer Politiker der Republikanischen Partei, machte kürzlich in einem Interview Furore. Den Kriminalitätsstatistiken hielt er entgegen, dass er sich nicht auf diese Fakten verlasse, sondern allein auf die Gefühle der Menschen. Sollten wir angesichts solcher Tendenzen mehr denken und weniger fühlen? Fürs Nachdenken plädierte Markus Väth, Diplom-Psychologe, freiberuflicher Coach und Berater. „Es ist gefährlich, wenn wir uns nicht über Dinge einigen, die sind und die nicht sind, und unsere eigenen Gefühle zur Richtschnur für die ganze Welt machen“, so der Autor des Buchs „Arbeit: Die schönste Nebensache der Welt“. Er hob aber auch hervor, dass natürlich jeder verständige Mensch auch Gefühle habe und „Ratio“ wie „Emotio“ keine getrennten Sphären seien. „Aber wir müssen unsere Gefühle erkennen. Darin sind viele Menschen nicht geschult – auch Führungskräfte nicht.“ Es gelte, die eigenen Gefühle von denen anderer zu trennen und entsprechend zu handeln. Das werde allerdings in Unternehmen nicht aktiv gefördert. „Wir leben in einer Führungskultur des Managements und des Controllings. Bei Einsen oder Nullen gibt es wenig Raum für Emotionen.“

Podiumsdiskussion „Es geht um authentische Gefühle.“Foto: Zukunft Personal

Podiumsdiskussion: „Es geht um authentische Gefühle.“ Mit Markus Väth, Maik Spengler, Bärbel Schwertfeger, Jochen Menges und Hanna Drabon (v.l.n.r.).

Unausgebildete Gefühle

„Das Problem ist, dass wir Gefühle als Gegenspieler der Gedanken sehen. Wir brauchen aber beides“, bestätigte auch Jochen Menges, der den Lehrstuhl für Führung und Personalmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf innehat, und zu Gefühlen in Gruppen forscht. Während unser Gehirn schon in der Schule trainiert werde, komme die Gefühlsbildung oftmals zu kurz: „Gefühle bleiben bei der Ausbildung auf der Strecke.“ Jeder bemerke Emotionen anderer Personen, manche Menschen seien darin aber besser als andere. In einer Studie habe er herausgefunden, dass die Fähigkeit zur Emotionserkennung mit dem Jahreseinkommen korreliere. „Personen, die Emotionen besser erkennen, verdienen mehr Geld.“ Unternehmen nutzten diese Erkenntnis bisher jedoch meist höchstens intuitiv und prüften oder förderten entsprechende Fähigkeiten der Mitarbeiter noch nicht systematisch.

Podiumsdiskussion „Emotionen – Hype oder Falle?“Foto: Zukunft Personal

Das Thema lautete: „Emotionen – Hype oder Falle?“ Maik Spengler dazu: „Gefühle werden oft widersprüchlich ausgedrückt. Schlechte Manager erkennen das Problem nicht.“

Mit Emotionen egoistisch umgehen

„Die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, ist jedem gegeben, aber Gefühle werden oft widersprüchlich ausgedrückt“, ergänzte Maik Spengler, Diplom-Psychologe und Leiter Forschung und Entwicklung bei HR Diagnostics in Stuttgart. So könne jemand, der traurig sei, auch lächeln. „Schlechte Manager erkennen das Problem nicht.“ Für Testverfahren, die in seinem Unternehmen entwickelt werden, beschäftige er sich damit, wie viel emotionale Intelligenz Menschen für bestimmte Positionen im Unternehmen brauchen. „Ein Mitarbeiter, der häufig in Kontakt zu anderen Menschen steht, muss Kompetenzen im Bereich der Emotionserkennung und Emotionskontrolle haben, damit etwa Kundengespräche nicht eskalieren.“ Hinter der Kompetenz, Gefühle auszumachen und mit ihnen umgehen zu können, steckten verschiedene Motive. Manche Mitarbeiter handelten aus egoistischem Interesse, andere im Sinne der Organisation. „Führungskräfte brauchen eine gewisse Ausprägung egoistischen Handelns in Emotionsfragen, um Entscheidungen durchzusetzen. Bei zu hoher Ausprägung nimmt aber auch hier die Leistung ab.“ Auch dazu gebe es passende psychologische Methoden, um die Triebfeder der Beschäftigten zu ermitteln.

Jochen MengesFoto: Zukunft Personal

Jochen Menges: „Eine Organisation sollte ein Repertoire an Emotionen haben und damit umgehen können.“

Emotionale Normen

„Im Durchsetzungskampf auf dem Weg nach oben muss man auch mal seine Gefühle zurückhalten und sich davon distanzieren können“, so Jochen Menges. Prinzipiell hänge es aber stark von der Unternehmenskultur ab, ob man die Emotionen eher zeigen könne oder verbergen sollte. „Jedes Unternehmen hat emotionale Normen. In einer Werbeagentur sind das andere als in der Versicherungsfiliale.“ Gefühle zurückzuhalten, mache niemandem so richtig Spaß. „In der klassischen hierarchischen Struktur gibt es Kulturelemente, die heute nicht mehr zu den Erwartungen der Menschen passen.“ Oft würden Gefühle kultiviert und gepflegt, die eigentlich niemand befürworte. Hinzu komme, dass Menschen besser arbeiteten, wenn sie mit ihrer Tätigkeit emotional verbunden seien. Deshalb empfehle er, dass sich alle Mitarbeiter fragen sollten, was sie eigentlich empfinden wollen. Wer dies mit dem Ist-Zustand abgleiche, entdecke häufig eine deutliche Lücke. „Eine Organisation sollte ein Repertoire an Emotionen haben und damit umgehen können. Sinn und Ziel des Unternehmens sind dabei die Schlüssel. Denn dann sind auch negative Emotionen akzeptabel, die auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel entstehen.“

Hanna DrabonFoto: Zukunft Personal

Hanna Drabon: „Es erfordert viel Mut, Emotionen hochkommen zu lassen, auch wenn es mal schlecht läuft.“

Wertschätzung unter Kollegen

Hanna Drabon, verantwortlich für das Business Development bei Comspace, einer Internetagentur aus Bielefeld, konnte neue Ansätze aus der Praxis aufzeigen: „Wir wollen das Team 4.0 in einem vernetzten Unternehmen bilden.“ Auf Initiative des Geschäftsführers Andreas Kämmer sei dies als offener Prozess angelegt, der auch den Abbau von Hierarchien einschließe. „Wenn dabei herauskommt, dass wir ein mitarbeitergeführtes Unternehmen werden, dann wird es das. Es erfordert viel Mut, Emotionen hochkommen zu lassen, auch wenn es mal schlecht läuft“, so Drabon. Comspace hat unter anderem einen Feelgood-Manager eingeführt, der die Beschäftigten aktiv dabei unterstützt, mit positiven und negativen Gefühlen umzugehen, auch im Konfliktfall. Einbringen müsse sich dennoch jeder selbst: „Wir entwickeln uns dahin, dass jeder sein eigener Feelgood-Manager sein sollte.“ 80 Prozent jedes Gesprächs seien Emotionen – das dürften Unternehmen nicht einfach ignorieren. Zudem gehe es vielen Mitarbeitern nicht nur darum, die Wertschätzung vom Chef zu bekommen. Ebenso wichtig seien positive Rückmeldungen der Kollegen: „Wir möchten uns das Schulterklopfen teilen.“

Ehrlichkeit ist angesagt

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Derartige Ansätze von New Work erwiesen sich jedoch oftmals als Fassade, merkte Moderatorin Bärbel Schwertfeger mit Hinweis auf einen Spielehersteller an. Er habe mit luxuriösen Arbeitsbedingungen geworben, letztlich aber unliebsame Mitarbeiter vor die Tür gesetzt, als ein Betriebsrat gegründet werden sollte. Hanna Drabon hielt demgegenüber die Ehrlichkeit hoch: „Uns geht es um authentische Emotionen. Das schätzen die Kunden ebenso wie die Mitarbeiter. Und nur so können wir unsere hochmotivierten Mitarbeiter binden.“

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