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Strategie

Wertewandel nutzen

26. Juni 2015

Mareike Kholin und Gerhard Blickle zeigen in einem Übersichtsbeitrag auf, wie sich Arbeitswerte durch die Globalisierung ändern. Um den Wertewandel besser zu verstehen, hilft ein Blick auf Definition, Geschichte und Umgebungsbedingungen. Durch Wertesynthese, Werteimport, individuelle Führung und angepasste Belohnungssysteme lässt sich der Wertewandel nutzen.

Wertewandel durch Globalisierung

Alle Hefte im ÜberblickMareike Kholin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Universität Bonn, und der Lehrstuhlinhaber Gerhard Blickle haben in der Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie einen Übersichtsartikel zur Veränderung von Arbeitswerten durch die Globalisierung veröffentlicht. Im Folgenden werden daraus einige Erkenntnisse extrahiert, die Führungskräfte und Mitarbeiter für ihre Arbeit nutzen können.

Erkennen und verbinden

Werte kennen. Arbeitswerte sind Vorstellungen über wünschenswerte Ziele bei der Arbeit. Ihre Kenntnis hilft dabei, sich darüber klar zu werden, was man durch Arbeit erreichen will und was sie einem im Leben bedeutet. Die Sozialpsychologin Maria Ros unterscheidet folgende Arbeitswerte auf vier Dimensionen:

Auf Geschichte und Umgebung schauen. Arbeitswerte haben sich verändert. Im klassischen Griechenland war Handarbeit verpönt und Sache von Sklaven. Calvinisten schätzten später auch schlichte Arbeit hoch. Protestantische Arbeitswerte wie Fleiß, Leistungsstreben und Hingabe bestimmen auch heute noch maßgeblich die Wirtschaft. Vier aktuelle globale Einflüsse machen die Autoren aus: 1) der Austausch mit anderen Kulturen bestimmt die Unternehmen, 2) es gibt immer mehr ältere Arbeitnehmer, 3) deregulierte Märkte haben alles verwundbarer gemacht und 4) die Ansprüche an den Einzelnen, viel zu leisten und die ganze Person einzubringen, sind enorm gestiegen.

Von Wertesynthese ausgehen. Trotz sich verändernder Umgebungsbedingungen gibt es meist nur eine Wertesynthese statt eines kompletten Wertewandels. Der Soziologe Helmut Klages fand zum Beispiel heraus, dass in den letzten Jahrzehnten nur die „aktiven Realisten“ mehr geworden sind, die traditionelle Werte wie Leistungsstreben und Arbeitsplatzsicherheit um moderne Werte wie Selbstverwirklichung und Lebensqualität ergänzen.

Hinterfragtes Wachstum

Verinnerlichte Wachstumslogik hinterfragen. Die Autoren zitieren den Soziologen Harald Welzer, wonach „neoklassische Wirtschaftsprinzipien“ auf die Menschen wirken, „welche den Druck schließlich verinnerlichen und habitualisieren“ (S. 24). Leistung und Wachstum werden für die eigene Person übernommen. Ständige Selbstoptimierung ist das freiwillig internalisierte Gebot. Diese steigenden Anforderungen an sich selbst sind neben den äußeren ein weiterer Stressor, den man hinterfragen sollte.

Werte importieren. Die westliche Welt hat nicht nur ihre protestantischen Arbeitswerte exportiert, sondern importiert auch Werte. In den letzten Jahren wurden fernöstliche Ansätze wie Meditation, Achtsamkeit und Yoga immer beliebter. Sie stellen ein Gegengewicht zum Leistungsstreben da und lenken den Geist auf das, was gerade geschieht. Diese übernommenen Werte bezeichnen die Autoren als „Ressourcen aus anderen Kulturen“. Die Globalisierung ermöglicht ihren Zugang.

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Transformational führen. Das heißt, dass eine Führungskraft versucht, ihre Mitarbeiter intellektuell zu stimulieren und sich ihnen gegenüber individuell zu verhalten. In einer vielfältiger werdenden Welt kann das ein geeigneter Führungsansatz sein. Die von Robert House seit den 1990ern geleitete „GLOBE Study“ kam übrigens zu dem Ergebnis, dass es Führungseigenschaften gibt, die in allen 62 untersuchten Nationen geschätzt werden, so zum Beispiel Ehrlichkeit, Motivierung und Entscheidungsfreude.

Belohnungssysteme anpassen. Da die meisten Berufstätigen sich heute selbstverwirklichen möchten und etwas Sinnvolles tun wollen, fordern die Autoren „auf lange Sicht eine Anpassung von Belohnungssystemen und Arbeitsorganisationen“ (S. 26). Kreative Arbeit, Selbstverwirklichung und mehr Freizeit sollten ihnen gezielt als Gegenleistung für ihre Arbeitskraft angeboten werden.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Mareike Kholin & Gerhard Blickle (2015). Zum Verhältnis von Erwerbsarbeit, Arbeitswerten und Globalisierung: Eine psychosoziale Analyse [Abstract]. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 59 (1), 16-29.

Eine Studie zeigt, dass es nicht mehr nur zehn grundlegende, weltweit gültige Werte eines Menschen gibt, sondern mit 19 fast doppelt so viele. Zum Beispiel: selbstbestimmtes Denken, Vormachtstellung, persönliche Sicherheit oder Bescheidenheit.

In einer Studie zeigte sich, dass die Kombination aus gemeinschaftlichen Werten und tatkräftigen Eigenschaften zu mehr Lebenszufriedenheit verhalf.

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