Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Strategie

Psychologisches Fachwissen ist bei der betrieblichen Gesundheitsförderung unerlässlich

27. November 2014

Bei einem Workshop, der anlässlich des Tags der Psychologie 2014 stattfand, zogen die Teilnehmer das Fazit, dass psychologisches Fachwissen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung unerlässlich ist. Psychologinnen und Psychologen verfügen über geschulte Fähigkeiten, durch die Mitarbeiter neue gesunde Verhaltensweisen erlernen können. Dabei sollten die unterschiedlichen Anlässe zur Gesundheitsförderung und mögliche Schwierigkeiten gesehen werden.

Maßgebliche Gesundheitsförderung

Alle Hefte im ÜberblickVergangene Woche fand in Berlin der Tag der Psychologie 2014 statt, den der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) veranstaltete. Professor Dr. Michael Krämer, Präsident des BDP, sagte in seinem Eröffnungsvortrag, wie wichtig die Gesundheitsförderung als Betätigungsfeld für Psychologinnen und Psychologen geworden ist:

„Die Wirtschaftspsychologie hat sich als zweithäufigstes Berufsfeld innerhalb der Psychologie etabliert. Wirtschaftspsychologen arbeiten heutzutage nicht nur in der Eignungsdiagnostik, sondern sind dabei, im gesamten Personalbereich und bei der betrieblichen Gesundheitsförderung Maßgebliches zu leisten.“ Er forderte auch, dass Psychologen für spätere komplexe und herausfordernde Tätigkeiten eine breit ausgerichtete Ausbildung bekommen und nicht ein von Anfang an zu verengtes Spezialstudium.

Anlässe zur Gesundheitsförderung

Im wirtschaftspsychologischen Workshop tauschten sich die Diplom-Psychologin Alexandra Miethner und der Diplom-Psychologe Dr. Gerd Reimann zusammen mit den Teilnehmern über die Grundlagen des betrieblichen Gesundheitsmanagements aus. Zunächst wurde herausgearbeitet, wann Psychologinnen und Psychologen von Unternehmen für Gesundheitsmaßnahmen beauftragt wurden. Drei Anlässe kristallisierten sich dabei heraus:

1. Einzelfallmaßnahmen. Diese wurden von den Teilnehmern am häufigsten genannt. Wenn ein wegen Krankheit ausgefallener Mitarbeiter wieder eingegliedert werden sollte, wenn Kollegen ihr Zeit- oder Stressmanagement verbessern wollten oder wenn Bewegungs- und Rückenkurse als sinnvoll erachtet wurden – bei all diesen Einzelmaßnahmen wurden Psychologen, häufig in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen, einbezogen.

2. Fehlzeiten. Ein weiterer Grund, der ein psychologisch begründetes Gesundheitsmanagement nach sich zog, war, dass Fehlzeiten reduziert werden sollten, weil sie Kosten verursachten. Das führte in einem Großunternehmen dazu, dass Gesundheitsmaßnahmen ins Leitbild aufgenommen und in vielfältigen Projekten umgesetzt wurden.

3. Schwere Krankheit und Suizid. Alexandra Miethner fasste diesbezüglich die Erfahrungen der Teilnehmenden zusammen: „Von Psychologen wird mitunter Unterstützung bei schwerer Krankheit oder bei Suizid eines Geschäftsführers oder eines Mitarbeiters angefordert. Hierbei geht es häufig darum, was die Kollegen tun können und wie sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen.“ Gerd Reimann berichtete vom Suizid eines Mitarbeiters in einem Unternehmen. Psychologen wurden daraufhin beauftragt, 14 Tage lang die Kollegen zu begleiten, die sich häufig Fragen stellten, wie „Habe ich mögliche Anzeichen übersehen?“ oder „Bin ich etwa mit daran schuld?“.

Schwierigkeiten bei der betrieblichen Gesundheitsförderung

Folgende Schwierigkeiten wurden angesprochen, die bei der betrieblichen Gesundheitsförderung immer wieder auftauchten:

1. Evaluation. Dazu merkte Alexandra Miethner an, dass man einen „Return on Investment“ fürs Gesundheitsmanagement durchaus bestimmen könne. Für einen investierten Euro bekomme man etwa zwei bis drei zurück. Dennoch sprächen Unternehmer nicht gerne über das Thema „Evaluation“. Die Teilnehmer pflichteten dem bei. Vielen Geschäftsführern sei vor allem wichtig, ob die Mitarbeiter das Gesundheitsprogramm gut fänden, weniger, ob bestimmte Kennzahlen erreicht würden.

2. Langfristige Verankerung. Eine Teilnehmerin wies darauf hin, dass es schwierig sei, in einem großen Unternehmen gesundheitsfördernde Einzelmaßnahmen miteinander zu verbinden und sie langfristig in der Organisation zu verankern. Erst dann könne man von Gesundheitsmanagement sprechen, das im Sinne der Organisationsentwicklung das Unternehmen verändere, verbessere und voranbringe.

3. Mitarbeiterbefragung. Fragebögen, die im Rahmen der Gesundheitsförderung eingesetzt werden, sollten genau geprüft werden, so Alexandra Miethner: „Es ist ganz zentral, welche Fragen bei einer Mitarbeiterbefragung gestellt werden. Dabei sollten keine Wünsche geweckt werden, die mit den Mitteln des Unternehmens gar nicht umzusetzen sind. Wenn eine Befragung durchgeführt wird, muss klar sein, dass die Ergebnisse zu Maßnahmen führen.“ Ein Teilnehmer verwies darauf, dass man statt einer unternehmensweiten Befragung auch einen Workshop durchführen könne um zu erfahren, was sich die Mitarbeiter wünschten.

Am wichtigsten: psychologische Kompetenz

An einer Pinnwand sammelte Gerd Reimann dann gemeinsam mit den Teilnehmern jene Kompetenzen, über die Psychologinnen und Psychologen verfügen müssen, wenn sie im Unternehmen fürs Gesundheitsmanagement verantwortlich sind oder externe Dienstleistungen dazu anbieten. Die einzelnen Fähigkeiten und Fertigkeiten ließen sich zu drei Bereichen zusammenfassen:

1. Psychologische Kompetenzen. Hierbei wurden Fähigkeiten zur Gesprächsführung genannt: Empathie, aktives Zuhören, soziale Kompetenz, Verhandlungsführung. Aber auch psychologisches Methodenwissen, etwa für Befragungen oder zur Durchführung von Trainings, sowie Kenntnisse aus der Lern- und Motivationspsychologie gehörten dazu.

2. Betriebswirtschaftliches Wissen. Ein Teilnehmer sagte, dass jeder Psychologe im Gesundheitsmanagement in der Lage sein müsse, dazu einen Business Case zu entwickeln, also eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Weiterhin wurden Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre und ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge angeführt.

3. Gesundheitswissen. Außerdem wurde das Wissen zu Einflussfaktoren von Gesundheit, zu gesundheitspsychologischen Interventionen und zu Erwartungen, die Geschäftsleitung, Führungskräfte und Mitarbeiter hinsichtlich eines wünschenswerten Gesundheitsverhaltens haben, als notwendig erachtet.

Geprüfte Fachinfos
in zwei neuen Ausgaben der Zeitschrift lesen –
mit 30% Preisvorteil.
Hier mehr erfahren.

Mehrere Teilnehmer resümierten, dass psychologische Kompetenzen am wichtigsten seien, wenn ein nachhaltiges Gesundheitsmanagement auf der Agenda stehe und Mitarbeiter ein gesünderes Verhalten erlernen sollten. Psychologen, die all diese Kompetenzen mitbrächten, seien demnach für die betriebliche Gesundheitsförderung prädestiniert.

Unternehmer bestätigten vielfach die Wirksamkeit dieses psychologischen Know-hows und warfen dabei auch so manche Voreingenommenheit über Bord: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie Psychologin sind. Mit Ihnen kann man ja echt reden. Und Sie haben unser Gesundheitsmanagement wirklich vorangebracht.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). (Hrsg.). (2014). Tag der Psychologie 2014. Berlin: Herausgeber.

Wenn es Gesundheitsmaßnahmen im Unternehmen gibt, sind die Mitarbeiter an ihre Firma stärker emotional gebunden.

Ärgerlich ist es, wenn Betroffene ihre gesundheitlichen Beschwerden und Burnout-Symptome öffentlichkeitswirksam inszenieren.

Gesundheitsfördernde Achtsamkeit: Führungskräfte, die ganz bewusst wahrnehmen, sind zuversichtlicher sowie weniger depressiv, ängstlich, gereizt und erschöpft.

Gewissenhafte und lernfreudige Personen bleiben objektiv gesünder als jene, die nachlässig sind und sich neuen Erfahrungen eher verschließen.

In der Ausgabe „Lernen 4.0“ zeigen Weiterbildungsexperten, wie sich ältere Mitarbeiter und Führungskräfte durch Reflexion, digitale Spiele, Massive Open Online Courses, kollegiale Beratung und Übungen mit Tablet-PCs weiterentwickeln können.

Die Wirtschaftspsychologie aktuell im Schnupper-Abo testen.

Den monatlichen Newsletter der Zeitschrift bestellen.

Im Archiv ab 2001 blättern.