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Strategie

Traumarbeit im Coaching

9. Juli 2014

Manfred Kets de Vries schlägt in einem neuen Beitrag im Consulting Psychology Journal vor, dass beim Coaching mit Führungskräften deren Träume häufiger genutzt werden. Durch diese Traumarbeit könnten Klienten ihre Probleme besser verstehen und lösen.

Therapie für Chefs

Alle Hefte im ÜberblickManfred Kets de Vries, Wirtschaftswissenschaftler und Psychoanalytiker, ist Professor für Führung und Veränderung in Organisationen an der Business School INSEAD im französischen Fontainebleau. Er forscht an der Schnittstelle von Management und Psychotherapie. Beim Führungskräftecoaching, zu dem er mehrere Bücher geschrieben hat, berühren sich Führung und Therapie.

Im Beitrag „Dream Journeys“, der gerade im Consulting Psychology Journal abgedruckt wurde, beschreibt er, wie Träume im Coaching eingesetzt werden können. Er nennt Fakten zum Schlafen, listet die wichtigsten Traumtheorien auf und sagt, worauf Coaches achten müssen, wenn sie Traummaterial in den Sitzungen verwenden.

175.000 Stunden Material

122 Tage im Jahr schläft man. Bis zum Alter von 60 Jahren macht das über 175.000 Stunden Schlaf. In jeder Nacht werden bis zu fünf Träume erlebt. Träume sind häufig irrational, lebhaft und bunt.

Ein unerschöpfliches kreatives Material also, das jeder Klient naturgegeben ins Coaching mitbringt und über das man reden kann.

Träumen und aufräumen

Zur Frage, warum wir träumen, gibt es mehrere Erklärungsansätze. Bislang ließ sich allerdings keine Traumtheorie eindeutig bestätigen. Manfred Kets de Vries merkt an, dass es noch immer „mehr Fragen als Antworten zum Träumen“ gibt (S. 81).

Konsens der Traumforscher ist vielleicht, dass Träume lebensnotwendig sind und man sich ohne sie schlecht fühlt. Folgende grundlegende Ansätze sollten Coaches kennen:

Traumarbeit: über Träume reden

Manfred Kets de Vries betont, dass „es keine strikten Regeln gibt, die unbedingt bei der Arbeit mit Träumen befolgt werden müssen, und auch keine bestimmten Formeln oder Vorschriften“ (S. 88). Dennoch gibt er mehrere Hinweise, die beachtet werden sollten, wenn man Führungskräfte coacht und deren Träume dabei einbezieht.

1. Der Klient ist der Experte. Es gibt sogenannte universelle Träume, die von vielen Menschen häufiger geträumt werden und für die bestimmte Bedeutungen angenommen werden, etwa:

Vor feststehenden Bedeutungen oder Traumsymbolen sollte man sich aber hüten. Experte ist der Klient. Er träumt, er hat die Deutungshoheit. Daher obliegt es nur ihm, die Trauminhalte einzuordnen. Der Coach steht ihm lediglich fragend zur Seite.

2. Es gibt Hilfen, um sich besser an Träume zu erinnern. Schätzungsweise 95 Prozent aller Träume werden nach dem Aufwachen vergessen. Damit das Traummaterial nicht verloren geht, gibt es einfache Hilfen:

3. Träume können zu Problemlösungen führen. Manfred Kets de Vries nennt mehrere Beispiele, wie Träume zu Problemlösungen führten. Eine Teamleiterin erkannte, dass der Traum, von einem Berg zu rollen und unter Geröll begraben zu werden, etwas mit der Kritik ihrer Kollegen zu tun hatte. Dem CEO einer IT-Firma wurde bewusst, dass das einzig ihn bekleidende Handtuch im Traum, das herunterrutschte, mit der Angst zu tun hatte, im Jahresgespräch auf seine Misserfolge angesprochen zu werden. Die Klienten nutzten ihre Erkenntnisse, um sich besser vorzubereiten oder sich eine neue Strategie zu überlegen.

Der Autor führt eine Vielzahl kreativer Denker auf, die durch Träume auf Problemlösungen gebracht wurden – etwa Wagner, der vom Leitmotiv seines Rheingolds träumte oder Mendelejew, dem im Halbschlaf vom Periodensystem der Elemente dämmerte.

Vor allem Träume, die sich wiederholen, eignen sich dazu, Verbindungen zum gegenwärtigen Hauptproblem des Klienten herzustellen. Entscheidend ist daher die Frage:

„Welche wiederkehrenden Träume haben Sie?“

4. Träume sollten auf das Leben bezogen werden. Entscheidend ist das „Making Sense“, also der Sinn, den der Klient seinem Traum im Hinblick auf seinen Alltag gibt. Daher sollte der Coach fragen:

„Welchen Bezug hat das, was Sie im Traum erlebt haben, zu ihrem wachen Leben?“

Im Einzelnen kann dabei auf Gefühle, Gedanken, Gegenstände, Situationen und Figuren, die im Traum eine Rolle spielten, eingegangen werden. Der Klient sollte überlegen, wo es dazu Anknüpfungspunkte in seinem wachen Leben gibt.

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5. Selbsterfahrung der Coaches ist unabdingbar. Traumarbeit im Coaching kann gelernt werden. Entscheidend ist, dass der Coach seine eigenen Träume analysiert und dafür länger mit einem Supervisor zusammenarbeitet.

Außerdem sollte jeder Führungskräftecoach „in solidem Maße etwas von Psychologie, Psychiatrie und Gruppendynamik außerhalb der Arbeitswelt verstehen“ (S. 88).

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Manfred F. R. Kets de Vries (INSEAD, France, Singapore, and Abu Dhabi). (2014). Dream Journeys: A New Territory for Executive Coaching [Abstract]. Consulting Psychology Journal: Practice and Research, 66 (2), 77-92.

Häufige Traumthemen sind fliegen, etwas wieder und wieder versuchen, verfolgt werden, Schule und Studium und zu spät kommen.

Ein stärkenbasiertes Coaching gibt Energie, einen umfassenderen Blick und festigt Beziehungen.

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