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Strategie

Führungsziel Gesundheit

25. November 2013

Auf dem Kongress für Angewandte Psychologie „Leistung oder Gesundheit“ wurde häufig über das Führungsziel Gesundheit gesprochen. Wie können Führungskräfte gesund führen? Fünf wichtige Prinzipien lauten: Gefährdungen erkennen, mit Mitarbeitern reden, gute Gefühle auslösen, selbst gesund bleiben und in Gesundheit investieren.

Führungsverhalten als Gesundheitspuffer

Letzten Donnerstag und Freitag fand der 24. Kongress für Angewandte Psychologie in Berlin statt, den der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) organisierte. Das Kongressthema lautete „Leistung oder Gesundheit: Psychologische Konzepte für die gestresste Gesellschaft.“

Isabel Rothe, Diplom-Psychologin und Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, sprach in ihrem Eröffnungsvortrag ein wichtiges Ergebnis des Stressreports 2012 an: Das Verhalten der Führungskräfte ist zentrales Bindeglied zwischen psychischen Belastungen und persönlichem Stressempfinden der Mitarbeiter. Anders gesagt, federn Chefs mit dem, was sie sagen oder tun, den Stress ihrer Mitarbeiter ab.

Carsten C. Schermuly: SchnellWissen Führung

Stetiges Thema der Vortragenden war daher, wie das Führungsziel „Gesundheit“ erreicht wird, wie Führungskräfte dafür sorgen können, dass Arbeit nicht krank macht, sondern gesund erhält. Hier seien einige angesprochene Prinzipien gesunder Führung genannt.

1. Gefährdungen erkennen

Der Diplom-Psychologe Boris Ludborzs vom BDP kam auf den Belastungsbegriff zu sprechen und wies darauf hin, dass dieser laut DIN-Norm neutral gebraucht wird. Die wichtigsten Definitionen:

Psychische Belastungen sind äußere Einwirkungen bei der Arbeit, die grundsätzlich positiv oder negativ sein können. Belastungsfaktoren sind bestimmte Merkmale der Arbeit, wie Handlungsspielraum, Abwechslungsreichtum, Arbeitszeit, Arbeitsablauf, soziale Beziehungen. Psychische Beanspruchung ist die Auswirkung, die sich bei einer Person zeigt.

Stress ist eine Form psychischer Beanspruchung, eine Reaktion (Gedanken, Gefühle, Verhalten) einer Person infolge widriger Belastungsfaktoren. Gefährdung besteht, wenn es durch Belastung, Beanspruchung und Stress wahrscheinlich ist, dass die Gesundheit beeinträchtigt wird.

Psychische Belastungen spielen beim Erkennen von Gefährdungen eine immer größere Rolle. Dazu ist der Arbeitgeber im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung auch gesetzlich verpflichtet. Aus Sicht von Isabel Rothe sollten dabei folgende Belastungen genauer betrachtet werden, die am ehesten krank machen:

2. Mit Mitarbeitern reden

Was selbstverständlich klingt, ist es häufig nicht. Die Gesundheitsberaterin Dr. Anne Katrin Matyssek erzählte von Führungskräften, die Schwierigkeiten haben, mit Mitarbeitern oder Kollegen in Kontakt zu kommen. Die Fragen: „Heute schon Kontakt gehabt?“ und „Heute schon andere einbezogen?“ stehen daher auf ihrem Kärtchen „Gesund führen – und seine Früchte“, das Chefs in ihre Hosentasche stecken und sich an Leitsätze gesunder Führung erinnern können.

Damit ist auch gemeint, dass Führungskräfte wichtige Informationen weitergeben. Wenn Angestellten nicht rechtzeitig mitgeteilt wird, dass ihre Abteilung neu ausgerichtet, Prozesse umgestaltet oder eine neue Software eingeführt wird, stresst sie das besonders. Professorin Dr. Antje Ducki von der Beuth Hochschule für Technik in Berlin räumte allerdings ein, dass der Zeitpunkt, Mitarbeiter über anstehende Veränderungen zu informieren, nicht einfach ist. Zu einem frühen Zeitpunkt kommen Gerüchte auf. Zu einem späten Zeitpunkt fühlen sich die Mitarbeiter überrumpelt.

3. Angenehme Gefühle auslösen

Freude, Stolz, Hoffnung – diese angenehmen Gefühle empfindet man selten im Büro oder in der Werkshalle. Sowohl Führungskräfte als auch die Mitarbeiter haben ein Defizit an Glücksgefühlen, da es bei vielen Tätigkeiten stets um Emotionen geht, die mit Problemen zusammenhängen (Ärger, Wut, Frustration). Zwei Ansatzpunkte für einen ausgeglichenen Gefühlshaushalt nannte Anne Katrin Matyssek: Anerkennung und Lachen.

Anerkennung bekommen Mitarbeiter beispielsweise in Form von Lob. Angst zu viel zu loben, ist dabei unbegründet, da die „Anerkennungswaage“ vielfach nicht ausbalanciert ist. Die meisten Führungskräfte und Mitarbeiter sind der Meinung, viel Anerkennung zu geben, aber wenig zu bekommen. Dass ein einfaches Lachen für ein gutes Arbeitsklima sorgt, wird mithin zu wenig berücksichtigt. Anne Katrin Matyssek ermahnt Chefs jedoch regelmäßig: „Lachen Sie nicht nur mit Ihren Lieblingen.“ Einseitig gute Stimmung zu machen, kann sich langfristig gegen den Chef wenden.

4. Für die eigene Gesundheit sorgen

Führungskräfte sprechen zwar häufig über betriebliches Gesundheitsmanagement, sorgen aber nur unzureichend für die eigene Gesundheit. Das fängt bei der Pausengestaltung an und hört bei der Dosierung der eigenen Arbeit auf. Daher riet Anne Katrin Matyssek, in der Mittagspause möglichst nicht über die Arbeit zu reden, auch wenn es schwerfällt.

Ein weiterer Tipp: „fünf- bis sechsmal täglich eine Mini-Auszeit für zehn Sekunden nehmen.“ Dabei kann man die Augen schließen und einfach nur auf das Ein- und Ausatmen achten.

Wenn Führungskräfte Gesundheitsmanagement in Seminaren lernen, gilt die Regel, dass sie sich dort verstanden fühlen wollen, einen Nutzen erkennen müssen und erfahren, dass gesundes Verhalten leicht sein kann.

5. In Gesundheit investieren

Antje Ducki sprach den Konflikt zwischen Gesundheit und wirtschaftlichen Zielen an, den viele Arbeitnehmer sehen. Gesundheit kostet etwas und steht einem möglichen Profitstreben entgegen. Außerdem klingt die Forderung, aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten, häufig wie eine Farce, wenn man selbst vor einem Berg Arbeit steht.

Dr. Alexander Häfner von der Würth Industrie Service GmbH entgegnete, dass man bewusst in Gesundheit investieren sollte. Vielleicht zahlt sich das Gesundheitsmanagement nicht sofort in barer Münze aus, langfristig aber schon. Gesunde Mitarbeiter können in einem Handelsunternehmen z.B. entspannter mit Kunden umgehen.

Er meinete auch, dass zum gesunden Arbeiten ein geerdeter Maßstab gehört. Bei Würth hat man daher die kleinstmögliche Führungsspanne von acht auf vier Mitarbeiter gesenkt, auch wenn das mehr Verwaltungsaufwand bedeutet. Ziele sollten zudem angepasst werden, wenn sie sich als nicht umsetzbar erweisen. Gesundes Arbeiten wird bei Würth außerdem von der „traditionellen Prägung“ des Unternehmens gefördert. Dazu gehört, dass man eine lange Unternehmenszugehörigkeit der Mitarbeiter anstrebt und unbefristete Verträge mit ihnen schließt.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (Hrsg.). (2013). Programmübersicht des 24. Kongresses für Angewandte Psychologie - Leistung oder Gesundheit: Psychologische Konzepte für die gestresste Gesellschaft. Berlin: Herausgeber.

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