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Strategie

Mitgefühl lernen

19. November 2013

Das erste „European Symposium for Contemplative Studies“, das im Oktober in Berlin stattfand, beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Meditations- und Achtsamkeitsforschung und gab erste Einblicke in das „ReSource-Project“, bei dem Testpersonen Mitgefühl lernen sollen.

Symposium zur Meditationsforschung

Es können radikale Veränderungen geschehen, wenn ein Mensch still wird und seine Gedanken und Gefühle mit Abstand betrachtet: Irgendwo im feinen, neuronalen Spinnwerk des Gehirns bahnen sich minimale elektrische Impulse einen ungewohnten Weg und aktivieren ein neuronales Netzwerk, das lange brach gelegen hat. Später erlebt der Mensch einen Reiz – doch diesmal erlebt er ihn neu. Er fühlt anders, verknüpft neue Gedanken damit. Solche Dinge sichtbar zu machen, ist Teil der Arbeit von Tania Singer, Direktorin der Abteilung soziale Neurokognition am Leipziger Max-Planck-Institut.

Im Oktober eröffnete die Psychologin und Neurowissenschaftlerin das erste „European Symposium for Contemplative Studies“ in Berlin. Die Sprecher und Forscher kamen von internationalen Universitäten mit klangvollen Namen wie Oxford, Cambridge und Harvard, die etwa 400 Teilnehmer reisten aus Instituten und Kliniken, Schulen und Ateliers aus aller Welt an. Auch wenn es die erste Konferenz dieser Art in Europa war, die Experten kannten sich von den Mind & Life-Konferenzen, die bisher in den USA stattfanden.

Erforschung nicht-religiöser Meditationstechniken

Meditationspraktiken, die seit Jahrtausenden in Tempeln und Klöstern praktiziert und kultiviert werden, werden heute zunehmend in wissenschaftlichen Labors weiter entwickelt. Sie werden dort aus ihren religiösen Kontexten gelöst und zu säkularen, nicht-religiösen Techniken kondensiert. Schon heute basiert die Meditationsforschung auf einem Fundament von 537.000 wissenschaftlichen Artikeln. „Contemplative studies“ – „Meditationsforschung“ – beschäftigt sich zum großen Teil mit neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung und klinischen Fragen:

Carsten C. Schermuly: SchnellWissen Führung

Es entstehen Übungen, Programme und Therapien, die in Kliniken, Schulen und Büros einsetzbar sind. Sie heißen Mindful Based Stress Reduction (MBSR) oder Mindful Based Cognitive Therapie (MBCT) und gehören zum Teil bereits zu den Leistungen deutscher Krankenkassen.

200 Probanden lernen im ReSource-Projekt mitzufühlen

Relativ neu ist die Frage, ob kontemplative Techniken auch helfen können, besser miteinander umzugehen, ob Mitgefühl und prosoziales Verhalten erlernbar, oder gar trainierbar sind. Das bisher wahrscheinlich größte und teuerste Projekt dazu hat Tania Singer auf dem Campus der Berliner Charité eingerichtet. Im „ReSource-Project“ üben 200 Probanden in einem eigens dafür eingerichteten Meditationslabor von wechselnden Lehrern „Mitgefühl“. Während der elfmonatigen Studie werden die Gehirne der Übenden mehrmals im Magnetresonanztomographen (MRT) gescannt, es werden Speichelproben entnommen und Befragungen durchgeführt.

Normalerweise müssen Forscher bei solchen Langzeitprojekten mit einem hohen Probandenschwund rechnen. Doch den ReSource-Teilnehmern scheinen die Mitgefühls-Übungen gut zu tun. Wer mitfühlt, hört auf mitzuleiden. Statt sich vom Mitmenschen mit Traurigkeit anstecken zu lassen, wie das normalerweise passiert, gelingt es den Personen in eine fürsorgliche Haltung zu kommen und Wärme zu empfinden, handlungsfähig zu bleiben und zu helfen. „Ich habe einen minimalen Schwund von drei Prozent“, so Singer. „Damit kann ich ins Guinness-Buch der Rekorde eingehen.“

Sich mit anderen verbinden, könnte globale Probleme lösen

Dennis Snower arbeitet mit Tania Singer zusammen. Er ist Präsident am Kieler Weltwirtschaftsinstitut und sieht die Probleme dieser Welt an vielen Fronten – vom Klimawechsel über die Bankenkrise bis hin zur Armut in reichen Gesellschaften. Viele dieser globalen Probleme, so Snower, könnten gelöst werden, wenn Menschen lernen, einen persönlichen Gewinn daraus zu ziehen, sich mit anderen zu verbinden und sich um sie zu kümmern.

In seinen Augen ist die Zeit dafür reif. Denn die alten Versprechungen vom persönlichen Glück durch den Konsum materieller Güter lösen sich in einer großen Desillusionierung auf. Wohlbefinden (well-being) und Glück steigen nicht mit dem wachsenden Einkommen.

Verhaltensänderung hängt vom achtsamen Üben ab

Doch kann der Mensch sich überhaupt nachhaltig zum Guten wandeln? Die neuronalen Voraussetzungen für dauerhafte Verhaltensänderungen steckte Wolf Singer ab, emeritierter Professor am Max-Planck Institut für Gehirnforschung in Frankfurt. „Was uns von den Tieren unterscheidet“, so der Professor, „ist die Tatsache, dass aktuelle Erfahrungen unser genetische angelegtes Verhaltensmuster stören und verändern können.“ Menschen seien daher frei, ihr Verhalten veränderten Bedingungen anzupassen.

Doch die Möglichkeiten dazu seien begrenzt durch unsere Gehirnarchitektur, die bis zum 20. Lebensjahr ausgebaut wird. Danach können angelegte Verhaltensmuster durch Gebrauch gefestigt oder durch Nichtgebrauch verlernt werden. Wie nachhaltig eine Verhaltensänderung – z.B. durch Mitgefühl-Training – ist, hängt davon ab, wie oft es wiederholt wird, wie viel Aufmerksamkeit ihm gewidmet und für wie lohnend es persönlich empfunden wird.

Lernen, wieder überrascht zu sein

Dass Mitgefühl sich lohnt, davon ist Matthieu Ricard überzeugt. In seiner Doppelrolle als promovierter Molekularbiologe und buddhistischer Mönch des Shechen Klosters in Nepal und mit über 40.000 Stunden Meditationserfahrung kann er aus Erfahrung sprechen – und er kann es so tun, dass es von Wissenschaftlern verstanden wird. Tania Singer sagt ihm die Fähigkeit nach, Mitgefühl wie mit einem Herdschalter auf dreißig, fünfzig, sechzig Prozent dosieren zu können. Wenn er voll aufgedreht, fühlt er sich am wohlsten.

Wie ein Wirkungsmechanismus von Meditation bei Depression aussehen könnte, dazu entwickelte Natalie Depraz, Professorin für deutsche und zeitgenössische Philosophie an der Universität von Rouen, ihre eigene Theorie. Sie fand heraus, dass depressive Menschen gleichgültiger auf schockierende Fotos reagieren und somit schwerer als gesunde Menschen zu überraschen sind. Für sie stellt sich daher die Frage, ob die Wiederherstellung der Überraschbarkeit eine heilende Erfahrung sein kann und ob Übungen zur Bewusstwerdung der inneren Erfahrung dazu beitragen könnten.

Cornelia Eybisch-Klimpel, Diplom-Psychologin, lebt und arbeitet als Beraterin für Frauen im beruflichen Übergang in Berlin

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Max-Planck-Gesellschaft (Hrsg.). (2013). Das ReSource Project.

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