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Strategie

Bewusst wie – im Büro

18. Juli 2013

In seinem neuen Buch „Bewusstsein – Unbewusstes“ erläutert Udo Boessmann, was Bewusstsein ist und wie es arbeitet. Vier dieser Prinzipien kann man sich auch im Büro zunutze machen: 1) neugierig wie ein flackerndes Spotlight sein, 2) zuerst auf den Körper hören, 3) sich Zeit für seine Kollegen nehmen und 4) konsequent den eigenen Glücksfilm drehen.

Praktische Bewusstseinsforschung

Udo Boessmann ist Arzt, Psychotherapeut und Dozent für Psychotherapie. Er beschäftigt sich täglich mit dem Bewusstsein und mit dem Unbewussten. In seinem neuen Buch „Bewusstsein – Unbewusstes“ hat er den Wissensstand zur Bewusstseinsforschung aufgearbeitet und erläutert, wie diese Erkenntnisse bei seiner täglichen Arbeit einfließen. Davon lässt sich auch einiges aufs Berufsleben übertragen. Hier werden vier Strategien genannt, mit denen es sich gehirn- und bewusstseinsgerechter arbeiten lässt.

Bewusstsein heißt, dass man sich darüber im Klaren ist, was man gerade denkt oder tut. Wenn man daran denkt, dass man gerade eine E-Mail beantwortet, ist man sich dessen bewusst. Wenn man es tut, ohne daran zu denken, denkt man vielleicht an die Inhalte der Mail, die Tätigkeit selbst rückt jedoch nicht ins Bewusstsein. Bewusstsein ist damit so etwas wie ein Denken zweiter Ordnung: Ich denke, dass ich etwas denke oder tue. Wie arbeitet das Bewusstsein und wie kann man sich dieses „Bewusst wie“ im Büro zunutze machen?

Vier Bewusstseinsstrategien fürs Büro

Wie ein Spotlight sein. Udo Boessmann erwähnt die häufig von Bewusstseinsforschern genutzten Bilder vom Spotlight und der Theaterbühne. Die Aufmerksamkeit tastet dabei wie ein Scheinwerfer die möglichen Sinneseindrückte auf der Bühne ab: „Der runde Kernbereich, der als auf die Bühne fallender Scheinwerferkegel dargestellt ist, entspricht dem erwartungsgesteuerten Zentrum der Aufmerksamkeit, dem, was wir subjektiv als bewusste Erfahrung erleben.“ (S. 101) Dadurch entsteht Bewusstsein.

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Was uns also täglich durch die Arbeit führt, ist nicht der Theaterdirektor selbst, sondern ein flackerndes Spotlight-Selbst. Schlussfolgerung: Wir sollten uns von der Vorstellung lösen, dass wir eine hermetisch abgeriegelte Persönlichkeit wären. Wenn man die Natur der wechselhaften Aufmerksamkeit anerkennt, wird man für Neugier und für Verhaltensänderung offener. Ruhig also mal das Spotlight wandern lassen, die dankbare Geste des Kollegen entdecken und selbst „Danke, das hast du gut gemacht“ sagen.

Den Körper fragen. Man kann sich das Gehirn als große Landkarte unseres Körpers vorstellen. Auf mehreren Stufen – dem Proto-Selbst oder dem darüber liegenden Kern-Selbst – werden die Sinneseindrücke zusammengefasst, kartiert und weitergereicht. Damit ist das Gehirn und das, was wir denken und fühlen, untrennbar mit unserem Körper verbunden. Wir können also nur das denken, was unser Körper möglich macht. Wir sind unser Körper: „Es ist also nicht unser Gehirn allein, das lernt und begreift, was um uns herum vor sich geht, sondern gewissermaßen unser Körper als Ganzes.“ (S. 255)

Leider wird diese Grundsubstanz unserer Gefühle, unser Körper, häufig vernachlässigt. In der Mittagspause schiebt man sich schnell einen Burger rein, mit knallengem Schlips quält man sich durch Meetings. Dabei könnte man sein Gehirn unterstützen, indem man sich fragt: „Fühle ich mich wohl? Was braucht mein Körper?“ „Brauchen“ nicht im Sinne von rascher Triebabfuhr, sondern von notwendiger Liebes- und Ballaststoffzufuhr, die ihn langfristig gedeihen lassen.

Das DAZZ-Prinzip verinnerlichen. Apropos Liebe: sich Zeit nehmen, ist die wohl edelste Form der Zuwendung. Udo Boessmann fasst das zentrale DAZZ-Prinzip zusammen, welches Balsam fürs Bewusstsein ist und nicht nur für Freunde, sondern auch für Kollegen gilt: „Da sein, Zeit haben und zuhören (DAZZ) – egal, ob ein Patient, der Partner oder ein Freund über Episoden aus seiner Lebensgeschichte oder über aktuelle Beschwerden oder Sorgen spricht – das sind wesentliche Qualitäten, die leidende Menschen trösten, entlasten, entängstigen und ermutigen.“ (S. 316)

Das Gehirn ist ein soziales Organ, und sich für seine Kollegen Zeit zu nehmen ist dafür der grundlegende Baustein. Man kann sich über seinen Chef oder über seine Kollegen ärgern. Es ändert nichts an der Tatsache, dass man auf sie angewiesen ist und stets mit ihnen verbunden bleibt. Also könnte man sich diesem Miteinander auch mit mehr Hingabe widmen. „Einfach mal zuhören und nicht gleich wieder bewerten oder plappern“ könnte dabei das innere Mantra sein.

Glücksfilm aus Unglückssequenzen schneiden. Wenn man sich mal wieder über Karrieristen ärgert, die selbst das lausigste Ergebnis zum tollen Projekterfolg umdeuten, sollte man sich daran erinnern, dass das ein Grundprinzip des Bewusstseins ist: „Aus einer großen Menge Filmmaterials mit einer Vielzahl von Details wird nur ein Teil kunstvoll zu einem in sich schlüssigen Ganzen zusammengesetzt, das für uns als Zuschauer die Geschlossenheit des Erlebens gewährleistet.“ (S. 195)

Die eigenen Unglückssequenzen – die schiefen Mundwinkel der Chefin, der patzige Kunde, die 0,1-Prozent-Rendite – werden dabei so elegant zusammengeschnitten, dass daraus das Filmepos eines wahren Helden entsteht. Man kann dieses Grundprinzip auch so zusammenfassen: Wenn es einem gelingt, die täglichen Mühen unter einen sinnvollen Leitgedanken zu stellen, hat man es geschafft. Dann übersteht man auch die kleinen und großen Katastrophen im Büro. Darum sich mal wieder fragen: „Welchen schönen Titel könnte ich dem Film meines unglücklichen Berufslebens denn heute geben?“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Udo Boessmann (2013). Bewusstsein – Unbewusstes. Band I: Bewusstsein [Produktseite mit Inhaltsverzeichnis und Leseprobe]. Berlin: Deutscher Psychologen Verlag.

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