Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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Strategie: Gesundheitstraining für Arbeitslose

3. August 2012

Eine Gruppe von Psychologen der Technischen Universität Dresden hat ein Gesundheitstraining für Arbeitslose evaluiert. Das Training dauerte vier Wochen und fand entweder frei zugänglich oder im Rahmen von 1-Euro-Jobs statt. In beiden Gruppen nahmen nach dem Training körperliche und psychische Beschwerden ab. Aber nur das frei zugängliche Training wirkte auch mittelfristig und machte die Teilnehmer darüber hinaus selbstbewusster.

Gesundheitstraining gegen die Krankheitsfalle

Arbeitslosigkeit führt in die Krankheitsfalle. Nachdem Menschen arbeitslos geworden sind, klagen sie häufig darüber, niedergeschlagen zu sein und Angst zu haben. Sie sind viermal länger krankgeschrieben als Beschäftigte und klagen über körperliche oder psychosomatische Symptome. Ganz zu schweigen von zwischenmenschlichem Leid wie sozialem Rückzug oder Scheidung. All diese Beschwerden machen es wiederum schwer, einen neuen Job zu finden.

Um den Teufelskreis aus Erwerbslosigkeit und Krankheit zu durchbrechen, haben Katrin Rothländer von der Technischen Universität Dresden und ihre Kollegen ein Gesundheitstraining für Arbeitslose entwickelt. Es heißt „Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit (AktivA)“. Mit ihm wurden zwischen 2002 und 2012 insgesamt 442 Personen trainiert. Über die Trainingseffekte berichten die Autoren in der neuen Ausgabe der Zeitschrift für Gesundheitspsychologie.

Das Training wurde zwei Teilnehmerkreisen angeboten. Einmal frei zugänglich über Anzeigen oder Aushänge im Job Center. Einmal als Training im Rahmen von 1-Euro-Jobs. In beiden Fällen wurde es von ausgebildeten AktivA-Trainern durchgeführt.

Das Gesundheitstraining dauerte vier Wochen und fand an einem Tag in der Woche mit jeweils sechs Stunden statt. Unmittelbar nach dem Training und ein weiteres Mal drei Monate danach wurden die Teilnehmer nach körperlichen Beschwerden, ihrem Selbstbewusstsein und sozialer Unterstützung gefragt. Das Training umfasste vier Module, die folgende Themen behandelten: Stimmig handeln, konstruktiv denken, sozial kompetent werden und Probleme lösen.

Stimmig handeln

Ziel war es, in Übereinstimmung mit seinen ureigensten Bedürfnissen zu handeln. Wenn man das tut, was man sich wirklich wünscht, braucht man sich nicht harter Selbstdisziplin zu unterwerfen.

Folgerichtig wurden Materialien eingesetzt, mit denen die eigenen Bedürfnisse erfasst wurden, die notwendigen Tätigkeiten aber nicht aus dem Blick gerieten. Folgende Aktivitäten wurden berücksichtigt: sich gut ernähren, schlechte Stimmung bewältigen, sich ruhig und bestimmt behaupten, sich bewegen und mit Stress umgehen.

Konstruktiv denken

Das hieß, dass man von unrealistischen Forderungen („Mein Leben muss sorgenfrei sein.“) oder Gedanken („Ich bin ein Versager.“) abließ. Dazu wurde die ABC-Technik eingesetzt, mit der zu jedem Gedanken das auslösende Ereignis (Acting Event, z.B. eine Absage bei einer Bewerbung), die Glaubenssätze (Beliefs, z.B. „Ich bin unfähig.“) und die folgenden Gefühle und Handlungen (Consequences, z.B. traurig sein und keine Bewerbungen mehr schreiben) seziert wurden.

Dreh- und Angelpunkt waren unrealistische Glaubenssätze. Sie wurden durch wirklichkeitsgetreue, zielführende Gedanken ersetzt, beispielsweise: „Ich ärgere mich, aber ich werde es überstehen und bei der nächsten Bewerbung schauen, was ich besser machen kann.“ Damit igelte man sich nicht mehr ein und konnte Kraft für weitere Bewerbungen schöpfen.

Sozial kompetent werden

Hier ging es darum, zwischen drei sozialen Situationen zu unterscheiden lernen: sein Recht durchsetzen (z.B. gegenüber dem Arbeitsvermittler), Beziehungen aufrechterhalten, indem man sich so einigte, dass die Bedürfnisse beider Seiten einflossen (z.B. beim Treffen mit langjährigen Freunden), um Sympathie werben (z.B. möglichen neuen Arbeitgebern).

Alle drei Situationen verlangten andere Verhaltensweisen. Wenn man ein Recht auf etwas hatte und dies durchsetzen wollte, sollte man Blickkontakt halten, laut sprechen und sich nicht entschuldigen. War einem an der Beziehung gelegen, sollte man seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ansprechen und die des Partners erfragen. Wollte man sich sympathisch machen, war es hilfreich, den anderen in seinem Tun zu bestärken, nachzufragen, Komplimente zu machen.

Probleme lösen

Oft wurden Probleme ohne Plan angegangen. Damit machte man zwar, woran man gewöhnt war, aber womöglich auf Kosten einer guten Problemlösung. Letztere verlangte fünf Schritte:

Ergebnisse

Frei zugängliches Training. Teilnehmer des frei zugänglichen Trainings berichteten kurz nach dem Training, dass sich ihre körperlichen und psychischen Beschwerden verbessert hatten. Außerdem waren sie selbstbewusster und gaben mehr soziale Unterstützung als vor dem Training an. Auch mittelfristig, drei Monate nach dem Training, hielten diese Effekte an.

Training im Rahmen von 1-Euro-Jobs. Teilnehmer, die das Training im Rahmen von 1-Euro-Jobs absolvierten, gaben zwar weniger Beschwerden an. Sie konnten aber nicht feststellen, dass sie selbstbewusster geworden wären oder mehr soziale Unterstützung erhielten. Zudem waren drei Monate nach dem Training alle kurzfristigen Effekte verflogen.

Dass das Training im freien Zugang wirksamer war als im Rahmen von 1-Euro-Jobs, erklären die Autoren erstens damit, dass es den freien Teilnehmern schlechter ging als den 1-Euro-Jobbern und sie daher mehr profitierten. Zweitens waren die freien Teilnehmer „absichtsvoller“ als die geringfügig Beschäftigten. Sie wählten bewusst den Kurs, um ihre Gesundheit zu verbessern. Für Personen mit 1-Euro-Job war das Training nur eine Maßnahme unter vielen. Sie hatten daher wohl nicht diesen klaren Gesundheitsfokus.

Insgesamt kommen die Psychologen zu dem Schluss, „dass sich das AktivA-Training als Impulsprogramm eignet, um Erwerbslose vor allem im Hinblick auf die psychische Gesundheit zu stabilisieren und zu aktivieren.“

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Katrin Rothländer, Susann Mühlpfordt, Peter Richter (2012). Evaluation des Gesundheitsförderungsprogramms „Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit (AktivA)” [Abstract]. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 20, 115-127.

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