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Strategie: Tugendtraining

20. Juni 2012

Willibald Ruch, René Proyer und Claudia Buschor von der Universität Zürich haben ein Tugendtraining evaluiert. Sie trainierten Personen darin, neugieriger, dankbarer, hoffnungsvoller, humorvoller und tatkräftiger zu werden. Mit dem Ergebnis, dass sie danach auch zufriedener und glücklicher waren. Fraglich ist jedoch, ob das wirklich ein Tugendeffekt oder bloß ein Interaktionseffekt war.

Zurück zu den guten alten Tugenden

Willibald Ruch, Psychologieprofessor an der Universität Zürich, beschäftigt sich mit Tugenden. Tugenden sind Charakterstärken, also besonders erfreuliche Persönlichkeitseigenschaften.

Die Menschheit kennt Tugendkataloge seit der Antike. Kirchenvater Ambrosius von Mailand predigte z.B. die vier Kardinaltugenden, die da heißen Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Kommen nun alte Tugendkataloge wieder in Mode? Mehr sogar, denn Willibald Ruch hat zusammen mit René Proyer und Claudia Buschor gleich ein ganzes Tugendtraining entwickelt – vorgestellt und evaluiert in der aktuellen Online-Ausgabe des Journal of Happiness Studies.

Die Ausgangsthese der Autoren war, dass trainierte Tugenden den Menschen mit seinem Leben zufriedener machen. Das klingt für viele vielversprechend, für den rackernden Jetztmenschen, für gestresste und leidlich tugendhafte Manager, für jene mit deprimierendem Online-Leben, für Mütter, Ältere oder sogar für Regierungschefs.

„Theorie“ der Lebenszufriedenheit

Die Autoren nehmen Bezug auf die Theorie der Lebenszufriedenheit von Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie. „Theorie“ sollte dabei in Anführungsstrichen stehen, da sie mehr Heuristik als exaktes Aussagengerüst ist.

Sie besagt, dass Personen ausgeprägte Stärken haben können, sogenannte bezeichnende Stärken, „signature strengths“. Diese wiederum sind der Grundstein für folgende fünf positive Lebensbestandteile: gute Gefühle haben, sich für etwas engagieren, Beziehungen führen, Sinn erfahren und erfolgreich sein.

Diese fünf Bestandteile bestimmen, ob man sich wohlfühlt und mit seinem Leben zufrieden ist. Bezeichnende Stärken machen es einer Person also leichter, glücklich zu werden.

Der moderne Tugendkatalog

Für das Ganze gibt es natürlich auch einen modernen Tugendkatalog, das Values in Action Inventory of Strengths (VIA-IS). Um den Fragebogen zu erstellen, wälzten Chris Paterson und Martin Seligman philosophische Traktate, tugendhafte Populärliteratur und religiöse Schriften.

Dann wurden alle Fragen sauber aufgelistet und durch mehrere Befragungen geeicht. Willibald Ruch und seine Mitarbeiter übertrugen den Katalog ins Deutsche. Der Fragebogen misst insgesamt 24 Stärken, die zu sechs Tugenden gruppiert sind:

Tugendtraining in drei Gruppen

In mehreren Studien zeigte sich, dass vor allem die Stärken Neugier, Dankbarkeit, Hoffnung, Fähigkeit zu lieben, Humor und Elan zu mehr Lebenszufriedenheit führten. Daher entwarfen die Autoren ein Training, das genau diese Stärken förderte. Das war das Top-Stärken-Training (mit 56 Teilnehmern).

Daneben gab es eine Trainingsgruppe, in der jene Stärken trainiert wurden, die am wenigsten Lebenszufriedenheit vorhersagten (mit 62 Teilnehmern): Sinn für Schönheit, Kreativität, Güte, Freude am Lernen, Aufgeschlossenheit.

Schließlich wurde noch eine Wartelistengruppe geschaffen, in der 60 Teilnehmer nicht trainiert wurden, sondern auf einen späteren Trainingstermin warteten. Dies, um die Reineffekte der Trainings abzuschätzen.

Als Fragebogen wurde der VIA-IS eingesetzt, um die Tugenden zu messen. Daneben wurde vor und nach den Trainings die Satisfaction With Life Scale (SWLS) ausgegeben. Sie enthält folgende fünf Aussagen über die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, bei denen die Befragten jeweils zustimmend oder ablehnend ankreuzen sollen:

  1. In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.
  2. Meine Lebensbedingungen sind ausgezeichnet.
  3. Ich bin mit meinem Leben zufrieden.
  4. Bisher habe ich die wesentlichen Dinge erreicht, die ich mir für mein Leben wünsche.
  5. Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich kaum etwas ändern.

Außerdem wurden folgende gefühlsbezogene Wohlfühlmarker erfragt: Heiterkeit, Glücksgefühl und positive Gefühle allgemein.

Das Top-Stärken-Training

Das Top-Stärken-Training fand an fünf Abenden statt. Jeder Abend bildete eine eigene Trainingseinheit. Die Trainingseinheiten waren:

Ergebnis: mehr Glücksgefühle

In beiden Gruppen gab es nach dem Training mehr Glücksgefühle als zuvor. Aber nur in der Top-Stärken-Gruppe wurde auch über mehr Lebenszufriedenheit berichtet. Die Ergebnisse im Einzelnen:

Lebenszufriedenheit. Nur die Teilnehmer der Top-Stärken-Trainingsgruppe waren nach dem Training zufriedener, die Teilnehmer der Begrenzte-Stärken-Gruppe nicht. In der Wartelistengruppe veränderte sich erwartungsgemäß nichts.

Katalysatoren. Es gab Stärken, die es den Teilnehmern erleichterten, sich nach dem Training zufriedener zu fühlen: Freude am Lernen, Neugier, Selbststeuerung. Diese typischen Lernfaktoren begünstigten auch das Stärkentraining.

Wenig Tugendhafte. Teilnehmer, die gering ausgeprägte Stärken hatten, profitierten besonders vom Training. Allen, die sich selbst also wenig tugendhaft sahen – schlecht gelaunt, humorlos, grantig, ängstlich und faul – schien das Leben nach dem Training besser.

Glücksgefühle. Die Teilnehmer beider Trainingsgruppen berichteten nach dem Training (im Gegensatz zur Wartelistengruppe), dass sie heiterer, glücklicher, zufriedener und insgesamt besser gestimmt waren. Diese Glücksgefühle konnten im Gegensatz zur Lebenszufriedenheit mit verschiedenen Trainings und damit offenbar leichter ausgelöst werden.

Das ist erst der Anfang

Beide Tugendtrainings waren also wirksam, machten beide glücklich, das Top-Stärken-Training sogar noch lebenszufrieden. Die Autoren schreiben:

„Das Zürcher Stärken-Programm (Z.S.P.) ist ein vielversprechender Anfang, um weitere stärkenbasierte Interventionen zu entwickeln, die die Lebenszufriedenheit verbessern.“

Bei allem Vielversprechenden bleibt die große Frage, ob hier wirklich ein Stärken-Effekt im Spiel war. Immerhin steigerten beide Trainings gleichermaßen Glücksgefühle.

Es gab noch ein irritierendes Detail, was die gestiegene Lebenszufriedenheit im Top-Stärken-Training angeht. Obgleich es hier eindeutig einen Anstieg gab, lag der Post-Test-Mittelwert der Begrenzte-Stärken-Gruppe noch über dem der Top-Stärken-Gruppe.

Schließlich wurden die Stärken nur im Selbstbericht erfasst. Es könnte also sein, dass die Teilnehmer nicht wirklich tugendhafter wurden, sondern das lediglich glaubten.

Man könnte damit auch zu folgendem banalen Schluss kommen: Setz dich mit einer kleinen Gruppe von Menschen zusammen, die an die guten alten Tugenden glauben. Besprich mit ihnen nette Themen, lächle häufig, fühle dich gut dabei. Damit steigerst du deine Lebenszufriedenheit.

Das wäre lediglich ein Interaktionseffekt, der auf den positiven Austausch mit hoffnungsvollen Menschen zurückgeht, aber kein Tugendeffekt.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Proyer, R. T., Ruch, W., & Buschor, C. (2013). Testing strengths-based interventions: A preliminary study on the effectiveness of a program targeting curiosity, gratitude, hope, humor, and zest for enhancing life satisfaction [Abstract]. Journal of Happiness Studies.

Diener, E., Emmons, R. A., Larsen, R. J. & Griffin, S. (1985). The Satisfaction with Life Scale [PDF]. Journal of Personality Assessment, 49, 71-75

McGhee, P. (2010). As Survival Training for a Stressed-out World: The 7 Humor Habits Program. Bloomington, IN: AuthorHouse.

Ruch, W., Proyer, R. T., Harzer, C, Park, N., Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2010b). Adaptation and validation of the German version of the values in action inventory of strengths (VIA-IS) and the development of a peer-rating form [Abstract]. Journal of Individual Differences, 31, 138-149.

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