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Strategie: Kreativität – mäßig bis tiefgreifend

5. Oktober 2011

Routineleistung, mäßige Kreativität und tiefgreifende Kreativität – diese drei Leistungsarten haben jetzt Nora Madjar und ihre Forscherkollegen in bulgarischen Werbeagenturen untersucht. Das Ergebnis: Für wirklich tiefgreifende Kreativität waren sinngebende Bedingungen notwendig wie die Identifikation mit dem Unternehmen, Ressourcen im Arbeitsalltag, Risikobereitschaft und kreative Kollegen. Die Forscherinnen rufen zu mehr sinnstiftenden Maßnahmen auf, vor allem im Kreativbereich.

Kreative Leistung

Die Entwicklung einer neuen dialogorientierten Werbekampagne ist kreativer als die Überarbeitung einer Werbebroschüre. Tiefgreifende und radikale Kreativität liegt laut Nora Madjar und ihren Koautoren vor, wenn sie sich von bisherigen Prozessen im Unternehmen deutlich abhebt. Die neue Dialogkampagne wäre so ein Fall.

Von mäßiger und adaptiver Kreativität sprechen die Autoren, wenn zwar innovative Prozesse oder Produkte entstehen, diese sich aber nicht grundlegend von der bisherigen Praxis unterscheiden. Die neue Werbebroschüre ist dafür ein Beispiel.

Nora Madjar von der University of Connecticut und ihre Kollegen Ellen Greenberg und Zheng Chen haben sich die Kreativität von 157 Mitarbeitern (35 Prozent Frauen) aus 12 bulgarischen Werbeagenturen angesehen.

Sie wollten herausfinden, welche Faktoren zu tiefgreifender Kreativität, zu mäßiger kreativer Leistung oder zur üblichen Routineleistung führen. Letztere wird im Bereich der Kernaufgaben eines Unternehmens erbracht. Veröffentlicht wurde ihre Studie in der Juli-Ausgabe des Journal of Applied Psychology.

Perspektive der Sinngebung

Die Forscher haben bei ihrer Studie eine Perspektive der Sinngebung eingenommen. Danach kommt es zu kreativer Leistung, wenn ein Mitarbeiter seiner Arbeit einen Sinn geben kann.

Eine Grafikerin ist von der Wichtigkeit der Kampagne überzeugt. Sie wird von motivierten Kollegen angespornt. Sie hat Spaß und arbeitet in einem Büro mit Rückzugsmöglichkeiten. All das motiviert sie und lässt sie die Bedeutung ihrer Arbeit immer wieder aufs Neue entdecken. Motivation, Sinn, Kreativität – diese Trinität ist aus Sicht der Forscherinnen für Kreativarbeiter entscheidend.

Dementsprechend sollten die Agenturmitarbeiter ihre Einschätzungen hinsichtlich zentraler Sinnfaktoren abgeben (S. 735ff.):

Identifikation mit dem Unternehmen. Werte und Annahmen einer Gruppe/eines Unternehmens werden als Teil der eigenen Identität übernommen (Beispiel-Item: „Wenn ich über unsere Firma rede, sage ich lieber ‚wir‘ statt ‚sie‘“.).

Berufliches Commitment. Ausmaß, mit dem man sich gedanklich und gefühlsmäßig der eigenen Berufsgruppe zugehörig sieht („Ich mag diesen Beruf zu sehr, um ihn aufzugeben.“).

Kreative Kollegen. Sie können Rollenmodell sein und die eigene Kreativität fördern („Ich betrachte meine Kollegen als Rollenmodell für kreatives Verhalten.“).

Kreativitätsressourcen. Materialien, Zeit, Erfahrung, Unabhängigkeit, finanzielle Mittel – sie alle tragen zur Kreativität bei („Die Ressourcen in unserem Unternehmen erlauben es uns, neuen Ideen nachzugehen.“).

Risikobereitschaft. Diese wird mit Mut, Herausforderung, Anregung, Veränderungslust und damit mit mehr Kreativität in Verbindung gebracht („Ich gehe nicht auf Nummer Sicher, wenn ich Neues ausprobiere.“).

Angepasstheit. Sie hemmt Mitarbeiter eher dabei, neue, nichtkonforme Wege zu gehen und führt zu mehr Routine und weniger Kreativität („Ich versuche nicht, mich meinen Kollegen zu widersetzen.“).

Alle Mitarbeiter wurden schließlich von ihrem Vorgesetzten dahingehend eingeschätzt, ob sie besonders kreativ, mäßig kreativ oder gute Routinearbeiter waren.

Ergebnis: Bindung und Ressourcen waren wichtig

Tiefgreifende Kreativität wurde vor allem durch drei Faktoren vorhergesagt:

Mäßige Kreativität wurde bestimmt durch:

Und gute Routineleistung kam zustande, wenn zwei Faktoren gegeben waren:

Sinnstiftende Maßnahmen

Hinsichtlich der Ergebnisse rufen die Autoren Führungskräfte zu mehr sinnstiftenden Maßnahmen auf – vor allem in Arbeitsbereichen, in denen Kreativität eine Conditio sine qua non ist:

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Nora Madjar (University of Connecticut), Ellen Greenberg (Sofia University) & Zheng Chen (University of South Florida). (2011). Factors for Radical Creativity, Incremental Creativity, and Routine, Noncreative Performance (Abstract). Journal of Applied Psychology, Vol. 96, No. 4, 730–743.

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