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Strategie: Sich in Selbstlosigkeit üben

20. Juli 2011

Mit einem neuen Modell der Zufriedenheit beschreiben Michaël Dambrun und Matthieu Ricard im aktuellen Review of General Psychology zwei Haltungen: Selbstzentrierung und Selbstlosigkeit. Selbstzentrierte Menschen sind vorwiegend auf sich selbst gerichtet, selbstlose eher darauf, was um sie herum geschieht.

Mit Selbstzentrierung erreicht man nur relativ wechselhafte Glücksmomente. Eine gewisse Distanz zum eigenen Selbst ist hingegen die Grundlage für dauerhafte Zufriedenheit. Die Autoren arbeiten Zusammenhänge zwischen hierarchisch organisierten Unternehmen und ichzentrierter Einstellung heraus.

Das aufgeblähte Selbst

Man selbst ist das Maß aller Dinge. Die eigenen Ziele sind heilig. Selbstverwirklichung ist das Gesetz der Stunde. Unbedingte Durchsetzungskraft ist vonnöten. Sich selbst steuern und die lieben Kollegen. Alles wird so, wie ich es will.

Kennen Sie diese Haltung? Michaël Dambrun von der Clermont Université und Matthieu Ricard vom Mind and Life Institute nennen sie Selbstzentrierung und beschreiben sie als „überhöhte Wichtigkeit, die man sich selbst beimisst, und die in hohem Maße darauf verweist, dass das eigene Befinden wichtiger ist als das der anderen und dies fraglos oberste Priorität hat. Diese selbstzentrierte psychologische Funktionsweise schließt Merkmale wie Ichbezogenheit, Eigeninteressen, Egoismus und Egozentrismus ein“ (S. 140).

Und diese Selbstzentrierung greift um sich. Die eigenen Wünsche werden, ob im Büro oder im trauten Heim, zum kruden Zwang. Ich will! Einen netten Chef, liebe Kinder, mehr Freizeit, mehr Geld, mehr, mehr! Schon schreiben dagegen Bestsellerautoren an und gemahnen an die „Kunst, kein Egoist zu sein“.

Aber wie soll man sich von seiner schönen Ich-Entität trennen, wenn sie doch schon für Descartes so absolut gewiss und vollkommen war? Ja, ganze Volkswirtschaften bauen auf dieser neuzeitlichen Forderung auf: Nimm dich selbst wichtig!

Unverbürgtes Glück

Dambrun und Ricard machen in ihrer Theorie deutlich, dass Selbstzentrierung auf Dauer eher zu Konvulsionen als zu dauerhaftem Glück führt. Zumindest das könnte ein Anreiz sein, die ichzentrierte Perspektive infrage zu stellen.

Wenn man das hedonistische Ziel verfolgt, sich selbst unbedingt glücklich machen zu wollen, ist man seinen quälenden Affekten und den Stimuli von außen ausgeliefert. Man schwankt zwischen Befriedigung und Zehren, und das Glück fluktuiert. Mal flackert es auf, meistens bleibt es fern.

Konzentrierte Selbstlosigkeit

Als Gegenpol entwerfen die Autoren den Habitus der Selbstlosigkeit. Dessen vornehmliches Merkmal ist es, sich nicht in erster Linie auf sich selbst, sondern auf seine Umgebung zu konzentrieren. Zu erkennen, was um einen herum passiert, was die Menschen fühlen, was sie tun: „Diese Art der psychologischen Funktionsweise ist eng verwandt mit den Merkmalen des Altruismus, der Freundlichkeit und Güte, des Respekts, des Einfühlungsvermögens und des Mitfühlens“ (S. 140).

Diese äußere und innere Demut hat eine große Schwingungsbreite. Man löst sich mit ihr von der Annahme, das Selbst sei eine unverrückbare Größe. Vielmehr steht das Ich in unmittelbarem Austausch mit der Wirklichkeit, nimmt achtsam, ungefiltert und unvoreingenommen wahr, was passiert.

Wenn man sich selbst zurücknimmt, ziehen die ehrgeizigsten Pläne wie Schatten an einem vorüber. Ohne große Ansprüche erfreut man sich an dem, was ist. Die Autoren nehmen an, dass damit ein Grundpfeiler für einen stabilen Gefühlshaushalt gelegt ist, für ein Einssein mit sich und der Welt, für Harmonie. Und das ist dann die Voraussetzung für dauerhafte Zufriedenheit: eudaimonisches Glück – im Gegensatz zum hedonistischen Glück.

Hierarchie und Selbst

Es gibt, wie Michaël Dambrun und Matthieu Ricard zeigen, Hierarchie-betonende und Hierarchie-abschwächende Unternehmen. Die meisten Firmen betonen Hierarchien und damit soziale Unterschiede. Ellenbogenmentalität wird spürbar und das Selbst zur Phalanx, mit der man in die tägliche Schlacht zieht. In diesen Organisationen wird der Selbstzentrismus gefördert.

Anders ist die Situation in basisdemokratischen Unternehmen. Dort herrschen egalisierende Tendenzen. Als Beispiele nennen die Autoren Sozialdienste, caritative Einrichtungen, Menschenrechtsorganisationen. Natürlich sind auch dort die Beschäftigten nicht frei von Gruppendruck, aber die übergreifende Vision ist doch anders. Selbstlosigkeit ist dort ein vitaler Unternehmenswert, was auch auf die Mitarbeiter abfärbt.

Erkennen, meditieren, egalisieren

Kultur, Sozialisation, Ausbildung, Beruf und Freizeitverhalten zementieren die Ich-Struktur: ein fest umrissenes Selbst (Selbstzentrierung) oder ein durchlässiges, erkennendes Ich (Selbstlosigkeit). Selbstzentrierte Personen versuchen das Glück zu erhaschen und erreichen es nur selten. Selbstlose Menschen sagen Adieu zu ihren Ambitionen und werden dauerhaft zufrieden. Mit dieser Wirkrichtung kann man folgende Handreichung für mehr Zufriedenheit geben:

Erkennen: Sich auf Menschen, Dinge und Vorgänge achtsam konzentrieren, die im eigenen Gesichtskreis auftauchen. Viel zu selten betrachtet man seinen Chef oder seine Kollegen mal ohne gewisse Erwartungshaltung. Das ist aber wichtig, um die Dinge klar zu sehen und zu erkennen, warum man tut, was man tut. Das ganze Ich-Brimborium regelmäßig mal abschalten: Ziele, Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen, Sehnsüchte.

Meditieren: Eine gute Methode, um sich von seinem Über-Ich mal für ein paar Minütchen zu trennen, ist Meditation. Dabei ist es egal, ob man ein Mantra hat oder einfach nur auf seinen Atem achtet. Dadurch reinigt man seinen Gedankenfluss und wird wieder aufmerksamer für das, was um einen herum geschieht.

Egalisieren: Warum nicht ein paar Hierarchien abschaffen? Kleinunternehmen machen es vor, dass man auch ohne Chefgebaren und Weisungsbefugnisse erfolgreich sein kann. Das Prinzip dahinter ist, dass man dadurch wieder mehr aufeinander zugeht und den anderen ins Boot holt. Und die besten Egalisierer wollen dies nicht aus Eigennutz, sondern weil sie am Kollegen und seiner Person interessiert sind. Auf diese Weise dem anderen die Hand reichen ist doch die beste Form, um mit ihm zusammenzuarbeiten.

Kritiker können dem Ansatz entgegenhalten, dass er nur knapp an einer unerreichbaren Utopie vorbeischrammt. Aber diese ist manchmal notwendig, um sich wieder vor Augen zu führen, warum man überhaupt lebt und arbeitet. Und diese Utopie ist hier: Sich selbst mal nicht so wichtig nehmen und sich um die Belange des Kollegen kümmern. Eigentlich gar nicht so schlecht oder?

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Michaël Dambrun (Clermont Université) & Matthieu Ricard (Mind and Life Institute). (2011). Self-Centeredness and Selflessness: A Theory of Self-Based Psychological Functioning and Its Consequences for Happiness (Abstract). Review of General Psychology, Vol. 15, No. 2, 138–157.

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