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Strategie: Selbstgesteuertes Lernen

15. Juli 2011

Die beiden US-amerikanischen Organisationspsychologinnen Traci Sitzmann und Katherine Ely haben in einer neuen Metaanalyse untersucht, welche Erfolgsfaktoren zum selbstgesteuerten Lernen bei der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung beitragen. Das Ergebnis: Ziele, Selbstwirksamkeit, Ausdauer und Anstrengung sind die wichtigsten Grundfesten, wenn es darum geht, sich eigenständig den Lernstoff zu erschließen. Daneben ist es gut, wenn man für sich Freude am Lernen kultiviert.

Was ist selbstgesteuertes Lernen?

Selbstgesteuertes oder selbstreguliertes Lernen ist Lernen aus sich selbst heraus. Man steuert gezielt seine Gedanken, seine Gefühle, sein Wollen und sein Verhalten, um sich den Lernstoff anzueignen, möglichst angenehm zu lernen und dadurch gute Lernergebnisse zu erzielen. Der Druck von außen nimmt ab.

Nicht der gestrenge Pädagoge oder die Aufforderung vom Arbeitgeber stehen hinter dem Wunsch sich weiterbilden zu wollen, sondern man selbst. Klar, dass ein Lernender so eins mit sich selbst ein Training viel beherzter angeht und dadurch wahrscheinlich auch bessere Ergebnisse erzielt als beim Pauken unter Zwang. Doch wie erreicht man diesen Zustand? Welche Prozesse oder Einflussfaktoren liegen dem selbstgesteuerten Lernen zugrunde?

Daten von über 90.000 Lernenden neu ausgewertet

Zu diesen Fragen haben Traci Sitzmann von der University of Colorado in Denver und Katherine Ely von der Fors Marsh Group in Arlington, Virginia, eine umfangreiche Metaanalyse durchgeführt, veröffentlicht in der Mai-Ausgabe des geschätzten Psychological Bulletin. Sie haben 430 Einzelstudien der letzten 30 Jahre zum selbstgesteuerten Lernen bei der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung ausgewertet. In diesen Studien wurden insgesamt 90.380 Studenten, Auszubildende und Arbeitnehmer zu ihren Lernfortschritten untersucht.

Vier zentrale Erfolgsfaktoren

Die Autorinnen durchforsteten alle wichtigen Lerntheorien und Übersichtsarbeiten, extrahierten daraus die wichtigsten Erfolgsfaktoren, die zu besseren Lernergebnissen führten, und berechneten deren Wirkungsstärken neu. Dabei konnten sie vier zentrale Einflussgrößen ausmachen. Diese führen dazu, dass man leichter neue Fähigkeiten erwirbt und bei trainingsrelevanten Aufgaben oder Tests besser abschneidet. Die vier Faktoren sind (mit Beispiel-Items):

Zielniveau. Damit ist die mehr oder weniger anspruchsvolle Ausprägung eines Ziels gemeint, das der Lernende mit der Weiterbildung anstrebt („Welche Note streben Sie bei der nächsten Prüfung an?“). Ziele sind der Grundbaustein oder der eigentliche Inhalt der Selbststeuerung. Sie umreißen, was zu tun ist, und in welche Aktivitäten man seine Energie fließen lassen soll. Je anspruchsvoller und konkreter ein Ziel beim Lernen ist, desto größer sind die Lernfortschritte.

Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung des Lernenden, die Fähigkeiten zu haben, dass man das Training erfolgreich abschließen kann („Ich bin mir sicher, dass ich die zentralen Begriffe im Kurs verstehen werde.“). Sie ist eine Person-Verhaltens-Erwartung („Ich kann X gut.“) im Unterschied zur Verhaltens-Ergebnis-Erwartung („Wenn ich X tue, geschieht Y.“) und daher so wichtig für das konkret ausgeführte Verhalten. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung im Hinblick auf das eigene Lernen geht mit guten Noten einher.

Anstrengung. Diese ist als gesamter Zeitumfang definiert, der dem Lernen gewidmet ist („Wie viele Stunden haben Sie mit Lernen verbracht?“). Ein Lernender, der viel lernt, wird bei gleichen Ausgangsbedingungen erfolgreicher sein als einer, der wenig Zeit mit Lernen verbringt.

Ausdauer. Sich weiterhin anstrengen und sich aufmerksam mit dem Lernstoff beschäftigen, obwohl man gelangweilt ist oder sich Misserfolge einstellen – so beschreiben die Autorinnen Ausdauer („Unabhängig davon, ob ich den Lernstoff mag oder nicht, werde ich hart arbeiten, um ihn zu lernen.“). Ausdauer und Frustrationstoleranz beim Lernen hängen davon ab, wie gut man seine (kleinen) Schwächen und Versuchungen kennt und ob man sie bei seinem Lernplan berücksichtigt hat. Je ausdauernder, weniger abgelenkt und fehlertoleranter man beim Lernen ist, desto mehr lernt man.

Sechs unterstützende Faktoren

Außerdem fanden die Forscherinnen sechs weitere unterstützende Erfolgsfaktoren. Durch sie schafft es der Lernende ebenfalls, sich eine Lernhaltung anzueignen und von sich aus den Lernstoff zu erarbeiten. Eine hohe Ausprägung der Faktoren geht mit gutem Fähigkeitserwerb und guten Lernleistungen einher.

Aufmerksamkeit. Wer beim Lernen aufmerksam ist, sich auf das Training konzentriert und seinen mentalen Fokus darauf gerichtet hat, lernt besser („Wenn ich lerne, konzentriere ich mich völlig darauf.“).

Zeitmanagement. Ein gutes Zeitmanagement setzt einen Lernplan voraus, der einzelne zeitbezogene Lernschritte enthält. Außerdem ist einem Lernenden mit gutem Zeitmanagement klar, welche Zeit er für welche Lernaktivitäten einplanen muss („Wenn ich lernen will, lege ich dafür eine bestimmte Zeitdauer fest und halte mich daran.“).

Lernumgebung. Die Lernumgebung wird beim Lernen vielfach unterschätzt. Dabei ist ein ruhiger Ort, der von täglichen Routinehandlungen abschirmt, ohne Ablenkung durch Handy, Internet, Fernseher oder MP3-Player, Gold wert („Ich schalte den Fernseher/das Radio aus, sodass ich mich besser auf das konzentrieren kann, was ich gerade tue.“). Lernkabinen in Bibliotheken oder das liebevoll eingerichtete Lernplätzchen zu Hause sind beliebt und effektiv.

Ursachenzuschreibungen. Ob man seine Lernerfolge dem eigen Können, der zehrenden Anstrengung oder dem puren Zufall zuschreibt – diese Ursachenzuschreibungen (Attributionen) haben starken Einfluss darauf, ob man sich weiterhin anstrengt oder aufgibt. Bewährt haben sich bei Erfolg interne und stabile Ursachenzuschreibungen („Ich bin sprachlich begabt.“), bei Misserfolg externe und veränderliche Attributionen („Die Frage war einfach zu schwer, und ich hatte einen schlechten Tag.“).

Metakognitionen. Damit sind Gedanken gemeint, die auf einer übergeordneten Metaebene den Lernprozess begleiten und steuern. Durch sie kehrt man immer wieder gedanklich zu den eigenen Lernzielen zurück und sie haben das Lernen oder die Gedanken selbst zum Gegenstand („Ich dachte gerade daran, was als nächstes zu tun sei, um meine Leistungen zu verbessern.“). Metakognitionen können sich auf die Planung beziehen („Sollte ich mir einen Lernplan erstellen?“) oder auf Gedanken und Gefühle („Ich denke nicht länger daran, dass ich Angst habe und durchfalle, sondern lerne weiter.“).

Motivation. Natürlich darf auch die eigentliche Motivation nicht fehlen, also das wirkliche Bedürfnis oder die Bereitschaft zu lernen und sich mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen („Ich bin bereit, mich während des Trainings richtig anzustrengen, um meine Fähigkeiten zu verbessern.“). Spaß am Lernen hat man, wenn man damit auch bislang gute Erfahrungen gemacht hat und wenn das Lernen selbst spannend erscheint. Aber auch die bisher genannten Faktoren – Lernumgebung, Zeiteinteilung oder Gedanken – tragen viel zu einer lustvollen Lernhaltung bei.

Fazit: zielorientiert, freudig, stark und ausdauernd lernen

Ausgehend von diesen Ergebnissen kann man vier Dinge festhalten, die für ein selbstbestimmtes Lernen unabdingbar sind:

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Traci Sitzmann (University of Colorado Denver) & Katherine Ely (Fors Marsh Group, Arlington, Virginia). (2011). A Meta-Analysis of Self-Regulated Learning in Work-Related Training and Educational Attainment: What We Know and Where We Need to Go. Psychological Bulletin, Vol. 137, No. 3, 421–442.

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