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28. März 2011

Strategie: Geschichten erzählen in der Berufsberatung

Das Leben ist eine Geschichte, die nicht immer der vorgesehenen Richtung folgt. Um dieses Erleben eins zu eins in die Beratung einfließen zu lassen, verfolgen Hazel Reid und Linden West von der Canterbury Christ Church University einen narrativen Ansatz. In der neuen Ausgabe des Journal of Vocational Behavior zeigen sie, wie das Geschichtenerzählen zum Dreh- und Angelpunkt bei der Berufsberatung von Jugendlichen werden kann.

Kritischer Passungsansatz

Die Kritik der beiden Autoren entzündet sich am modernen Passungsansatz der Berufsberatung: Erkenne deine Fähigkeiten und schaue dir die Anforderungen einer Stelle an. Wenn beides passt, bewirb dich! Die damit erzielte "schnelle Lösung“ sei hinsichtlich der komplexen Bedürfnissen Jugendlicher oft unangemessen. Um diese Bedürfnisse aufzudecken, komme man nicht umhin, sich den Lebenslauf der jungen Menschen genau anzusehen.

Narrativer Ansatz

Eine geeignete Methode dafür bietet der narrative Ansatz. In den erzählten Lebensgeschichten kann der Klient bisherige Ereignisse Revue passieren lassen und – ganz wichtig – seine eigene Sicht der Dinge darlegen. Aus diesem Prosamaterial werden nach und nach Wirklichkeit, Bedürfnisse und Lebensentwürfe herausgeschält.

Dieses Vorgehen verlangt vom Berater gewisse Fertigkeiten des Zuhörens, die im geschäftigen Beratungsalltag allzu häufig verkümmert sind. Er soll sich zurücknehmen und neugierig sein, aber nicht überaktiv. Vielmehr ist die innere und äußere Ruhe des Beraters der Resonanzboden für die bewegten Geschichten, die der Klient erzählt. Das Schweigen als Tor zur Erkenntnis.

Das narrative Interview

Damit kann das narrative Interview beginnen. Die Autorinnen lehnen sich dabei am "narrative career counseling model" von Mark Savickas an. Zunächst klärt der Berater mit dem Jugendlichen, weshalb er die Berufsberatung aufsucht, was er für Wünsche hat und wie viele Sitzungen zunächst vereinbart werden sollen.

Dann werden sechs zentrale Fragen gestellt, die auf die Interessen, Fähigkeiten, Werte und Bedürfnisse im Beruf abzielen (S. 178):

Nach ein paar einleitenden Erklärungen zur Methode wird der Klient aufgefordert, „eine Geschichte aus seiner Kindheit zu erzählen, die ihm als erste zu diesem Thema einfällt.“ (S. 180). Der Berater soll dabei besonders auf die ersten Wörter achten, die für diese Geschichte verwendet werden. Er hört aufmerksam zu und stellt ggf. Fragen, um die Schilderungen besser zu verstehen.

Dann fordert er den Jugendlichen auf, zwei weitere Geschichten zu erzählen, z.B.: „Was ist dann passiert, als du in die Grundschule kamst?“ (S. 179). Anschließend werden alle drei Geschichten im Hinblick darauf durchgearbeitet, was sie zur eigenen beruflichen Identität und zu zukünftigen Zielen sagen.

Schließlich wird anhand dieser Ziele ein Handlungsplan entworfen: Was möchte ich ausgehend von diesen Erkenntnissen in den nächsten Wochen und Monaten tun? Was kann ich wirklich tun? Wie sehen die einzelnen Handlungsschritte dafür aus? Diese Handlungsschritte sollten schriftlich festgehalten werden, damit man später überprüfen kann, was man richtig gemacht hat und was noch besser gemacht werden kann. Zu dieser Einschätzung wird ein Folgetermin vereinbart.

Beratungsprojekt in Südengland

Reid und West haben zusammen mit sechs weiteren Beratern auf diese Weise Jugendliche in Südengland gecoacht. Sowohl ihre Kollegen als auch die Jugendlichen selbst äußerten sich sehr positiv über die Methode. Die Autorinnen gaben den Beratern auch noch Material an die Hand, mit denen sie ihre eigene Arbeitshaltung überdenken konnten.

Ein Manko ist, dass keine Zahlen geliefert werden: Wie viele Jugendliche konnten kurzzeitig profitieren? Wer fand einen Ausbildungsplatz? Wer hatte langfristig Erfolg? Wer war mit seinem Berufseinstieg zufrieden? Diese Zahlen sind notwendig, um auch objektive Aussagen zur Wirksamkeit dieses narrativen Ansatzes zu erhalten.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Hazel, R. & & West, L. (2011). “Telling tales”: Using narrative in career guidance (Abstract). Journal of Vocational Behavior, 78 (2), 174-183

Savickas, M. L. (2009). Career-style counseling. In T. J. Sweeney (Ed.), Adlerian counselling and psychotherapy: A practitioner's approach (pp. 183−207). (5th ed.). New York: Routledge.

Stangl, W. (2011). Arbeitsblätter: Narratives Interview. Institut für Pädagogik und Psychologie, Johannes Kepler Universität Linz.

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