Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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„Ich schaue den Menschen bei ihrer Arbeit zu“

Carolin Schlegtendal

Professor Felix Brodbeck, 60 Jahre, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der LMU in München, Diplom-Psychologe (klinische Psychologie), Promotion in Arbeits- und Organisationspsychologie, Habilitation in Sozialpsychologie, beruflicher Schwerpunkt: Forschung, Lehre und Beratung

Was hat Sie in die Personalbranche geführt?
Ein aufrüttelndes Schlüsselerlebnis im Alter von 18 Jahren, als ich kurz nach dem Abitur den Einberufungsbescheid zur Bundeswehr erhielt. Dort hatte ich Probleme mit dem Befehls- und Gehorsamsprinzip, den Befehlsgebern (Führungskräften) auf allen Ebenen und dem (gefühlt) an mich herangetragenen Ansinnen, jeden und jedes niederzustrecken, der oder das mir als Ziel vorgegeben wurde. Ich verweigerte, mit der Begründung, dass ich zwar kein Pazifist sei, aber selbst darüber entscheide, ob ich töte oder nicht. Ich scheiterte bei der Gewissensprüfung vor Gericht und wurde in die Kaserne zurückgeschickt. Erst beim zweiten Mal war ich erfolgreich. In dieser Zeit habe ich das Schlimmste und auch das Beste an „zielbezogener sozialer Einflussnahme auf andere“ – sprich Führung – erlebt. Seit damals habe ich nie aufgehört, über Führen und Geführtwerden nachzudenken.

Was bedeutet Wirtschaftspsychologie für Sie?
Ich finde, es ist immer gut, griffige Antworten für kleine Kinder parat zu haben, die mich zum Beispiel fragten, „Hey, was machst‘n du bei deiner Arbeit?“ Meine Antwort: „Ich schaue den Menschen bei ihrer Arbeit zu und denke darüber nach, was ich sehe.“ Heute bedeutet Wirtschaftspsychologie für mich, auch in Anlehnung an die Texte von Hugo Münsterberg, das systematische Studium des Erlebens und Verhaltens von Menschen in Arbeits-, Organisations-, Markt- und Marketingkontexten.

Was können gute Psychologen in Unternehmen verändern?
Alles, was notwendig ist! Und gut machen sie es dann, wenn sie gute Führung praktizieren. Und gute Führung ist, wie es schon Laotse im sechsten Jahrhundert vor Christus formulierte, wenn die Leute kaum wissen, dass sie existiert, weniger gut, wenn sie sich ihr unterwerfen oder Beifall spenden, und noch schlechter, wenn sie sie verachten. Aber von einem guten Führer, der wenig darüber spricht, wenn seine Arbeit getan und sein Ziel erreicht ist, werden sie sagen: „Wir haben es selbst vollbracht.“

Mit welchem Thema würden Sie sich gern einmal beruflich beschäftigen?
Am liebsten mit dem Tango Argentino, den ich vor ein paar Jahren für mich entdeckt habe und der mich sehr bewegt und fasziniert. Manche sagen, „Research ist Me-search“, aber ich denke, dass ich das Erleben und Verhalten des Menschen beim Tangotanz einfach nur weiter genießen werde, anstatt es analytisch in kleinste Teile zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen – wie das in der Wissenschaft zu Beginn eines Forschungsvorhabens so üblich ist.

Was ärgert Sie in Ihrem Beruf am meisten?
Wenn ich Menschen begegne, die sich nicht als „Human Being“ verstehen, sondern als „Human Doing“, als „Soldaten des Kapitals“, wie es der französische Philosoph Alain Badiou formulierte. Damit verbinde ich Eigenschaften wie Gedankenlosigkeit, Ich-Bezogenheit und Dummheit auf 1,0-Abiturniveau sowie Borniertheit, Macht- und Profitgier in der wirtschaftlichen und politischen Praxis.

Was denken Ihre Mitarbeiter über Sie?
Ich hoffe, sie denken: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Was ist Ihre größte Macke?
Ich brauche einen sehr langen Vorlauf, bis ich eine neue, komplexe Aufgabe beginne. Neues zu denken, tut am Anfang weh und geht bei mir oft auch mit schlechter Laune einher. Ich erlebe mich radebrechend, stümperhaft und klitzeklein angesichts dieser, vielleicht ja doch für mich zu schwierigen Aufgabe. Wenn dieser Schmerzpunkt überwunden ist, kommt oft ein Flow-Erleben. Bis dann plötzlich wieder eine neue, komplexe Aufgabe vor mir liegt. Dann beginnt alles wieder von vorne.

Wie schalten Sie am besten von der Arbeit ab?
Wenn ich nicht merke, dass ich arbeite, etwa in guten Gesprächen und Diskussionen mit Kollegen, Studierenden und Praktikern. Außerdem beim Tangotanzen, beim Herumstrolchen in der Natur, beim Motorradfahren, bei klassischen Konzerten oder bei gutem Essen mit gutem Wein in guter Gesellschaft.

Wenn Sie drei Monate Zeit hätten, was würden Sie machen?
Ich hatte gerade drei Monate Zeit im Rahmen meines Sabbaticals, das ich mit meiner Lebensgefährtin in Neuseeland an der Victoria University in Wellington verbrachte. Wir haben sehr viel in diesem paradiesisch schönen Land gemacht. Aber wir waren auch unglaublich froh und erleichtert, trotz weltweitem Covid-19-Lockdown mit einem Regierungsflieger wieder nach Hause gebracht zu werden. Herzlichen Dank an das Auswärtige Amt.



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