Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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Statt esoterischer Tools lieber fundierte Verfahren

Sara Lindemann

Sara Lindemann, 40 Jahre,
Co-Founder des Anbieters von Video-Recruiting Viasto,
Diplom-Psychologin (Universität Münster),
Beruflicher Schwerpunkt: HR-Tech

Was hat Sie in die Personalbranche geführt?
Meine große Neugierde für Psychologie und Assessments sowie für die Prognose beruflicher Eignung und Leistung. Geblieben bin ich in der Personalbranche vor allem deshalb, weil ich den Wandel durch die Technologie innerhalb (wie außerhalb) der Branche spannend und ungeheuer wichtig finde. Wir tragen alle die große Verantwortung, den Einsatz von Technologie in HR, der einen historischen Wandel bedeutet, wertorientiert und mit Elan zu begleiten.

Was bedeutet Wirtschaftspsychologie für Sie?
Für mich ist Wirtschaftspsychologie immer der Fokus meines beruflichen Interesses gewesen. Ich wollte nie in den klinischen Bereich gehen. Ich finde, dass wir Psychologen zwar deutlich an Bedeutung gewonnen haben, aber eben nur in manchen Bereichen der Wirtschaft, meist im Personalbereich. Das halte ich für zu kurz gegriffen. Wenn man sich die Erkenntnisse und den Einfluss aus dem Bereich Behavioural Economics in den USA oder in Großbritannien ansieht, kann man erahnen, welche Mehrwerte außerhalb von HR noch schlummern. Das kommt mir hier in Deutschland oft viel zu kurz. Gerade die Interdisziplinarität und das Verständnis davon, wie Menschen „ticken”, könnten viel mehr Einfluss auf Unternehmen und Organisationen haben.

Was können gute Psychologen in Unternehmen verändern?
Gute Psychologen können Themen in allen Bereichen inhaltlich voranbringen. Interdisziplinäres Interesse, Innovationsfähigkeit, Neugierde und Lernbereitschaft vorausgesetzt, glaube ich fest daran, dass Psychologen vom Marketing über den Vertrieb bis hin zur Entwicklung von Mobilitätskonzepten oder Unternehmensgründungen überall einen starken Mehrwert leisten können. Das traue ich aber genauso fitten Geistes- und Naturwissenschaftlern zu. Wir müssen alle lernfähig und beweglich bleiben. Die meisten beruflichen Aufgaben von morgen kennen wir heute noch nicht.

Mit welchem Thema würden Sie sich gern einmal beruflich beschäftigen?
Neben der Personalauswahl mit Video-Recruiting, die mich nach wie vor begeistert, sind das alle Themen, die mit allen Themen, die dazu geeignet sind, bestehende Denkmuster und Vorgehensweisen über den Haufen zu werfen. Am meisten interessiert mich momentan, wie wir die nächsten Generationen mithilfe smarter Technologie für die Aufgaben der Zukunft rüsten können.

Was ärgert Sie in Ihrem Beruf am meisten?
Aktuell: der ständige Kampf um die Einführung von digitalen Innovationen. Die Trägheit und manchmal ablehnende Haltung, wenn es um digitale Technologien und deren Einführung geht. Das nervt.

Was denken Ihre Mitarbeiter über Sie?
Gute Frage. Das müssen Sie allerdings meine Mitarbeiter fragen.

Was ist Ihre größte Macke?
Vielleicht rede ich manchmal zu viel. Oder ich setze mich unter Zeitdruck, wo eigentlich keiner ist. Insgesamt glaube ich aber, dass sich meine Macken in Grenzen halten.

Wie schalten Sie am besten von der Arbeit ab?
Meditieren, Laufen, Yoga – aber momentan am einfachsten mit meinem Sohn. Er ist 18 Monate alt und interessiert sich sehr wenig für alles, was mich im Sinne dieses Fragebogens so beschäftigt. Das tut sehr gut und rückt alles in die richtige Perspektive.

Wenn Sie drei Monate Zeit hätten, was würden Sie machen?
Ich würde weiter an meiner oben skizzierten Idee arbeiten. Am liebsten würde ich dafür ins Ausland gehen – vielleicht nach Südafrika oder einfach Südeuropa. Ich bin überzeugt davon, dass eine bekannte Umgebung die Innovationskraft schwächt. Andere Länder eröffnen mir automatisch eine neue Perspektive auf die Dinge, die mich beschäftigen. Das hilft mir dabei, mich den wirklich wichtigen Fragen zu stellen: Wie verändern wir gerade die Welt für uns und unsere Kinder? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und wie können wir den Unterschied machen? Ich fühle mich verpflichtet, meine Talente und meine Expertise dafür einzusetzen, dass wir Technologie im besten und menschlichsten Sinne für uns nutzbar machen und dass wir auch dieses Thema nicht nur den profitgetriebenen Softwaregiganten überlassen.



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