Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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Keine Lebenszeit am Arbeitsplatz verschwenden

Dr. Anne Katrin Matyssek

Dr. Anne Katrin Matyssek (50), in fester Partnerschaft lebend, Inhaberin von „do care!“, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, beruflicher Schwerpunkt: Fehlzeitenreduzierung durch gesundheitsgerechtes Führungsverhalten auf Basis einer wertschätzenden Haltung

Was hat Sie in die Personalbranche geführt?
Mein krank machender Ex-Chef. Damals dachte ich: „Ich muss hier weg“, und: „Das muss auch anders gehen“. Tatsächlich hatte ich dann Vorgesetzte, deren Führungsverhalten wertschätzend war. Die nicht krank gemacht, sondern Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz gefördert haben. Seitdem ist das meine Mission: eine menschenfreundliche Unternehmenskultur.

Was bedeutet Wirtschaftspsychologie für Sie?
Den Faktor Mensch im Unternehmen zu sehen. Das Befinden im Job ist nicht Privatsache des Individuums, sondern wichtiger Einflussfaktor für die Produktivität. Ich fand die Arbeitswelt immer schon spannend, vor allem im Zusammenhang mit Fragen der Salutogenese. Menschen verbringen dort viele Stunden – damit das keine Verschwendung von Lebenszeit wird, müssen wir die Arbeit so gestalten, dass sie zum Gesundheitsfaktor wird.

Was können gute Psychologen in Unternehmen verändern?
Sie können Zahlen-Daten-Fakten-orientierten Vorgesetzten vermitteln, dass die Beziehung ein Wirkfaktor ist; dass auch die sogenannten weichen Faktoren über die Zielerreichung entscheiden. Fehlzeiten kann man nicht managen, aber mit Menschen kann man reden. Wir können Führungskräften auf solche Gespräche Lust machen. Mit ansprechenden Materialien helfen wir ihnen, die Themen Gesundheit und Krankheit aus der Tabuzone zu holen.

Mit welchem Thema würden Sie sich gern einmal beruflich beschäftigen?
Ich habe mir meine Themen nach den ersten beruflichen Anfängen immer selbst gesucht. Es gibt im Leben nichts umsonst, aber ich habe schon vor vielen Jahren mein Geschäft so strukturiert, dass ich genau das tun kann, was ich möchte. Aktuell heißt das: das Thema Fehlzeiten so aufzubereiten, dass Führungskräfte und andere im Unternehmen es annehmen können, und sie beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement mit geeigneten Werkzeugen zu unterstützen.

Was ärgert Sie in Ihrem Beruf am meisten?
Wenn Firmen vom Mitarbeiter verlangen, dass er sich doch bitte als „Mit-Unternehmer“ definiert – andererseits aber Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag besteht und sie damit unterstellen: „Du Dummer weißt gar nicht, ob du krank oder arbeitsfähig bist, das kann nur ein Mensch im weißen Kittel beurteilen.“ Das empört mich sehr. Oder wenn Führungskräfte durch soziale Motivation den letzten Rest aus ihren Mitarbeitenden herausquetschen sollen, während menschenverachtende Arbeitsbedingungen herrschen und mickrigste Löhne gezahlt werden. Und wenn das auch noch das Etikett „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ erhält, sehe ich darin einen Missbrauch einer ansonsten guten Sache, der mich aufregt.

Was denken Ihre Mitarbeiter über Sie?
Mitarbeiterinnen im eigentlichen Sinne habe ich ja nicht (mehr), bekomme aber von meinen Kolleginnen und von den ausgebildeten Gesund-Führen-Trainern viele Dankeschöns, dass meine Materialien sie in den Betrieben gut unterstützen.

Was ist Ihre größte Macke?
Vielleicht das ganz bewusste Kanalisieren von Kontakten. Ich bin seit 15 Jahren nicht mehr telefonisch erreichbar. Auch, dass ich meine Handy-Nummer nicht herausrücke, empfinden manche Kunden und Kollegen regelrecht als Kränkung; dabei ist das für mich wichtig, um ungestört kreativ zu arbeiten.

Wie schalten Sie am besten von der Arbeit ab?
In meinem Yoga-Kurs, der Aerobic-Gruppe und beim Laufen. Aber auch beim Lesen oder beim Radeln mit meinem Freund.

Wenn Sie drei Monate Zeit hätten, was würden Sie machen?
Das, was ich jetzt tue. Dafür habe ich mich bewusst entschieden.



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