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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

28. August 2009

Bagatellkündigung: Kleinste Vergehen können den Arbeitsplatz kosten

Im Zeichen der Wirtschaftskrise neigen manche Arbeitgeber dazu, Beschäftigte, die sie nicht ohne weiteres entlassen können, aber raus haben wollen, wegen Kleinigkeiten zu kündigen. Warum werden gute Leute, die schon 25 Jahre im Betrieb arbeiten, über 55 Jahre alt sind oder eine mehrköpfige Familie zu versorgen haben, wegen einer Bagatelle rausgeschmissen? Werden denn jetzt auch unfähige Topmanager und Banker gefeuert oder eine Ministerin wegen Verschwendung von Steuergeld? Hier die jüngsten dokumentierten Fälle:

Die Pfandbon-Falle
Der berühmteste Fall, dass Mitarbeiter schon wegen winziger Vergehen am Arbeitsplatz gekündigt werden, ist die Kassiererin Barbara E., die in einem Berliner Supermarkt von Kaisers Tengelmann zwei Pfandmarken im Wert von 1,30 Euro gefunden hatte und für sich einlöste. Das LAG Berlin (7 Sa 2017/08) hielt die Kündigung für rechtmäßig. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse: „Das ist ein
barbarisches Urteil von asozialer Qualität.“ Mit Beschluss vom 28.7.09 hat das Bundesarbeitsgericht (3 AZN 224/09) der Beschwerde für die Nichtzulassung der Revision statt gegeben.

Kündigung wegen einer Lappalie von 59 Cent
Die fristlose Kündigung einer Aldi-Kassiererin wegen 0,59 Euro vor dem Arbeitsgericht Wuppertal ging für sie glimpflich aus. Sie hatte am Samstag nach Kassenschluss noch eine Packung Damenbinden benötigt und das Geld dafür nach Absprache mit einer Kollegin im Aufenthaltsraum deponiert. Am Montagmorgen fragte die Bezirksleiterin nach dem auf dem Tisch liegenden Geld. Das Gericht hielt die Entlassung für unwirksam, denn es lag keine Schädigungsabsicht vor. Der Arbeitgeber behauptet, jedes Mitnehmen von Waren sei ein Verstoß, wenn das Geld nicht korrekt abkassiert wird. (April 2009)

Kündigung, weil er Müll geklaut hat
Der Müllmann einer Entsorgungsfirma wurde fristlos entlassen, weil er vor den Augen seiner Kollegen ein Kinderbett aus dem Müll gezogen und mit nach Hause genommen hatte. Das Arbeitsgericht Mannheim (15 C 278/08) hielt die Kündigung für unwirksam, da unverhältnismäßig und das Verschulden für gering sei. Weil das Bett entsorgt werden sollte, war es für den Betrieb ohnehin wertlos.

Auch kleine Brötchen machen Ärger
Einer Mitarbeiterin des Krankenhauses Künzelsau wurde gekündigt, weil sie sich aus der täglichen Anlieferung der Brötchen drei Stück in ihren Spind gelegt hatte. Das Verfahren vor dem Arbeitsgericht Heilbronn im Juli 2009 endete mit einem Vergleich. – Ein Bäcker in einer Bergkamener Bäckerei sollte entlassen werden, weil er ein Brötchen mit Aufstrich im Wert von 50 Cent verzehrt hatte. Das Arbeitsgericht Dortmund hat im März 2009 die Kündigung, auch aus anderen Gründen, für nichtig erklärt.

Ein Mundraub mit Folgen
Eine Mitarbeiterin der Spitalstiftung in Konstanz wurde fristlos gekündigt, weil sie sich vier Maultaschen genommen hatte, die von einer Heimbewohnerin verschmäht wurden. Sie sagte, wegen einer internen Fortbildung hätte sie nicht zum Abendessen nach Hause fahren können. Außerdem würden Essensreste in der Klinik immer entsorgt. Das Arbeitsgericht in Radolfzell hat im Juli 2009 einen Vergleich vorgeschlagen.

Kündigung wegen Stromdiebstahls
Vorläufiger Höhepunkt der Bagatellkündigungen ist die Entlassung eines Mitarbeiters, weil er den Akku seines Handys laufend in der Firma auflud. Der Stromverbrauch für eine Ladung beträgt 0,014 Cent, wie ein Gutachter ermittelte. Das Arbeitsgericht Oberhausen (4 Ca 1228/09) hat einen Vergleich vorgeschlagen – daraufhin hat die Firma die Kündigung zurück gezogen.

Mehr zum Thema Kündigung in der Ausgabe "Karriere".

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PERSONALintern: Information für das HR-Management, Ausgabe 35/09, 28. August 2009. Zum Archiv.



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