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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

6. Dezember 2018

Intuition als Wirtschaftsfaktor?

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Müssen in einem Unternehmen Entscheidungen getroffen werden, geschieht das bisher hauptsächlich auf Basis von Fakten und Wissen. Intuition spielt beim Entscheiden in der betrieblichen Praxis hingegen kaum eine Rolle. Das will ein Team um Projektleiter Professor Markus Launer, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Dienstleistungsmanagement in Handel und Logistik am Campus Suderburg der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, ändern. Die Beteiligten gehen davon aus, dass Intuition ein wichtiger Faktor in der Wirtschaftsförderung sein kann – etwa, wenn es darum geht, die Entwicklung neuer Produkte und das Wachstum anzukurbeln. Sie wollen ein Messverfahren für Intuition entwickeln und erforschen.

Neue Anwendungsmöglichkeiten für Intuition in verschiedenen Berufen?

Sollte den Forscherinnen und Forschern der Nachweis gelingen, dass Intuition differenziert messbar und anwendbar ist, so könnte dies für viele Berufszweige neue Anwendungsmöglichkeiten bieten. Denkbar wäre der Einsatz beispielsweise bei der Auswahl von Führungskräften im Personalwesen oder in Form von intuitionsbasiertem Verkaufstraining in Einzelhandel und Vertrieb. Auch Rettungsdienste und Polizei, die täglich schnelle und komplexe Entscheidungen fällen müssen, kommen als Anwender in Frage. Ein Prototyp zur Intuitionsmessung könnte auch hier als Basis für die Entwicklung neuartiger Konzepte dienen.

Im Projekt „Rationalität, Heuristik, Intuition & Antizipation in Entscheidungssituationen Uelzener Unternehmen (RHIA)“ werden erstmals vier unterschiedliche Entscheidungsgrundlagen gemeinsam untersucht: Die rationale, kognitive Entscheidungsfindung, heuristische Entscheidungen („Faustregeln“), intuitive Entscheidungen – das sogenannte Bauchgefühl – sowie die unbegründete Entscheidung. Dafür arbeitet das Forschungsteam im Projekt auch mit weiteren Expertinnen und Experten zusammen. Das Projekt RHIA ist für drei Jahre angesetzt und läuft noch bis Oktober 2021.

Erkenntnisse aus der Psychologie lassen neue Anwendungsfelder kritisch erscheinen

Auch die psychologische Forschung widmet der Intuition seit einigen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit und hat sie zu einem ernst zu nehmenden Forschungsgegenstand gemacht und zu einer Form des unbewussten Denkens aufgewertet. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin nennt sie in seinem Buch „Risiko – wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ eine „Form der unbewussten Intelligenz“. Gigerenzer vertritt die Position, dass intuitive Entscheidungen auf sogenannten Heuristiken basieren, welche auch das Geheimnis des Erfolgs von Intuition ausmachen. Diese gründeten auf wenigen Informationen und klammerten einen großen Teil der vorhandenen Informationen aus.

Der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahnemann unterscheidet in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ ebenfalls zwischen Bewusstem und unbewusstem System des Verstandes. Allerdings hat Kahnemann in seinen Arbeiten andere Heuristiken als Gigerenzer formuliert Kahnemann zufolge würden die eigentlich für die Lösung einer Aufgabe relevanten Informationen bei der Intuition durch irrelevante Informationen ersetzt, weshalb schnelle intuitive Prozesse oft in die Irre führten. Intuition kann seines Erachtens auch zu Vorurteilen führen. Der Psychologe Henning Plessner (Universität Heidelberg) sieht das so: „Ob intuitive Entscheidungen erfolgreich sind, hängt davon ab, ob sie auf genügend Erfahrung beruhen.“ Im Umkehrschluss bedeutet das: Intuitionen, die nicht auf viel Erfahrung beruhen, sollte man eher misstrauisch begegnen.

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Untersuchungen von Rui Mata (Universität Basel) haben experimentell gezeigt, dass intuitive Entscheidungen nur bei manchen Problemen sinnvoll sind, nicht jedoch, wenn es um logische Probleme geht, für die es eine korrekte Lösung gibt. „Wenn es einen Konflikt zwischen Logik und Intuition gibt und die logisch ersonnene Lösung besser ist als die intuitive, dann sind intuitiv Antwortende inkompetent und unwissend (sie wissen es nicht, und sie wissen nicht, dass sie es nicht wissen), wohingegen Nachdenkende kompetent und wissend sind (sie wissen es, sie wissen, dass sie es wissen, und sie wissen, dass das andere wohl nicht wissen).“ Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse sind die eingangs erwähnten Anwendungsfelder zumindest kritisch zu sehen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Weitere Informationen zum Projekt RHIA finden Sie hier

Gigerenzer, G. (2013). Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: C. Bertelsmann Verlag.

Plessner, H., Betsch, C., & Betsch, T. (Eds.). (2008). Intuition in judgment and decision making. Mahwah. NJ: Lawrence Erlbaum.

Rui, M. (2013). The Dark Side of Intuition. American Psychological Association 13(2), 189–195.

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