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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

20. September 2018

Sag ich’s? – Chronisch krank im Job

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Unter Leitung der Universität zu Köln entsteht erstmals eine Online-Reflexionshilfe für schwerbehinderte chronisch kranke Beschäftigte. Mit dem gerade erteilten Förderbescheid zum Projekt „Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) startet die 30-monatige Projektphase.

Angst vor Diskriminierung

Chronisch Kranke stellen sich im Berufsleben oft die Frage, ob und wie sie Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten von ihrer Erkrankung erzählen sollen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird dies immer seltener die Ausnahme. Dennoch sehen viele chronisch Kranke aus Angst vor Diskriminierung davon ab, ihre Erkrankung am Arbeitsplatz zu offenbaren. Dafür gibt es gute Gründe. Betroffene befürchten, dass ein Outing nachteilige Konsequenzen vom Mobbing bis zur Entlassung haben kann. Sowohl Daten der Antidiskriminierungsstelle als auch Untersuchungen zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) weisen darauf hin, dass diese Befürchtungen nicht gänzlich von der Hand zu weisen sind. Die Betroffenen leben daher in einem Spannungsfeld zwischen der Angst vor Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und dem Wunsch nach Ehrlichkeit sowie der Hoffnung auf Unterstützung und Anpassung der Arbeitsbedingungen. „Sag ich’s?“ ist dabei nicht die einzige Frage; es geht auch darum, wem gegenüber man sich wann und in welcher Form offenbart.

Online-Angebot für Betroffene in Entwicklung

Unter Leitung der Universität zu Köln wird deshalb im Projekt „Sag ich’s? Chronisch krank im Job“ ein Online-Angebot entwickelt, das für Betroffene einen niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützung bietet. Von den verantwortlichen Psychologinnen werden in den Entwicklungsprozess Experten, wie Betriebsärzte, Selbsthilfe-Organisationen, Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen und natürlich die Betroffenen selbst einbezogen. Im Gespräch betont die Diplompsychologin Jana Bauer, dass die im Rahmen des Projekts geplante Reflexionshilfe ergebnisoffen ist. Es gehe nicht darum, Menschen um jeden Preis zu motivieren, über ihre chronische Erkrankung offen zu sprechen. „Wir wollen lediglich bei der Entscheidung, ob, mit wem und wie man darüber spricht, behilflich sein. Sowohl das Verschweigen als auch der offene Umgang mit der Erkrankung können schließlich positive wie negative Konsequenzen haben.“ Mit diesen umgehen zu müssen, löst weitergehenden Beratungs- und Unterstützungsbedarf aus.

Betriebliche Rahmenbedingungen sind ausschlaggebend

„Wir arbeiten auf der Webseite des Projekts mit einer Mischung aus Erklärvideos und Fragen, die zum Nachdenken anregen sollen“, sagt Professorin Dr. Mathilde Niehaus, Leiterin des Lehrstuhls für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Uni Köln. Jana Bauer vergleicht das Vorgehen mit einer standardisierten, modularisierten Onlinebefragung, bei der bestimmten Selbsteinschätzungen bestimmte Feedbackmodule zugeordnet sind. „Wir wissen aus unserer Pilotstudie, dass es betriebliche Rahmenbedingungen gibt, die ausschlaggebend dafür sind, welche Folgen ein offener Umgang am Arbeitsplatz mit der eigenen Erkrankung hat. Das Klima auf Team-Ebene aber auch auf der übergeordneten Ebene der Organisation und die Kultur des Umgangs mit dem Anderssein spielen dabei eine wichtige Rolle, weshalb dazu und zu weiteren Aspekten gezielt Fragen gestellt werden. Die Antworten erlauben eine Prognose für mögliche/wahrscheinliche Folgen, wenn man offen über seine Krankheit spricht. Die Entscheidung zwischen reden oder weiter schweigen bleibt beim Betroffenen.“ Alle Teilnehmenden erhalten eine individualisierte Auswertung und je nachdem, wie sie geantwortet haben, ein unterschiedliches Feedback.

Datensicherheit und Anonymität an erster Stelle

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Die Sicherheit der Daten sei für das ganze Projektteam elementar, so Jana Bauer. „Diesen Punkt hatten wir von Anfang an im Blick; er wird aber in der bevorstehenden Phase der technischen Umsetzung nochmal eine wichtigere Rolle spielen. Die Angaben der Betroffenen müssen vertraulich behandelt werden, sicher und anonym sein. Die Informationen, die wir brauchen, können sich auf dem Niveau theoretischer Konstrukte bewegen. Was wir über die Erkrankung wissen müssen, ist nicht der medizinische Name, sondern z.B. der Grad ihrer Stigmatisierung.“ Mit dem wissenschaftlichen Know-how darüber, welche Angaben nötig sind, lasse sich ausschließen, dass aus kombinierten Daten am Ende ungewollte problematische Erkenntnisse erwachsen.

Darüber hinaus soll in der Reflexionshilfe an weitere Unterstützungs- und Beratungsstrukturen verwiesen werden, wie zum Beispiel an Selbsthilfegruppen oder Betriebsärzte Die Psychologin hofft zudem auf ein reges Interesse von Hausärzten, Psychotherapeuten, Gesundheitspsychologen sowie Führungskräften in Unternehmen – kurz allen, die mit der Thematik irgendwie in Berührung kommen und ihre Patienten, Klienten oder Kollegen auf das Angebot hinweisen können.

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Weiterführende Informationen:

Weitere Informationen finden Sie auf der Projekthomepage

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