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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

11. September 2018

Millionen in den Sand setzen oder Scheitern auch mal eingestehen?

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Veronika Brandstätter-Morawietz von der Universität Zürich und ihr Team beschäftigen sich mit Fragen der Zielablösung, die bislang nicht systematisch untersucht wurden. Im Mittelpunkt ihrer sowohl für Unternehmen als auch für Privatpersonen interessante Forschung stehen die kritische Phase während des Zielstrebens, wenn die handelnden Personen durch wiederholte Rückschläge an ihrem Ziel zu zweifeln beginnen (Handlungskrise) und die Ablösung vom Ziel zur Option wird.

Wann ist ein Ziel unrealistisch?

Sehr lange in etwas Energie zu investieren und immer Rückschläge zu erleben, ohne das Ziel erreichen zu können, ist immens frustrierend und führt oft zu psychischen und körperlichen Problemen, sagt die Psychologin, die Psychologie und Volkswirtschaftslehre studiert und zum Thema „Eine psychologische Nutzen-Kosten-Analyse von Persistenz und Zielablösung“ habilitiert hat. Irgendwann gelte das Motto „Winners never quit and quitters never win“ des amerikanischen Football-Trainers Vincent Lombardi nicht mehr.

Das Problem bestehe allerdings darin zu erkennen, ob und wann ein Ziel tatsächlich unrealistisch ist. Manchmal brauche es einfach Hartnäckigkeit und Ausdauer, und man müsse lange Durststrecken aushalten, bis sich der Erfolg einstellt. Man dürfe sicher nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufgeben, sonst würde ein Kind nie laufen lernen. „Wer sich zu früh entmutigen lässt, erkundet die Welt nicht.“ Aber auch ein gegenteiliges Verhalten – ein sich-verbeißen in ein nicht erreichbares Ziel – könne fatale Folgen haben. Als Beispiel führt sie sogenannte verspätete Projektabbrüche in der Wirtschaft an, bei denen Millionen in den Sand gesetzt würden.

Fehler- und Risikokultur etablieren

Dass sich Menschen mit der Aufgabe von Zielen angesichts der realen Umstände so schwertun, erklärt die Wissenschaftlerin so: „Das vorzeitige Abschreiben eines Ziels kann eine Person durchschütteln, das wissen wir in der Motivationspsychologie, aus der ich komme. Viele Leute wollen zum Scheitern verurteilte Ziele auch deshalb nicht aufgeben, weil sie sich damit eingestehen müssten, auf die falsche Karte gesetzt zu haben, oder weil es ihnen an einer Alternative fehlt.“ Für Firmen sei es wichtig, eine Fehler- und Risikokultur zu etablieren.  Es gehe darum, Kreativität und Solidarität zu ermöglichen statt reines Sicherheitsdenken oder gar Schadenfreude über das Scheitern von Kollegen zu fördern. In dieser Hinsicht sehen die Forschenden um Veronika Brandstätter die USA als positives Beispiel. Dort probiere man gemeinsam Dinge aus und nehme in Kauf, dass sie nicht auf Anhieb funktionieren – siehe Vergabe von Risikokapital auch an Leute, die mit einem Startup gescheitert sind und eine neue Idee verfolgen wollen.

Scheitern als Lernchance

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„Scheitern kann ja eine ganz wichtige Erkenntnis liefern“, ist die Psychologin überzeugt. „Der eingeschlagene Weg war nicht sinnvoll, nicht mit vernünftigem Kraftaufwand erreichbar, da gibt es noch etwas für mich zu lernen. Und das Scheitern, so schmerzlich es auch ist, kann letztlich die heilsame Ablösung von einem Ziel bewirken. Erst wenn man sich innerlich von einem unerreichbaren Ziel distanziert hat, wird man sich gedanklich und emotional neuen Vorhaben zuwenden können.“ Sie plädiert damit keineswegs für weniger anspruchsvolle Ziele. Wer sich die nicht setze, vergebe im Grunde eine Lernchance, sagt sie

Veronika Brandstätter hält es mit dem Schweizer Tennisspieler und Olympiasieger Stan Wawrinka. Lange vor seinen großen Erfolgen ließ er sich auf seinen Unterarm die folgenden Worte tätowieren: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Darin kommt ein Grundoptimismus zum Ausdruck, „der zum Teil in unserem Temperament angelegt ist, aber auch durch Erfahrungen geprägt. Vom frühen Kindesalter an lernen wir, wie wir Erfolge und Misserfolge erklären, und dies ist entscheidend für unseren Umgang damit.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Brandstätter, V., Schüler, J., Puca, R. M., Lozo, L. (2018). Ziele, Volition und Handlungskontrolle. In V. Brandstätter, J. Schüler, R.M. Puca & L. Lozo (Hrsg.), Motivation und Emotion (S. 129–159). Berlin, Heidelberg: Springer Verlag GmbH.

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