Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

30. August 2018

Künstliche Intelligenz: Persönlichkeitsanalyse durch Hirnscans

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Aus MRT-Bilddaten lassen sich Informationen über Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen gewinnen. Das haben Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich und von der Universität Düsseldorf gezeigt. In ihrer Studie identifizierten sie Netzwerke im menschlichen Gehirn, die bei verschiedenen Aufgaben besonders aktiv waren. Dann trainierten sie eine Software darauf, diese Aktivität spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen zuzuordnen.

Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) macht sichtbar, wenn sich die Sauerstoffsättigung in den Blutgefäßen des Gehirns ändert. Wissenschaftler nutzen fMRT-Aufnahmen, um zu erforschen, welche Gehirnareale bei den verschiedensten Denkaufgaben oder Anweisungen aktiviert werden. Doch auch während Menschen ihren Gedanken freien Lauf lassen, können ihre Gehirne mit dieser Methode gescannt werden. Genau diese Aufnahmen nutzten die Jülicher und Düsseldorfer Wissenschaftler, um die Persönlichkeit von Probanden einzuschätzen.

Dazu entwickelten die Hirnforscher ein Computerprogramm, das sie dann darauf trainierten, aus den fMRT-Daten abzuleiten, wie ein Proband wahrscheinlich bei einem weit verbreiteten Persönlichkeitstest abschneiden wird. Dieser Test mit dem Kürzel NEO-FFI besteht aus 60 Aussagen wie etwa „Ich versuche, zu jedem freundlich zu sein“. Der Proband kreuzt auf einer Skala von „Starke Ablehnung“ bis „Starke Zustimmung“ an, wie er zu der jeweiligen Aussage steht. Auf diese Weise erfassen Psychologen die sogenannten „Big Five“: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit, Verträglichkeit und emotionale Labilität.

Mehrere Arbeitsschritte

Bis der Computer mit hoher Wahrscheinlichkeit richtige Voraussagen treffen konnte, waren mehrere Arbeitsschritte nötig. „Zunächst haben wir in einer Metaanalyse viele Tausende veröffentlichte fMRT-Studien ausgewertet, in denen Probanden Aufgaben gestellt wurden“, erläutert Professor Simon Eickhoff, Leiter des Bereichs „Gehirn und Verhalten“ des Jülicher Instituts für Neurowissenschaften und Medizin. Dabei identifizierten er und sein Team insgesamt neun verschiedene funktionelle Netzwerke im Gehirn. Eines wird beispielsweise aktiv, wenn Probanden Gesichter erkennen sollten, ein anderes, wenn sich Menschen etwas kurzfristig merken sollten.

Im zweiten Schritt nutzten sie die anonymisierten Daten von rund 700 Probanden, die sich sowohl einem Hirnscan als auch einem Persönlichkeitstest unterzogen hatten. Die Wissenschaftler werteten fMRT-Aufnahmen der Probanden aus, die ihre Gedanken frei fließen ließen. Dabei erfassten sie Aktivitätsmuster nur in denjenigen funktionellen Netzwerken des Gehirns, die sie zuvor aufgrund der Metaanalyse als robust über Hunderte von Befunden identifiziert hatten.

Trainierte Software

Anhand der Ergebnisse von 90 Prozent der Probanden trainierten die Forscher im nächsten Schritt eine lernende Software darauf, aus den Aktivitätsmustern der Probanden auf die Ergebnisse in den Persönlichkeitstests zu schließen. Die Wissenschaftler gaben der Software dabei stets Rückmeldung, inwieweit ihr Ergebnis richtig war und die Software passte ihr mathematisches Modell entsprechend an. Am Ende stellte sie eine Persönlichkeitsprognose für die zehn Prozent der Probanden, deren Abschneiden im NEO-FFI-Test ihr nicht bekannt war.

Geprüfte Fachinfos
Jetzt zwei neue Hefte der Zeitschrift lesen.
Hier mehr erfahren.

Dabei zeigte sich: Die Aktivität einzelner, spezifischer Netzwerke hängt direkt mit der Ausprägung unterschiedlicher Persönlichkeitsmerkmale zusammen. Zwei der neun funktionellen Netzwerke erwiesen sich als geeignet, um das Abschneiden eines Menschen im NEO-FFI-Test hinsichtlich seiner Offenheit für neue Erfahrungen vorherzusagen. Jeweils ein funktionelles Netzwerk ermöglichte es, die Verträglichkeit beziehungsweise die emotionale Labilität eines Menschen abzuschätzen.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sind wichtig für die Grundlagenforschung. „Wir wollen nicht nur den grundsätzlichen Aufbau des menschlichen Gehirns verstehen, sondern auch, wie es sich von Person zu Person unterscheidet“, erläutert Eickhoff.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Nostro, A. D., Müller, V. I., Varikuti, D. P., Pläschke, R. N., Hoffstaedter, F., Langner, R., Patil, K. R. & Eickhoff, S. B. (2018). Predicting personality from network-based resting-state functional connectivity. Brain Structure and Function, 223 (6), pp 2699–2719. Abstract online verfügbar

Mehr zu diesem Thema:
Wenn der Job zur Persönlichkeit passt, ist das Gehalt höher
Berufliche Anpassungsfähigkeit bringt einen voran

Im Themenschwerpunkt „Macht und Ohnmacht“ stehen neue Erkenntnisse zu Agilität und Macht, die Auswirkungen von Hierarchien, Macht als Problematik im Coaching sowie der Ohnmacht gegenüber Fake News.

Die Wirtschaftspsychologie aktuell im Schnupper-Abo testen.

Den monatlichen Newsletter der Zeitschrift bestellen.

Im Archiv ab 2001 blättern.