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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

29. Mai 2018

„Social Graph“ bildet Mitarbeiter-Netzwerke aufschlussreich ab

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Durch die elektronische Kommunikation fallen in Unternehmen immer mehr Daten an, die Interaktionen unter Beschäftigten dokumentieren. Technisch ist es heute bereits möglich, daraus soziale Beziehungsgeflechte oder „soziale Graphen“ der Belegschaft zu konstruieren und z.B. für Personalentscheidungen einzusetzen.

Erste Software-Produkte analysieren soziale Beziehungen der Mitarbeiter

In einigen Unternehmen sind diese „sozialen Graphen“ auch praktisch schon Realität. Darauf weisen der Informatiker Prof. Dr. Heinz-Peter Höller von der Hochschule Schmalkalden und der Jurist Prof. Dr. Peter Wedde von der Frankfurt University of Allied Sciences in einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung hin. Der „soziale Graph“ " – also die dynamische Liste von Kontakten werde unentwegt gefüttert, ohne dass Auswertungen erfolgen – durch E-Mails, Chats, Tweets, und mit jedem Like werde er um eine Beziehung zwischen Mitarbeitern ergänzt. Erste Software-Produkte kommen auf den Markt, die persönliche Stellungen und soziale Beziehungen in diesen Graphen analysieren können. Systeme wie „Workplace Analytics“ von Microsoft oder „Organisational Analytics“ von IBM haben dieses Potenzial.

Nicht alles machen, was technisch möglich ist

Psychologen verstehen sofort, warum solche Analysen wichtig sein können: Es geht darum zu erkennen, bei wem in der Firma die Fäden zusammenlaufen, wer ein gefragter Ansprechpartner oder Ratgeber ist, wer eher am Rande steht und selten Antworten auf seine Mails oder Beiträge im firmeninternen Social Network erhält. In kleinen, überschaubaren Strukturen braucht man dafür keine spezielle Technik. Anders in großen Unternehmen, in denen das Management keinen Einblick in die sozialen Detailstrukturen hat, die viel über Kooperation, Konflikte und Motivation unter den Beschäftigten aussagen. Wie wichtig es ist, nicht alles zu machen, was technisch möglich ist, und Forschung und Entwicklung mit psychologischem, philosophischem und ethischem Wissen kritisch zu begleiten und auf mögliche Folgen rechtzeitig aufmerksam zu machen, hat beim Tag der Psychologie in Berlin Prof. Dr. Bertold Meyer, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz,  unterstrichen.

Politik und Betriebsräte sind gefordert

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Auch Höller und Wedde warnen davor, dass Unternehmen künftig die in ihrer Studie angesprochenen Methoden verstärkt nutzen werden, „um in die Belegschaft hineinzuhorchen“. In einem fiktiven, unter rein technischen Gesichtspunkten aber realistischen Szenario stellen sie die Möglichkeit in den Raum, dass Arbeitgeber, die Entlassungen planen, sich künftig an den Ergebnissen solcher Analysen orientieren: Wer nicht hinreichend vernetzt ist, riskiert berufliche Nachteile oder sogar eine Kündigung. Damit es nicht so weit kommt, sind nach Meinung der beiden Professoren neben der Politik auch die Betriebsräte aufgefordert, Arbeitgebern genau auf die Finger zu sehen, wenn es um das Sammeln und Auswerten von „sozialen Graphen“ geht. Der Gesetzgeber habe derartigen Formen der Vorratsdatenspeicherung zwar relativ enge Grenzen gesetzt, das geltende Recht müsse aber auch effektiv durchgesetzt werden. Die rasch fortschreitende technische Entwicklung verlange die Schaffung eines neuen Mitbestimmungsrechts zum Datenschutz, da vorhandene Bestimmungen das Thema nicht ausreichend abdecken. Die Hans-Böckler-Stiftung weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nur knapp die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland einen Betriebsrat an ihrer Seite haben.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:
Höller, H.-P. & Wedde, P. (2018). Die Vermessung der Belegschaft – Mining the Enterprise Social Graph. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.

Soziale Graphen: Die Belegschaft wird "vermessen"

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