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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

10. Oktober 2016

Coachingverbände kritisieren Top-Coach-Liste von Focus

Die Zeitschrift Focus und das Karrierenetzwerk Xing haben bereits im Juli 500 Top-Coaches gekürt und behaupten, damit „Orientierung im Coaching-Wirrwarr“ zu schaffen. Nun kontert der Roundtable der Coachingverbände, ein Zusammenschluss der 13 größten Coachingverbände in Deutschland: Das Projekt diene eher den Marktinteressen der Initiatoren als besserer Transparenz im Coachingmarkt.

5.000 Euro fürs Siegel

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Am 9. Juli hatte das im Burda Verlag erscheinende Magazin Focus in seiner Beilage „Focus Network“ zusammen mit der Burda-Tochter Xing eine Liste von 250 Top-Coaches veröffentlicht. Darin schwärmte Focus-Chefredakteur Robert Schneider: „Die Focus Network-Liste bietet Orientierung in einem dynamisch wachsenden Markt und sondiert Anbieter, die nicht nur in der eigenen Branche, sondern auch bei Kunden einen hervorragenden Ruf genießen.“

Insgesamt habe man 520 Coaches ausgezeichnet, so eine Focus-Sprecherin. Davon befänden sich 500 auf der Liste im Internet http://coaches.xing.com, 250 in der gedruckten Focus-Beilage. Aufgrund der begrenzten Kapazität im Heft habe man entschieden, nur 250 Coaches ins Heft zu nehmen. Die Auswahl der 250 Coaches sei per Zufallsprinzip erfolgt.

Hinter der Top-Liste steht ein seit langem praktiziertes Geschäftsmodell von Focus. Denn wer das Top-Siegel nutzen will, muss zahlen. Beim Top-Coach-Siegel sind es 5.000 Euro im Jahr.

Jeder ist Coach

Um die besten Coaches zu ermitteln, hatte das „Xing Coaches Team“ Coaches angeschrieben. Jeder Befragte konnte dabei für 15 Kategorien jeweils bis zu fünf Coaches empfehlen. Dazu gehörten Führungskräfte-Coaching, Teamentwicklung, Verkaufscoaching und Change Management, aber auch Selbst- und Zeitmanagement Coaching, Life Coaching und systemisches Coaching. Zudem gab es die Kategorie „Sonstige fachliche Beratungs- und Trainingsleistungen“.

Diese Kategorie habe man aufgenommen, um den Coaches gerecht zu werden, die nicht einem der Tätigkeitsbereiche zuzuordnen sind, schreibt Focus. Ob Fitnesstrainer, Sprachlehrer oder IT-Dozent – bei Focus ist jeder Coach. „Ein Coach ist derjenige, der sich Coach nennt“, betont auch Mark-Sven Kopka, Vice President External Affairs von Xing.

So sind unter den Top-Coaches auch etliche Trainer und Speaker zu finden. Dazu gehören zum Beispiel Martin Limbeck, Hermann Scherer sowie etliche Motivationstrainer wie Jörg Löhr, Jürgen Höller und Bodo Schäfer. Die beiden letzteren hatten vor einigen Jahren eine fragwürdige Pleite hingelegt. Höller landete sogar im Gefängnis. Seit einiger Zeit versuchen beide ein Comeback.

Fragwürdige Umfrage

Laut Focus wurden „144.000 Berater, die auf der neu eingerichteten Plattform Xing Coaches gelistet“ sind, befragt sowie 77.000 Personalverantwortliche, die für die Buchung und Zusammenarbeit mit Coaches zuständig seien sollen. Geantwortet haben 6.205 Coaches und 583 Personaler.

Die Chance, eine der wenigen Bewertungen von einem Personaler zu bekommen, war also recht gering. Trotzdem steht in der im Heft veröffentlichten Tabelle „häufig von Personalern empfohlen“. Doch was ist häufig? Genügt es vielleicht schon, wenn man von zwei Personalern empfohlen wurde? Die Mindestanzahl, den Median und was „häufig“ in Zahlen bedeutet, gibt Focus nicht bekannt.

Weiterbildung nicht berücksichtigt

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In ihrer gemeinsamen Stellungnahme betonen die Coachingverbände, dass die Ermittlung von Top-Coaches nur nach kollegialen Empfehlungen oder Empfehlungen durch Personaler nicht hilfreich sei. Das „Siegel“ berücksichtige in keiner Weise die Aus- und Weiterbildung der gelisteten Coachs. Die Verbände verweisen dabei auf ihr im vergangenen Jahr der Öffentlichkeit vorgestelltes Papier „Profession: Coach“, das Klientinnen und Klienten sowie Auftraggebern von Coaching Orientierung zu zentralen inhaltlichen Fragen liefert. Paul Fortmeier, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Supervision in Köln, fasst es so zusammen: „Das Gütesiegel stellt allenfalls Transparenz darüber her, wer als „Coach“ bereit und in der Lage ist, in das Geschäftsmodell von Xing und Fokus jährlich 5.000 Euro zu investieren – mehr nicht.“

Bärbel Schwertfeger

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

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