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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

23. Juni 2016

Unsichere Chefs suchen Selbstzweifler aus

Manager mit Selbstzweifeln suchen Bewerber aus, die ebenfalls an sich zweifeln. So werden selbstunsichere Teams geschaffen. Das ist das Ergebnis der Organisationsforscherin Myriam Bechtoldt. Ihre Forschung stellt sie am 9. Juli auf dem Landestag der Psychologie in Stuttgart vor.

Hochstapler-Phänomen

Myriam Bechtoldt, die Organizational Behavior an der Frankfurt School of Finance & Management lehrt, hat Selbstzweifel unter Managern untersucht. Zunächst wurden gebildete und erfolgreiche Manager ausgemacht, die an sich selbst zweifeln. Sie sind kompetent, denken aber von sich, inkompetent zu sein. Da sie annehmen, zu Unrecht auf ihre Stelle gekommen zu sein und irgendwann als „Hochstapler“ entlarvt zu werden, wird dieses Muster auch „Hochstapler-Phänomen“ genannt.

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Diese „Hochstapler“ erhielten fingierte Unterlagen über potenzielle Bewerber für ebenfalls fingierte Aufgaben. Alle Bewerber wurden als hochkompetent und erfolgshungrig beschrieben. Ein Teil von ihnen war laut Unterlagen selbstbewusst, der andere Teil hatte deutliche Selbstzweifel. Die Erwartung der Forscherin: Manager mit Selbstzweifeln suchen sich selbstbewusste Bewerber aus, damit die anspruchsvollen Aufgaben sicher gelöst werden und die Führungskräfte so profitieren.

Selbstunsichere suchten Selbstzweifler

Herauskam jedoch, dass Manager mit Selbstzweifeln Bewerber bevorzugten, die ebenfalls an sich zweifelten. Sie wiesen ihnen zudem eher unattraktive Routineaufgaben statt herausfordernde Tätigkeiten zu. „Die Vergabe dieser Aufgaben“, so Myriam Bechtoldt, „sollte in Führungskräften überhaupt keine Präferenz auslösen. Es wurde klar: Die Manager fühlten sich einfach stärker hingezogen zu den Menschen, die ihnen selbst ähnlich sind. In der Psychologie sagen wir: Similarity attracts. Ähnlichkeit zieht an.“

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Ernüchternd sind weitere Resultate ihrer Forschung, die erhebliche Zweifel an der Objektivität von Personalentscheidungen aufkommen lassen. „Unsere Entscheidungen sind von Überzeugungen geprägt, deren wir uns nicht immer bewusst sind“, erklärt die Wissenschaftlerin. Wer beispielsweise an gute Gene glaube und Intelligenz für angeboren halte, schicke Mitarbeiter seltener zu einer Weiterbildung, die ihn beruflich voranbringen könne.

Teamentscheidungen und Quoten helfen

Fehlende Objektivität sollte aber nicht einfach hingenommen werden. „Personalentscheidungen lassen sich durch strukturelle Maßnahmen beeinflussen. Diversity am Arbeitsplatz – mehr Frauen, mehrere Nationalitäten – lässt sich durch Teamentscheidungen, gegebenenfalls auch durch Quoten umsetzen. Das mag nicht immer bequem sein, führt aber letztlich zum Erfolg“, weiß Myriam Bechtoldt.

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Weiterführende Informationen:

Auf dem Landestag der Psychologie in Stuttgart am 9. Juli 2016, der von der Landesgruppe Baden-Würtemberg des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen organisiert wird, stellt Myriam Bechtoldt ihre Forschungsergebnisse im Workshop „Sieger in Nadelstreifen, die sich für Nieten halten“ vor. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Myriam Bechtoldt (Diplom-Psychologin, Professorin für Organizational Behavior an der Frankfurt School of Finance & Management). (2016). Hochstapler-Phänomen: Mitarbeiter mit Selbstzweifeln gesucht [Abstract]. Wirtschaftspsychologie aktuell, 1/2016, 40-43.

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