Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

9. April 2013

Zeitwahrnehmung: Die Zukunft ist näher als die Vergangenheit

Eine neue Studie der Chicago Booth School of Business zeigt, dass die Wahrnehmung von Zeit stark von der räumlichen Bewegung abhängt. Unsere Sprache lässt erstens erkennen, dass Beschreibungen der Zeit eng mit räumlichen Bewegungen verbunden sind: die Zeit rennt, schreitet voran oder fließt. Neue Forschungsergebnisse legen zweitens nahe, dass sich die Eindrücke, die unsere Wahrnehmung der räumlichen Bewegung beeinflussen, auch auf unsere Wahrnehmung der Zeit auswirken.

„Es scheint, als hätten Wissenschaftler bislang die wichtige Tatsache vernachlässigt, dass Menschen Vergangenheit und Zukunft in alltäglichen Situationen nicht gleich beurteilen“, erklärt Eugene Caruso, Professor für Verhaltenswissenschaften an der Chicago Booth und einer der vier Autoren der Studie.

Objektbezogene Bewegung gleich Zeitwahrnehmung?

Aus der Forschung zur räumlichen Wahrnehmung wisse man, dass sich Menschen Objekten näher fühlen, auf die sie sich zubewegen. Objekte, von denen sie sich entfernen - auch wenn ihr Abstand zu beiden Objekten identisch ist – werden dagegen als weiter entfernt erlebt. Da die zeitliche Wahrnehmung auf den Erfahrungen von Raum beruhen, stellten Carusound seine Co-Autoren die Hypothese auf, dass diese Vorstellung auch unsere zeitliche Wahrnehmung beeinflusst und zu dem führt, was sie einen „temporalen Dopplereffekt“ nennen.

Zukunft näher empfunden als Vergangenheit

Bei der Befragung von Pendlern an einem Bahnhof stellten die Forscher fest, dass Menschen Zeitpunkte in der Zukunft als näher an der Gegenwart empfinden als ebenso weit entfernte Zeitpunkte in der Vergangenheit. In einer weiteren Untersuchung, einer Online-Umfrage, hatten die Teilnehmer eine Woche vor dem Valentinstag den Eindruck, der Tag sei der Gegenwart näher, als diejenigen, die eine Woche nach dem Valentinstag befragt wurden.

Zeitliche Wahrnehmung ist an Bewegung gekoppelt

Diese Ergebnisse deuten auf eine Beziehung zwischen räumlicher Bewegung und zeitlicher Wahrnehmung hin. Um eine direkte Verbindung zwischen beiden herzustellen, führten die Forscher eine weitere Studie in einer virtuellen Realität durch. Den Studenten wurde ein Helm aufgesetzt, dessen Display ihnen eine Szene mit einer zweispurigen, von Bäumen, Straßenleuchten und Gebäuden gesäumten Straße zeigte. Einige der Studenten erlebten diese Szene, als gingen sie auf einen sprudelnden Brunnen am Ende der Straße zu, während andere den Eindruck hatten, sie gingen rückwärts weg vom Brunnen. Anschließend mussten die Studenten sagen, wie weit entfernt ihnen ein Zeitpunkt (in drei Wochen oder vor drei Wochen) erschien.

Das Ergebnis: Nur die Studenten, die vorwärts gegangen waren, sagten, der Zeitpunkt in der Zukunft erschiene ihnen näher als derjenige in der Vergangenheit. Diejenigen, die sich rückwärts bewegten, zeigten keinen temporalen Dopplereffekt. Dies bestätigt, dass unsere Wahrnehmung der Zeit mit unserer räumlichen Bewegung verknüpft ist.

Auf zukünftige Ereignisse einstellen

Caruso und seine Kollegen glauben, dass diese Zukunftsorientierung nicht nur eine Laune der Wahrnehmung ist, sondern auch einen wichtigen Zweck hat. Menschen können die Vergangenheit nicht ändern. Sie sind jedoch in der Lage, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Dass wir zukünftige Ereignisse als näher einstufen, könnte daher ein psychologischer Mechanismus sein, der uns dabei hilft, auf Ereignisse zuzugehen, sie zu vermeiden oder uns auf sie einzustellen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Eugene M. Caruso, Leaf Van Boven, Mark Chin & Andrew Ward (2013). The Temporal Doppler Effect: When the Future Feels Closer Than the Past. Psychological Science, OnlineFirst, March 8.

Zur Ausgabe "Besser managen"

Zum Schnupper-Abo der Wirtschaftspsychologie aktuell

Zur Newsletter-Anmeldung

Zum Archiv