Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Burnout-Prävention

Selbstführung, Trainings und geänderte Arbeitsbedingungen können Burnout vorbeugen

19. Oktober 2012

Das Erschöpfungssyndrom geht um. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die Diagnose ist fraglich. Um Burnout zu verhindern, bedarf es besserer Selbstführung, gezielter Trainings, die Potenziale stärken, und geänderter Arbeitsbedingungen mit wertschätzender Führung. Das ist das Ergebnis der Podiumsdiskussion „Burnout-Prävention: Nur Anti-Stress-Kosmetik und Alibi-Veranstaltung?“.

Sie wurde von der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell auf der diesjährigen Fachmesse Zukunft Personal organisiert. Chefredakteurin Bärbel Schwertfeger landete mit ihrer Expertenrunde einen Volltreffer auf Europas größter Messe für Personalmanagement. Der Ansturm auf das Praxisforum zeigte, das es weiterhin viele Fragen und Unsicherheiten im Umgang mit dem zunehmenden Ausbrennen gibt.

Podium Burnout-Prävention
Ansturm auf das Praxisforum: Was beugt Burnout vor?

Führungskräfte sind keine Ärzte

„Es kommt darauf an, mit welcher Haltung Arbeitgeber Angebote machen“, befand Werner Fürstenberg. Wenn dies lediglich aus Imagegründen geschehe, handle es sich um „reine Makulaturveranstaltungen“, meinte der Gründer und Geschäftsführer des Fürstenberg Instituts aus Hamburg. Es gebe aber durchaus auch ernstzunehmende Ansätze in den Betrieben, so etwa zur gesundheitsorientierten Führung.

Werner Fürstenberg
Werner Fürstenberg: Führungskräfte sollten keine Diagnose stellen

Allerdings ließen Unternehmen Führungskräfte im Umgang mit psychisch angegriffenen Mitarbeitern oft allein. „Sie müssen davon befreit werden, eine Diagnose stellen zu wollen“, verdeutlichte Fürstenberg das Problem. Denn Führungskräfte hätten zwar eine Fürsorgepflicht, seien aber keine Ärzte. Diese Lesart gesundheitsorientierter Führung sei eine Fehlentwicklung, so der Experte.

Burnout-Diagnose ist fraglich

„Wenn das Grundvertrauen zum Arbeitgeber fehlt, kann der anbieten was er will – es wird ohnehin nicht angenommen“, gab Professor Dr. Andreas Hillert zu bedenken und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf die vertrauensvolle Arbeitsbeziehung, ein weiterer wichtiger Aspekt bei der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Zudem sei das Erschöpfungssyndrom wenig greifbar – auch für die Krankenkassen: „Burnout als Behandlungsdiagnose ist obsolet“, erklärte der Chefarzt der medizinisch-psychotherapeutischen Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. „Ich kann nicht mehr, mir ist alles zu viel“ sei keine Diagnose, die für die Krankenkasse gelte.  

Professor Dr. Andreas Hillert

Professor Dr. Andreas Hillert: Burnout ist keine Behandlungsdiagnose

Selbstführung beugt vor

Es helfe sehr, wenn die Unternehmen ihre Mitarbeiter bei der Bewältigung der Arbeitsflut unterstützten, meinte Torsten Schrör, selbstständiger Coach und Berater aus Bamberg, der selbst 20 Jahre lang Manager war. Doch weitaus wichtiger sei die Fähigkeit, sich selbst zu spüren. „Selbstführung auf der Basis von Selbstachtung ist die beste Vorbeugung.“

Jeder Mensch müsse einen inneren Beobachter dafür entwickeln, wie es ihm gehe. „Wir sollten in der Lage sein, unsere Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, im Hier und Jetzt, ohne zu bewerten.“ Diese Kompetenz sei trainierbar und in Zukunft unverzichtbar. „Es ist unrealistisch zu glauben, dass das Leben wieder langsamer wird. Der normale Wahnsinn wird uns weiter begleiten – man muss also folglich selbst etwas dagegen, sprich für sich tun“, erklärte Schrör.

Trainings, die Potenziale fördern

„Das Bewusstsein für Selbstverantwortung fehlt, das wird noch viel zu wenig diskutiert“, schloss sich Werner Fürstenberg an. Befindlichkeitsstörungen seien Reaktionen auf Veränderungen, die nicht nur mit der Berufstätigkeit zu tun hätten. „Es werden zu schnell monokausale Zusammenhänge hergestellt zur bösen Arbeitswelt“, brach Fürstenberg eine Lanze für die Unternehmen.

Wie Torsten Schrör plädierte er dafür, die persönliche Widerstandskraft zu stärken. „Wir brauchen keine Burnout-Prävention sondern Resilienz-Trainings“, befand der Experte. Es sei auf jeden Fall besser an Potenziale anknüpfen als auf Defizite einzugehen.

Arbeitsbedingungen ändern

Gerade technische Führungskräfte hätten Defizite in der Selbstwahrnehmung, bestätigte Ulrich Zilz, Ausbildungsreferent bei der Berufsgenossenschaft Holz Metall in Mainz. Der Diplom-Psychologe sieht aber auch die Arbeitgeber in der Pflicht: „Allein die persönlichen Ressourcen zu stärken, ist für mich der falsche Weg.“ Wenn lieber ein Training veranstaltet werde als betriebliche Bedingungen zu verändern, habe das sicher Alibifunktion. Teil der Arbeitsbedingungen sei beispielsweise ein Chef, der viel fordere und nie Nein sage.

Ulrich Zilz
Ulrich Zilz: Betriebliche Bedingungen ändern für mehr Wertschätzung

Zudem hätten Führungskräfte oft zu viele Arbeitnehmer unter sich. Ein Vorgesetzter von 400 Leuten könne schlecht jedem Einzelnen Wertschätzung entgegenbringen, sagte Zilz. Er wünsche sich, dass Führungskräfte aus dem produzierenden Gewerbe zum Beispiel einmal vorübergehend im sozialen Umfeld eingesetzt würden. „Der Unterschied zwischen Menschen und Maschinen muss deutlicher werden.“

Gesellschaftliche Diskussion zum Thema Leistung führen

Torsten Schrör würde gerne generell mehr Achtsamkeit und Selbstführung verordnen. Denn diese individuellen Veränderungen könnten auch gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen, glaubt der Coach. Werner Fürstenberg wünscht sich, dass der Trend zu immer höheren Leistungserwartungen gestoppt wird.

Bärbel Schwertfeger
Chefredakteurin Bärbel Schwertfeger landete einen Volltreffer

„Wir müssen eine gesellschaftliche Diskussion über „schneller, weiter, höher“ führen.“ Er sei aber ohnehin recht optimistisch, dass der demografische Wandel und die damit verbundende neue Macht der Arbeitnehmer Arbeitgeber dazu bringe, für gesündere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Diesen Aspekt griff Moderatorin Bärbel Schwertfeger als Schlusswort auf und bemerkte mit ironischem Unterton: „Vielleicht löst ja künftig der Fachkräftemangel automatisch die Burnout-Problematik.“

Petra Jauch, spring Messe Management

Fotos: Zukunft Personal 2012/Fotostudio Franz Pfluegl

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Mehr zum Thema Burnout in der Ausgabe "Strategien gegen Burnout"

Sabine Siegl, Frank Jacobi und Ulrich Schübel vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen zum Thema "Burnout-Prävention"

Zur Ausgabe "Motiviert und glücklich"

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