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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

12. März 2012

Carl Graf Hoyos gestorben

Völlig unerwartet starb am 8. Februar 2012 Carl Graf Hoyos in seinem 89. Lebensjahr in seiner Wohnung in Icking, nachdem er noch am Tag zuvor ein wissenschaftliches Kolloquium an seinem ehemaligen Lehrstuhl an der Technischen Universität München besucht und sich dort lebhaft an der Diskussion beteiligt hatte. Carl Graf Hoyos war ein bedeutender Vertreter der Angewandten Psychologie - insbesondere der Arbeits-, Ingenieur- und Verkehrspsychologie - und zugleich ein überaus integrer, verlässlicher und liebenswürdiger Mensch. Ein Nachruf von Professor Dr. Lutz v. Rosenstiel.

Nach einer belastenden Jugend, in der er den Krieg und die sowjetische Kriegsgefangenschaft erleben und den Verlust seiner schlesischen Heimat erleiden musste, entschied sich Graf Hoyos bei der Wahl seines neuen Lebenswegs für die Psychologie und das Studium bei Carl Bondy in Hamburg. Nach Jahren in der Praxis wurde er in den 60er Jahren Mitglied des Forschungsteams um Harald Schmidtke und beschäftigte sich dort intensiv mit Fragen der Arbeitsgestaltung, der Arbeitssicherheit und der Leistungsmotivation.

Bald nach der Gründung einer neuen Universität in Regensburg wurde er dorthin berufen und vertrat - unterstützt durch ein wachsendes Team - verschiedene Felder der Angewandten Psychologie. 1972 wechselte er auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl an der Technischen Universität München, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1989 wahrnahm. Danach war er als Autor, Herausgeber von Lehrbüchern und Lehrbeauftragter aktiv und brachte seine Erfahrung beim Aufbau der Hochschullandschaft in den neuen Bundesländern ein.

Carl Graf Hoyos hat über Jahrzehnte die Psychologie entscheidend geprägt. Seine Denkschrift „Zur Lage der Psychologie“ (1964) bestimmte für lange Zeit die personelle und sachliche Ausstattung jener Institute, die im deutschsprachigen Raum Psychologie im Hauptfach anboten. Durch seine Mitwirkung an der Neufassung der Diplomordnung für Psychologen setzte er starke Akzente bei der Beantwortung der Frage, was die Studierenden künftig zu lernen hätten und verankerte die Arbeits- und Organisationspsychologie fest im Fächerkanon der Studien- und Prüfungsordnung.

Er initiierte gemeinsam mit gleich gesinnten, jüngeren Kollegen ein Netzwerk der an den Universitäten lehrenden Arbeits- und Organisationspsychologen, die heute als entsprechende Fachgruppe innerhalb der DGPs sehr erfolgreich und quantitativ überaus umfangreich geworden ist. Bei diesem zunächst informellen und dann später organisierten Netzwerk konnte sich Graf Hoyos auf frühere Erfahrungen stützen.

So gelang es ihm bereits in den 60er Jahren, die wissenschaftlichen Mitarbeiter unterschiedlicher Forschungsinstitutionen in München zu regelmäßigen Treffen zu animieren. Dabei luden im Wechsel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LMU, der TU oder der Max-Planck-Institute für Psychiatrie und Verhaltensphysiologie in ihre Wohnungen ein und präsentierten und diskutierten dort bei Wein, Bier, Saft und Wasser sowie karger Verköstigung ihre wissenschaftlichen Vorhaben.

Dieses Konzept der Vernetzung verfolgte Graf Hoyos auch, als in den späten 70er Jahren arbeits- und organisationspsychologische Professuren an der TU, der LMU und der Universität der Bundeswehr neu besetzt worden waren und es Hoyos gelang, die Kollegen dazu zu motivieren, regelmäßig im zweiwöchigen Rhythmus am Mittwochnachmittag ein Kolloquium durchzuführen.

Dies führte zu den unterschiedlichsten Kooperationen nicht nur zwischen Wissenschaftlern, sondern auch zwischen der Wissenschaft und der Praxis und eröffnete Studierenden die Möglichkeit für empirische Diplomarbeiten, die nicht selten zu einer späteren Anstellung führten. Diese Einrichtung wurde bald über die Grenzen Münchens hinaus bekannt und bestand weiter, bis der letzte der „Gründerväter“ im Jahre 2006 in den Ruhestand ging.

Graf Hoyos sorgte als treibende Kraft für die Umgründung des eher bescheidenen Blättchens „Psychologie und Praxis“ in eine niveau- und anspruchsvolle deutschsprachige Fachzeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, deren erster geschäftsführender Herausgeber er wurde. Er kümmerte sich als Autor und Herausgeber umfangreicher Lehr- und Sammelbände für die Bereitstellung zentraler Lehrinhalte in der Angewandten Psychologie, vor allem in der Arbeits-, Organisations-, Wirtschafts- und Verkehrs-, Sicherheits- und Gesundheitspsychologie.

Zu nennen sind hier exemplarisch die Werke „Arbeitspsychologie“ (1974), „Grundbegriffe der Wirtschaftspsychologie“ (Hrsg. gemeinsam mit W. Kroeber-Riel, L. v. Rosenstiel und B. Strümpel, 1980),   „Lehrbücher der Angewandten Psychologie“ (gemeinsam mit D. Frey & D. Stahlberg, 1988),  „Arbeits- und Organisationspsychologie“ (gemeinsam mit D. Frey, 1999),  der „Wirtschaftspsychologie“ (gemeinsam mit D. Frey & L. v. Rosenstiel, 2005) sowie der Band innerhalb der „Enzyklopädie der Psychologie zur „Ingenieurpsychologie“, den er gemeinsam mit B. Zimmolog betreute.

Dazu kamen Entwicklungen von Analyseverfahren, von denen insbesondere der „Fragebogen zur Arbeitsanalyse“ gemeinsam mit E. Frieling (1978) und ein Fragebogen zur Sicherheitsdiagnose gemeinsam mit F. Ruppert (1999) zu nennen sind.

Die Autoren der von ihm (mit-)herausgegebenen Bände „quälte“ er oft mit detaillierten Verbesserungswünschen, da er unnachsichtig und erfolgreich sprachliches Geschwafel und inhaltliche Unsauberkeit zu verhindern suchte. Meist waren diese Autoren ihm später dankbar dafür.

Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausend engagierte Graf Hoyos sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands - obwohl selbst längst im Ruhestand - für den Neuaufbau des Hochschulwesens in den neuen Bundesländern und zwar insbesondere an den Hochschulen Freiberg (Sachsen), in Dresden und Jena.

In vielen seiner Handlungen ist ein ähnliches Muster erkennbar: Er entwickelte eine Idee, suchte und fand gleich gesinnte Mitstreiter und setzte mit diesen um, was er sich vorgenommen hatte.

Die Leistungen von Carl Graf Hoyos sind vielfältig gewürdigt worden, insbesondere durch die Verleihung der Hugo-Münsterberg- Medaille für Verdienste um die Angewandte Psychologie im Jahre 1995 durch den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, sowie die Verleihung der Ehrendoktorwürde im Jahr 2001 durch die Universität Dortmund.

Trotz seiner intensiven Arbeit und der großen dabei erzielten Erfolge beschränkte sich das Interesse von Carl Graf Hoyos nicht auf sein Fach; er war weit davon entfernt zum „Partialsimpel“ zu werden. So setzte er sich intensiv mit den Religionen der Welt, mit der Geschichte und den Erscheinungsformen der Europäischen Kultur auseinander, reiste mit Freunden, studierte einschlägige Literatur und besuchte Baudenkmäler - insbesondere in Osteuropa - und förderte in diesem Zusammenhang nachhaltig die Belange des Denkmalschutzes. Offen - ja geradezu neugierig - verfolgte er den Lebensweg seiner Freunde, Kollegen und Schüler und suchte dabei den jüngeren mit Rat und Tat beizustehen.

Carl Graf Hoyos hat die Psychologie in Deutschland nachhaltig beeinflusst. Er wird vielen - auch den jüngeren Vertretern - noch lange in positiver und achtungsvoller Erinnerung bleiben.

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Weiterführende Informationen:

Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). (2012). Prof. Dr. Dr. Carl Graf Hoyos verstorben.

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