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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

16. Dezember 2010

Die ersten Minuten im Bewerbungsgespräch sind entscheidend

Büroromantiker dürfen sich freuen. Es scheint so etwas wie einen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Effekt beim Vorstellungsgespräch zu geben. Murray Barrick von der A & M Texas University und seine Kollegen haben herausgefunden, dass sich schon in den ersten zwei bis drei Minuten der Kennenlernphase – und damit noch vor dem eigentlichen Interview – entscheidet, welcher Kandidat später für kompetent gehalten wird und den Job bekommt.

Nicht triviales Händeschütteln?

Händeschütteln, Kleiderrascheln, Höflichkeitslächeln, Small Talk: all das scheint den Interviewer anzuregen, sich rasch ein Urteil zu bilden. Dass vorschnelle Urteile dem Menschen liegen, ist klar. Die Forscher fragten sich daher in ihrer Studie im Journal of Applied Psychology: Sind Urteile direkt nach der kurzen Intitialphase eines Einstellungsinterviews trivial oder sagen sie etwas über die berufliche Kompetenz des Bewerbers aus?

Sie führten ausführliche, aber gestellte strukturierte Einstellungsinterviews mit 189 Studenten durch, von denen die meisten später echte Bewerbungsgespräche für einen Praktikumsplatz bei einem der vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen hatten (Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers).

Urteil nach drei Minuten: „später erfolgreich“

Vor den Fake-Interviews gab es eine kurze Kennenlernphase von zwei bis drei Minuten, in denen Bewerber und Interviewer lächeln und sich beschnuppern konnten. Nach diesen drei Minuten fällten die Interviewer ein Gefallensurteil („Ich würde gern mit ihm zusammen arbeiten.“), ein Ähnlichkeitsurteil („Der Bewerber und ich haben die gleichen Wertvorstellungen.“) und ein Kompetenzurteil („Der Bewerber wird später erfolgreich sein.“).

Gefallens- und Ähnlichkeitsurteil sind trivial, da jeder nach ein paar Minuten über einen anderen sagen kann, ob er ihn mag und ihm mehr oder weniger ähnlich ist. Steht hingegen nach dieser kurzen Zeit ein Kompetenzurteil fest, das für den Arbeitsplatz relevant ist und maßgeblich in die Gesamtbewertung des Bewerbers einfließt, so wäre das mehr, als man erwarten dürfte.

Praktikumsplatz auf den ersten Blick

Die Interviewer hatten in der Tat nach drei Minuten eine Vorstellung von der Kompetenz des Bewerbers. Dieses Urteil unterschied sich vom Gefallens- und Ähnlichkeitsurteil und bestimmte maßgeblich die Gesamtbewertung nach den strukturierten Interviews.

Sogar die Scores der Interviews, die die vier Unternehmen unabhängig durchführten, ließen sich mit der Fähigkeitseinschätzung aus den ersten drei Minuten vorhersagen.

Schließlich: Wer beim Auftakt einen guten Eindruck hinterließ, bekam mit größerer Wahrscheinlichkeit den begehrten Praktikumsplatz.

Ohne Interview geht’s noch nicht

Kann man jetzt gleich ganz auf das Bewerbungsgespräch verzichten? Nein, sagen die Autoren. Es ist die erste Studie zur Vorhersagekraft des ersten Beschnupperns im Einstellungsinterview. Noch weiß keiner, ob sich der erste gute Eindruck später auch in hoher Arbeitsleistung niederschlägt.

Außerdem hängt die Auftaktbewertung nur marginal mit der Studienleistung eines Bewerbers zusammen, die normalerweise ein guter Indikator für die Arbeitsleistung ist. Für die Praxis raten die Autoren daher, Einschätzungen nach dem ersten Kennenlernen vorerst als Ausschlusskriterium für ungeeignete Bewerber zu nutzen.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Barrick, Murray R., Swider, Brian W. & Stewart, Greg L. (2010). Initial evaluations in the interview: Relationships with subsequent interviewer evaluations and employment offers (Abstract). Journal of Applied Psychology, Vol. 95(6), 1163-1172.

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