Leben

Wohlbefinden auch ohne Luxus

Redaktion

11.11.2014

Wohlbefinden auch ohne Luxus (Foto: energepiccom_pexels.com)

Materialisten, also Personen, denen Geld und Besitz wichtig ist, fühlen sich schlechter als jene, die davon nicht überzeugt sind. Sie leiden häufiger unter Kaufsucht, kritisieren sich selbst, rauchen und trinken, sind seltener fröhlich und fühlen sich insgesamt nicht gut. Das ist das Ergebnis einer neuen Metaanalyse britischer Forscherinnen. Sie fordern, dass die Politik weniger auf Geld und Besitzanhäufung setzt.

151 Studien zu Materialismus und Wohlbefinden zusammengefasst

Helga Dittmar ist Assistenzprofessorin für Psychologie an der britischen Universität von Sussex und forscht zum Materialismus. Zusammen mit Kollegen hat sie jetzt in der Novemberausgabe des Journal of Personality and Social Psychology eine Überblicksstudie dazu vorgelegt.

Die Forscherinnen gingen der Frage nach, wie Materialismus und Wohlbefinden insgesamt zusammenhängen. Dazu werteten sie 151 Studien aus, die zwischen 1980 und 2013 zum Thema erschienen, und fassten sie rechnerisch zusammen.

Unter Materialismus verstanden die Psychologen „überdauernde Werte, Ziele und Überzeugung, inwiefern es wichtig ist, Geld und statusbezogenen Besitz zu erwerben“ (S. 880). Als Wohlbefindensmaße berücksichtigten sie Lebenszufriedenheit, Freude, Selbstwert, Angst, Niedergeschlagenheit und körperliche Gesundheit. Was kam heraus?

Je materialistischer, desto unglücklicher

Materialismus ging mit weniger Wohlbefinden einher. Je mehr jemand Geld und Besitz hochhielt, desto schlechter fühlte er sich. Dieser Zusammenhang war moderat, zeigte sich aber über alle Studien hinweg. 

Am abträglichsten waren materialistische Überzeugungen. Am deutlichsten hingen materialistische Glaubenssätze, wie „Ich mag viel Luxus in meinem Leben“ oder „Ich bewundere Menschen, die teure Wohnungen, Autos und Kleidung besitzen“, mit weniger Wohlgefühl zusammen. Was die Stärke des Zusammenhangs mit dem Wohlbefinden anging, folgten Maße, die erfassten, wie wichtig Einkommen, Besitz oder Lifestyle im Verhältnis zu menschlichen Werten, wie Beziehungen, Gemeinschaft oder persönliches Wachstum, waren. 

Psyche, Selbstwert und Gesundheitsverhalten waren bei Materialisten geschwächt. Personen mit materialistischen Einstellungen litten besonders unter folgenden Anzeichen eingeschränkten Wohlbefindens (Reihenfolge in von oben nach unten abnehmender Stärke), sie: 

  • zeigten häufig kaufsüchtiges Verhalten,
  • hatten eine negative Meinung von sich selbst,
  • rauchten häufiger, tranken Alkohol und nahmen Drogen,
  • erlebten seltener Freude oder Glück und 
  • fühlten sich insgesamt nicht gut.

Unfähigkeit zur Bedürfnisbefriedigung

Personen- und Gesellschaftsfaktoren beeinflussten die Auswirkungen des Materialismus. Das Wohlbefinden war bei jenen Materialisten stärker beeinträchtigt, die älter als 18 waren, weiblich, einen wenig statusbezogenen Beruf ausübten oder in einem Land mit geringem Wirtschaftswachstum lebten.

Materialisten konnten ihre psychologischen Bedürfnisse nicht befriedigen. Sie gaben häufiger an, dass ihre grundlegenden Bedürfnisse nach Fähigkeitserwerb, Verbundenheit zu anderen und Eigenständigkeit nicht gestillt waren. Diese unbefriedigten Bedürfnisse vermittelten statistisch gesehen den Zusammenhang zwischen Materialismus und Unwohlsein. Sie erklärten also, weshalb sich Materialisten schlechter fühlten. Durch ihr Streben nach Geld und Besitz vernachlässigten sie jene Aktivitäten, die nachweislich glücklich machten: Beziehungen pflegen und sich selbst ausprobieren.

Materialistische Werte eindämmen

Das Team um Helga Dittmer fasst zusammen (S. 915), dass:

  • es eindeutig eine negative Beziehung zwischen materialistischen Zielen und dem Wohlbefinden gab,
  • dieses Ergebnis mit der jahrtausendealten religiösen oder philosophischen Kritik am Besitzstreben übereinstimmte und
  • es Zeit für eine Politik sei, die sich von Geld und Besitzanhäufung abwendet.

Die Metaanalyse zeigt eine klare, einheitliche negative Beziehung zwischen einer großen Anzahl persönlicher Wohlbefindensmaße und der Überzeugung, materialistische Ziele im Leben verfolgen zu wollen. [...] Diese Ergebnisse stimmen […] mit vielen religiösen Überlieferungen überein, die seit den ersten Aufzeichnungen materialistische Werte in Frage stellen und kritisieren. Sie legen außerdem nahe, dass es Zeit für eine Politik und Maßnahmen ist, die materialistische Werte eindämmen und damit dem langfristigen Wohlbefinden aller Menschen nützen.

Literatur

Helga Dittmar, Rod Bond, Megan Hurst (University of Sussex) & Tim Kasser (Knox College). (2014). The Relationship Between Materialism and Personal Well-Being: A Meta-Analysis [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 107, 879-924.