Leben

Unter Unsicherheit entscheiden wir nicht rational

Redaktion

28.05.2020

Unter Unsicherheit entscheiden wir nicht rational -
Unter Unsicherheit entscheiden wir nicht rational -
(Foto: pexels - pixabay.com)

Wir treffen Entscheidungen unter Unsicherheit nicht in einer Weise, die wir gemeinhin als „rational“ beschreiben würden. Diese grundlegende Erkenntnis der Entscheidungsforschung des renommierten Psychologen Daniel Kahneman und des Kognitionsforschers Amos Tversky hat nun eine großangelegte internationale Studie bestätigt. Gleichzeitig belegte sie ihre weltweite Anwendbarkeit.

Prospect Theory

Ein Team aus jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern internationaler Hochschulen, unter anderem der Columbia University sowie der Universität zu Köln, hat dafür die Ergebnisse eines berühmten Artikels von Kahneman und Tversky (1979) zur „Prospect Theory“ repliziert. Der Artikel „Replicating patterns of prospect theory for decision under risk“ ist im renommierten Magazin Nature Human Behaviour erschienen.

Für die „Prospect Theory“ hatte Kahneman im Jahr 2002, als Tversky bereits verstorben war, den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Die Theorie beschreibt, wie Menschen unter Unsicherheit Entscheidungen treffen und inwiefern diese nicht immer konsistent mit dem sind, was wir gemeinhin unter „rational“ verstehen – und was frühere, rationale Entscheidungstheorien wie die „Expected Utility Theory“ vorhersagen würden. 

Kein fester Entscheidungsalgorithmus

Kahneman und Tversky zeigten, dass Menschen sich nicht rational im Sinne eines festen Algorithmus aus Wert, Wahrscheinlichkeit und bereits bestehendem Vermögen entscheiden, sondern dass sie beispielsweise Verluste stärker gewichten als Gewinne. Außerdem sind wir risikoaffin in Bezug auf Gewinne, aber risikovermeidend in Bezug auf Verluste und können kleine Wahrscheinlichkeiten überschätzen. 

Für die damaligen Studien mussten die Versuchspersonen zwischen zwei Optionen wählen, zum Beispiel: A) eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit für den Gewinn von 4.000 Euro (also auch 20 Prozent Wahrscheinlichkeit für 0 Euro Gewinn) oder B) eine 100-prozentige Garantie für 3.000 Euro Gewinn. Dann wurden verschiedene Entscheidungen miteinander verglichen, um Muster, nach denen die Entscheidungen getroffen werden, zu erkennen.

Aktuelle Studie repliziert Ergebnisse 

Unter der Leitung von Kai Ruggeri von der Columbia University zeigte das Forschungsteam nun 40 Jahre später, dass die Antwortmuster für Entscheidungen unter Unsicherheit repliziert werden können – wenn auch teils mit kleineren Effekten. So waren 77 Prozent der Effektgrößen in ihrer Studie kleiner als die der Originalstudie – was aber wegen der großen Anzahl an Versuchspersonen nicht verwunderlich ist. Die Originalstudie befragte Stichproben von maximal 141 Versuchspersonen pro Frage, die Replikationsstudie hatte eine Gesamtstichprobe von 4.098 Versuchspersonen. Außerdem kamen die Versuchspersonen der Replikationsstudie aus 19 Ländern, was darauf hindeutet, dass die Antwortmuster weltweit generalisierbar sind. 

Stabiles Fundament für die Prospect Theory

Von der Universität zu Köln war Felice Tavera, Doktorandin der Psychologie an der Universität zu Köln, am Projekt beteiligt. „Unsere Studie zeigt, dass diese monumentale Theorie weiterhin dazu in der Lage ist zu beschreiben, wie Menschen Entscheidungen bei Unsicherheiten und Risiken in den Ausgangsbedingungen treffen. Und das 40 Jahre später, in 19 verschiedenen Ländern und bei einer sehr diversen Stichprobe mit Menschen unterschiedlichen Alters, Bildungsgrades und Einkommens“, fasst Tavera die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen. „Gerade in Zeiten einer globalen Pandemie kann es wichtig sein, Theorien über individuelle Entscheidungsfindung zurate zu ziehen, um Aufklärungs- und Interventionsprojekte zu erstellen. Durch unsere erfolgreiche Replikation steht die Prospect Theory nun auf einem stabileren Fundament.“

Literatur

Ruggeri, K., Alí, S., Berge, M.L., et al. (2020). Replicating patterns of prospect theory for decision under risk. Nature Human Behavior.