Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

Coaching

9 Erkenntnisse zu negativen Nebenwirkungen im Coaching

Carsten Schermuly

29.09.2021

9 Erkenntnisse zu negativen Nebenwirkungen im Coaching
Die Forschung zeigt: Coachings wirken nicht nur, sondern können auch Nebenwirkungen haben. (Foto: mentatdgt – Pexels.com)

Coaching ist eine noch relativ junge Forschungs- und Praxisdisziplin. Dennoch liegen erste Metaanalysen vor, die die Wirksamkeit von Coachings belegen. Wenn eine Intervention wirkt, ist allerdings die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch unerwünschte Nebenwirkungen entstehen.

Dass Coaching-Interventionen positive Wirkungen erzielen können, daran lassen erste Meta-Analysen keinen Zweifel. Doch auch negative Nebenwirkungen können auftreten.

Die Forschung definiert sie als alle für Klient*innen „schädlichen oder unerwünschten Folgen, die unmittelbar durch das Coaching verursacht werden und parallel dazu oder im Anschluss daran auftreten“ (Schermuly, Schermuly-Haupt, Schölmerich & Rauterberg, 2014, S. 19). Sie sind also unbeabsichtigt, schädlich und hängen direkt mit dem Coaching zusammen. Beispiele sind das Anstoßen tiefergehender Probleme, die nicht mehr im Coaching bearbeitet werden können, Abhängigkeitsverhältnisse oder eine verschlechterte Beziehung zur Führungskraft.

Wie sind negative Nebenwirkungen zu bewerten?

Die Forschung zeigt, dass negative Nebenwirkungen nicht mit Misserfolg gleichzusetzen sind, da sie gleichsam in erfolgreichen wie nicht erfolgreichen Coachings auftreten. Ihre Bewertung hängt zudem davon ab, durch wen und wann diese Einschätzung erfolgt. Z. B. sieht ein Coach die Abhängigkeit seiner Klientin vielleicht positiv, da er an ihren Sitzungen verdient, oder ein Klient nimmt das zunächst negativ bewertete Anstoßen tiefergehender Probleme im Nachhinein positiv wahr, weil er die Probleme erfolgreich meistern konnte.

Umgang mit Nebenwirkungen in der Praxis

Folgende Erkenntnisse aus der Forschung und Praxis können Ihnen beim Umgang mit Nebenwirkungen helfen.

1. Sehen Sie den Umgang mit Nebenwirkungen als Teil der Professionsentwicklung.

Natürlich interessiert sich eine junge Profession wie Coaching zunächst für die positiven Effekte, aber nun sollte auch das Thema „Nebenwirkungen“ in den Fokus rücken, wodurch die Reifung und Professionalisierung des Coaching-Berufs zunehmen. Besonders in der Pflicht sind dabei Coaching-Plattformen, die während der Pandemie Hunderte von Online-Coachings verkaufen, ohne Informationen zu potenziellen negativen Nebenwirkungen von Online-Coachings zu haben.

2. Verwechseln Sie negative Nebenwirkungen nicht mit Misserfolg.

Vielleicht empfinden Sie Nebenwirkungen als Indiz für Unprofessionalität? Tatsächlich berichten Graßmann, Schermuly und Wach (2019), dass Nebenwirkungen mit einer geringeren Selbstwirksamkeit von Coaches einhergehen, obwohl es ziemlich oft und erfolgsunabhängig zu Nebenwirkungen kommt. Nur weil Coaching schmerzhafte Veränderungen mit sich bringen kann, bedeutet dies nicht automatisch ein Misslingen des Coachings.

3. Gehen Sie transparent und entspannt mit Nebenwirkungen um.

Wenn Sie möglichen Nebenwirkungen mit Akzeptanz und Transparenz begegnen, profitieren auch Ihre Klient*innen. So werden Nebenwirkungen nämlich kognitiv und emotional neu bewertet und können sogar aktiv für den Coaching-Prozess genutzt werden.

4. Die Anzahl der Nebenwirkungen ist entscheidend.

Über einzelne Nebenwirkungen niedriger Intensität brauchen Sie nicht besorgt zu sein. Treten aber viele Nebenwirkungen in kurzer Zeit auf, sollten Sie aktiv werden, weil es zu Folgeproblemen, wie z. B. Coaching-Abbrüchen, kommen kann.

Auch Coaching-Plattformen, die Online-Coachings verkaufen, sollten über potenzielle negative Nebenwirkungen informieren. (Foto: Linkedin Sales Solution – Unsplash.com)
Auch Coaching-Plattformen, die Online-Coachings verkaufen, sollten über potenzielle negative Nebenwirkungen informieren. (Foto: Linkedin Sales Solution – Unsplash.com)

5. Ausführliche Diagnostik statt Themenhopping.

Neulinge beginnen das Coaching oft direkt mit der Problembearbeitung, scheitern und starten den Problemprozess erneut. Dieses Vorgehen führt zum Themenhopping: Thema um Thema wird angerissen, ohne dass eines abschließend behandelt würde. Tatsächlich gilt: Je mehr Themen bearbeitet werden, desto mehr Nebenwirkungen treten auf (Schermuly et al., 2014). Konzentrieren Sie sich lieber auf wenige Themen und bearbeiten diese dafür intensiv.

Hilfreich ist dafür eine angemessene Diagnostik am Anfang des Coachings. So können Sie die Persönlichkeit und das soziale System Ihrer Klient*innen explorieren und das Kernthema identifizieren bzw. bei mehreren Themen eine Priorisierung vornehmen.

6. Supervision ist wichtig, vor allem für junge Coaches.

Negative Nebenwirkungen sind bei Coaches durchschnittlich dreimal häufiger als bei Klient*innen (Schermuly et al., 2014), bei Berufsanfänger*innen sogar noch häufiger (Graßmann & Schermuly, 2018). Z. B. kommt es zu Versagensängsten oder Schuldgefühlen. Egal, ob als junger Coach mit Neigung zum Neurotizismus oder als erfahrene Coachingkraft, Supervision ist für Sie eine ratsame Form der Selbstfürsorge (Schermuly et al., 2014). Diese können sich aber viele finanziell nicht leisten, weshalb Coaches, die ihre Fälle nachweislich supervidieren lassen, höhere Honorare erhalten sollten.

7. Eine gute Beziehung zu den Klient*innen schützt gegen Nebenwirkungen.

Es ist erwiesen, dass die Qualität der Beziehung zwischen Ihnen und Ihren Klient*innen auch die Anzahl an Nebenwirkungen verringert (Graßmann & Schermuly, 2018; Graßmann, Schölmerich & Schermuly, 2020). Achten Sie deswegen besonders auf eine hohe Beziehungsqualität. Dafür scheinen die Veränderungsmotivation und Ihre durch die Klient*innen wahrgenommene Kompetenz relevanter zu sein als Ihre Coaching-Erfahrung oder Persönlichkeit.

8. Nebenwirkung müssen Teil der Coaching-Ausbildungen werden.

Ohne Wissen über negative Nebenwirkungen von Coaching können Sie diese schwieriger im Coaching-Prozess angehen. Trotzdem sind Nebenwirkungen selten Teil der Curricula von Coaching-Ausbildungen im deutschsprachigen Raum, was es dringend zu verändern gilt.

9. Coaches behandeln keine psychischen Störungen.

Coaching ist keine Psychotherapie. Natürlich können Sie Klient*innen mit klinischen Problemen auch bei arbeitsbezogenen Problemen coachen, doch sollten therapeutische Interventionen nur in Therapien stattfinden. Allzu häufig führen Versuche, eine psychische Störung im Coaching zu behandeln, zu Nebenwirkungen (Schermuly et al., 2014).

Fazit

Negative Nebenwirkungen sind regelmäßige Erscheinungen im Coaching und weisen nicht auf Misserfolg hin. Neben vorbeugenden Maßnahmen wie einer hohen Beziehungsqualität, Supervision oder adäquaten Diagnostik ist vielmehr Ihre persönliche Einstellung entscheidend: Bleiben Sie entspannt und selbstbewusst, denn auch gutes Coaching schließt Nebenwirkungen nicht aus.

Literatur

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