Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

Leben

4-Tage-Woche fördert Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

Isabelle Elena Bock

22.09.2021

4-Tage-Woche fördert Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit
Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass sich eine kürzere Wochenarbeitszeit positiv auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit auswirkt. (Foto: Michelle Tiemann – Pexels.com, bearbeitet durch DPV GmbH)

Weniger arbeiten bei gleicher Bezahlung, davon träumen viele. Tatsächlich geben auch in Deutschland immer mehr Arbeitnehmende an, dass sie ihre wöchentliche Arbeitszeit reduzieren möchten. Eine Studie aus Island hat nun erwiesen, dass eine kürzere Arbeitswoche die Produktivität sogar steigern kann.

Immer wieder wird auf die Wichtigkeit einer gesunden Work-Life-Balance hingewiesen. Trotzdem arbeiten laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung (2021) 50% der Männer und 41% der Frauen mehr, als ihnen lieb ist. Selbst ein geringeres Gehalt würden sie in Kauf nehmen, wenn sie dafür ihre Arbeitszeit reduzieren könnten. Eine Studie von Pega und Kollegen (2021) gibt ihnen recht, denn z. B. das Risiko für Schlaganfälle und ischämische Herzkrankheiten steigt ab 55 Wochenstunden deutlich.

Bedeutet mehr Arbeitszeit mehr Produktivität?

Tatsächlich führen längere Arbeitszeiten nicht zwangsläufig zu mehr Leistung. In wohlhabenden Ländern ist die Produktivität sogar bei kürzeren Arbeitszeiten größer, da lange Arbeitszeiten einen Teufelskreis aus Überarbeitung, reduziertem Wohlbefinden und abnehmender Leistungsfähigkeit begünstigen. Zudem demonstrieren Studien der deutschen Psychologin Sabine Sonnentag (2008), dass Angestellte produktiver und engagierter arbeiten, wenn sie regelmäßig mental von der Arbeit abschalten können, was eine kürzere Arbeitswoche erleichtern würde.

Island-Studie erprobt die 4-Tage-Woche

Entsprechend viel Aufmerksamkeit erregte daher eine gemeinsame Studie des britischen Thinktanks „Autonomy“ und der isländischen „Association for Sustainability and Democracy“, deren Ergebnisse aus dem weltweit größten Experiment zur Arbeitszeitverringerung im Juni 2021 publik wurden. Über 2500 isländische Vollzeitbeschäftigte aus Behörden, Pflege- und Bildungseinrichtungen und anderen Dienstleistungsunternehmen nahmen von 2015 bis 2019 an den Untersuchungen teil. Während die Kontrollgruppe 40 Wochenstunden arbeitete, war die Experimentalgruppe vier bis fünf Stunden pro Woche weniger tätig bei gleichem Gehalt. Mit Tests und Interviews wurden z. B. die Arbeitsleistung, Work-Life-Balance oder das Wohlbefinden erhoben.

Effektiver durch kürzere Arbeitszeiten

Insgesamt zieht die Studie ein positives Fazit: So blieb die Produktivität nach der Stundenreduzierung konstant oder stieg sogar an, die Teilnehmenden berichteten von einem gesteigerten Wohlbefinden, einer besseren Work-Life-Balance und mehr Teamgeist auf der Arbeit.

Diese Effekte hielten den gesamten Untersuchungszeitraum an und zeigten sich auch im privaten Bereich: Wer weniger bei der Arbeit war, konnte mehr Zeit für eigene Interessen, die Familie und Freundschaften aufbringen. Außerdem stieg der Erholungswert des Wochenendes, wenn unter der Woche genug Zeit für lästige Alltagspflichten blieb.

Des Weiteren entkräftigt die Island-Studie die häufige Befürchtung, dass bei einer Arbeitszeitverkürzung das Überarbeitungsrisiko zunehme, weil dieselbe Arbeit in weniger Zeit zu erledigen sei: Zwar erkannten Manager*innen in der anfänglichen Umstellungsphase eine leichte Erhöhung des Workloads, doch durch Anpassungsmaßnahmen entstanden rasch neue Arbeitsabläufe, sodass es langfristig zu keinem gesteigerten Arbeitspensum kam.

Mithilfe eines effektiven Zeitmanagements lässt sich die Produktivität steigern. (Foto: Sam Lion – Pexels.com)
Mithilfe eines effektiven Zeitmanagements lässt sich die Produktivität steigern. (Foto: Sam Lion – Pexels.com)

Zeitmanagement als Schlüssel zum Erfolg

Essenziell für das Gelingen der kürzeren Arbeitswoche scheint demnach ein effektives Zeitmanagement zu sein. Dafür gibt die Studie folgende Tipps:

  1. Prioritäten setzen: Verschaffen Sie sich zunächst einen Überblick über die anstehenden Aufgaben und bringen Sie diese in eine Rangfolge. So verzetteln Sie sich nicht mit unwichtigen Aufgaben und schaffen durch Ihr strukturiertes Vorgehen insgesamt mehr, als wenn Sie sich einfach in die Arbeit stürzen.
  1. Aufgaben delegieren und verteilen: Delegieren und verteilen Sie Aufgaben so unter den Kolleg*innen, dass alle passend zu ihrem Kompetenzgebiet tätig sind. Dadurch vermeiden Sie, dass Aufgaben doppelt, gar nicht oder mit hohem Aufwand erledigt werden.
  1. Fokussiert arbeiten und Pausen verkürzen: Haben Sie im Homeoffice auch festgestellt, dass Sie mehr schaffen als im Büro, wo der Plausch mit Kolleg*innen lockt? Halten Sie daher Ihre Kaffeepausen möglichst kurz und lassen Sie zudem persönliche Erledigungen während der Arbeitszeit außen vor, um fokussiert und stringent arbeiten zu können.
  1. Meetings straffen oder durch E-Mails ersetzen: Kennen Sie die ermüdende Wirkung langer, unstrukturierter Meetings? Unternehmen sollten diese deshalb im Vorhinein thematisch planen und ihnen einen festen zeitlichen Rahmen geben. Häufig können E-Mails eine persönliche Aussprache auch ganz ersetzen.
  1. Dienstleistungsangebote digitalisieren: Die Pandemie hat demonstriert, dass persönliche Zusammenkünfte im digitalen Zeitalter nicht immer zwingend notwendig sind. Wenn Ihr Unternehmen beispielsweise Dienstleistungen digital anbieten kann, statt das persönliche Erscheinen vorauszusetzen, entfällt nicht nur zeitlicher Aufwand für die Antragsstellenden, sondern auch für das Personal.

Ist die Vier-Tage-Woche umsetzbar?

Freilich leugnet das Forschungsteam der Island-Studie nicht, dass eine pauschale Arbeitszeitverkürzung auch Kosten mit sich bringt. Etwa im Pflegesektor würde die Einstellung zusätzlichen Personals unumgänglich. Derartige Mehrkosten seien jedoch verhältnismäßig gering, zumal in vielen Branchen Produktivitätszuwächse und Gewinne zu erwarten seien.

Weitere optimistisch stimmende Beispiele sind in der deutschen Unternehmenslandschaft anzutreffen: Aktuell testet die Bayrische Firma „Bitwings“ aus Neumarkt die Vier-Tage-Woche und in Lasse Rheingans‘ Bielefelder IT-Unternehmen gilt bereits seit 2017 ein Fünf-Stunden-Arbeitstag bei gleichem Lohn und Urlaubsanspruch. Auch das Berliner Start-up „Braineffect“ erprobte zumindest für diesen Sommer eine Vier-Tage-Woche, um dem Personal schon freitags Gelegenheit zum Erholen und Sonnetanken zu geben. Alle drei Unternehmen verzeichnen positive Auswirkungen auf die Work-Life-Balance ohne Produktivitätseinbußen.

Fazit

Aktuell ist die 40-Stunden-Woche noch der Standard in den meisten Firmen. Studien und Praxisbeispiele verdeutlichen aber, dass bei einem effektiven Zeitmanagement die Produktivität trotz kürzerer Arbeitswoche sogar zunehmen kann. Nicht zuletzt profitieren davon das Leistungsvermögen, die Gesundheit und die Zufriedenheit der Belegschaft.

Literatur

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