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Den „Höhenkoller“ verhindern: 10 Tipps für eine gesunde Karriere

Werner Gross

28.04.2021

Den „Höhenkoller“ verhindern: 10 Tipps für eine gesunde Karriere
Die Luft ganz oben auf der Karriereleiter kann dünn sein. (Foto: Anastasia Shuraeva/Pexels.com)

Die heutige Berufswelt ist oftmals herausfordernd. Gerade wer die Karriereleiter erklimmen möchte, muss das richtige Maß finden zwischen sich einerseits fordern aber andererseits nicht überfordern. 10 Tipps können Ihnen helfen, beruflich aufzusteigen und dabei gesund zu bleiben.

Ohne Frage ist die Wirtschaft gerade in (Nach-)Corona-Zeiten in heftiger Bewegung. Begleitet von Modeetiketten wie „Flexibilität”, „Risiko- und Innovationsbereitschaft”, „Arbeitsverdichtung” und „Ressourcenkonzentration” scheinen sich die Veränderungen manchmal regelrecht zu überschlagen.

 Eine gute und auch langfristige Karriere kostet jede Menge Kraft, Selbstdisziplin - und manchmal auch Härte sich selbst und anderen gegenüber. Es ist eine Kunst die Gratwanderung hinzubekommen zwischen sich fordern, aber nicht überfordern.

Widrige Arbeitsbedingungen als Herausforderung

Es ist nicht einfach, den alltäglichen Arbeitstag gut zu bewältigen und dabei nicht nur zu funktionieren, sondern auch noch Spaß zu haben, einen Sinn in seiner Tätigkeit zu sehen und dabei erfolgreich zu sein.

Für viele nimmt nicht nur wegen der Arbeitsbelastung der Stress zu, sondern auch wegen des zunehmenden Risikos arbeitslos zu werden. Befristete Arbeitsverträge ohne eindeutige Perspektive sind mittlerweile die Norm, so dass sich viele Arbeitnehmende im Unklaren über ihre berufliche Zukunft sind. Dies hat einen dauernden Erregungszustand zur Folge, was wiederum zu chronischem Disstress führen kann. Wenn man dann eine feste, unbefristete Stelle hat, wird man gar nicht selten mit Arbeit so zugebaggert, dass man chronisch am Limit arbeitet.

Die dünne Luft auf dem Gipfel

Personen, die beruflich aufsteigen möchten, haben darüber hinaus mit ganz besonderen Herausforderungen zu kämpfen. Denn je höher man nach oben steigt, umso dünner wird die Luft und umso einsamer werden die “Tops”. Oft fehlt ihnen eine aufrichtige Rückmeldung und ein Korrektiv, weil die Mitarbeitenden nur nicken und willfährig sind oder das private Umfeld gelangweilt oder genervt ist und nicht mehr zuhört.

Hinzu kommt: die zunehmende Komplexität und der Zeitdruck führen oft dazu, dass man Entscheidungen auf Grund unzureichender Daten treffen muss. Allerdings muss man die Konsequenzen nur allzu oft trotzdem selbst verantworten. Mitunter führt das zu einem mehr oder weniger hektischen Aktionismus. Reflexion und langfristige Planung bleiben dabei häufig auf der Strecke.

Verlust der Menschlichkeit

Beim beruflichen Aufstieg kann noch ein weiteres Problem auftauchen: Wenn man tagtäglich eine Selbstgewissheit und Stabilität nach außen demonstrieren muss, die man innerlich gar nicht hat, führt das nur allzu leicht zu einer “Deformation professionelle”, einer mehr oder weniger totalen Enteignung der Gefühle. Zielorientierung, Effektivität und olympiareife Leistungen sind angesagt, anstatt Lust, Spaß und Sinn in der Tätigkeit zu finden. Mit der Zeit geht manchmal die Sensibilität für sich und andere verloren.

 

Ein Job sollte nicht nur ein Ziel erfüllen, sondern auch Sinn geben und begeistern. (Foto: Andrea Piacquadio/Pexels.com)
Ein Job sollte nicht nur ein Ziel erfüllen, sondern auch Sinn geben und begeistern. (Foto: Andrea Piacquadio/Pexels.com)

10 Tipps für langfristig gesunde Karrieren

Es stellt sich nun die Frage: Was können Sie tun, um all dem entgegenzuwirken?

Ich habe Ihnen im Folgenden 10 Tipps zusammengestellt, die bei der Umsetzung einer erfolgreichen und vor allem gesunden Karriere helfen können.

  1. Bewusstmachung und Situationsklärung. Beginnen Sie mit einer Bestandsaufnahme. Wo stehen Sie auf Ihrem (beruflichen) Lebensweg?
  2. Machen Sie sich Ihr eigenes Stärke- und Schwächeprofil klar. Überlegen Sie sich, mit welchen Schwächen Sie leben müssen und an welchen Sie arbeiten können. Welche Konsequenzen hat das für Ihre angestrebte Karriere? Gibt es unveränderbare Schwächen, die Ihre Pläne massiv behindern könnten?
  3. Zielorientierung. Wo wollen Sie langfristig hin? Erstellen Sie einen Zeitplan mit verschiedenen beruflichen Zwischenstationen, an dem Sie sich orientieren können. Prüfen Sie den Plan auch darauf, ob er realistisch ist. Planen Sie zeitliche „Puffer“ für private Ereignisse (z. B. eine Elternschaft) ein.
  4. Visualisieren Sie ein realistisches „Best-Case-Szenario“. Aber überschätzen Sie sich nicht.
  5. „Worst-Case-Szenario“. Wie sähe ein „Worst-Case-Szenario“ aus? Was wäre das Schlimmste daran? Und wie können Sie verhindern, dass es eintritt?
  6. Entwickeln Sie einen „Plan B“. Welche berufliche Alternative käme in Frage, wenn ihr eigentlicher Plan aus irgendeinem Grund scheitert? Mit welcher Position könnten Sie ebenfalls gut leben?
  7. Ressourcenklärung. Machen Sie sich klar, welche „Wiederaufbereitungsanlagen“ Sie haben oder haben sollten, um mit dem beruflichen Stress klarzukommen. Dies können soziale Kontakte wie Familienmitglieder und Freunde sein, aber auch Hobbies und Freizeitaktivitäten (z. B. sportliche Aktivitäten, Reisen oder Musik), die Ihnen helfen, Abstand zu der Arbeit zu gewinnen.
  8. Was sind Ihre (moralischen) Grenzen? Genauso wichtig wie die Planung beruflicher Ziele ist, sich vorab klarzumachen, was man beruflich auf keinen Fall möchte. Wenn Sie z. B. sehr gern fachlich arbeiten, jedoch Probleme haben, sich anderen Personen gegenüber durchzusetzen, dann ist eine Jobposition mit Führungsverantwortung eventuell nichts für Sie. Überlegen Sie sich daher frühzeitig, auf was Sie sich niemals einlassen werden.
  9. Pflegen Sie Ihr (berufliches) Netzwerk. Motto: „Du schaffst es nur selbst, aber oft nicht allein“. Pflegen Sie die Kontakte zu Teamkolleg*innen und Vorgesetzten sowohl während der Arbeitszeit als auch bei informellen Zusammenkünften wie Weihnachtsfeiern und Betriebsausflügen. Nutzen Sie Veranstaltungen wie Kongresse, Tagungen etc., um neue Kontakte zu interessanten Personen aus Ihrer Branche zu knüpfen. Auch hier gilt: häufig ergeben sich die interessantesten Gespräche bei informellen Abendveranstaltungen nach dem offiziellen Programm. Auch über soziale (Karriere-)Netzwerke können Sie viele interessante Bekanntschaften machen.
  10. Fordern Sie aktiv Feedback ein. Holen Sie sich Rückmeldungen zu Ihrer Arbeitsleistung von Vorgesetzten und Kolleg*innen. Sie können außerdem Familienmitglieder und Freund*innen fragen, ob sie (positive oder negative) Veränderungen an Ihnen mit Bezug zur Arbeit beobachtet haben.

Und bedenken Sie: Eine gute Karriere ist ein Marathon und keine wahllose Abfolge von Sprints. Es gibt mehr im Leben als Effektivität und Effizienz zu erhöhen: Ein gelungenes Leben schafft ein Gleichgewicht zwischen äußerem Erfolg und innerer Erfüllung. Achten Sie daher darauf, sich einen Job zu suchen, den Sie als sinnvoll ansehen bzw. bei dem die Arbeit an sich Sie begeistert und nicht (nur) ein angestrebtes Ziel.

Weitere Tipps für eine erfolgreiche und gesunde Karriere:

Gross, W. (2020). Smart Career – wie man die seelischen Kosten der Karriere minimiert. Berlin: Springer Verlag.

 

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