Wirtschaftspsychologie Aktuell - Aktuelle Ausgabe

New Work

"Wir arbeiten künftig, wann und wo wir wollen"

Natalie Schalk

12.11.2020

"Wir arbeiten künftig, wann und wo wir wollen" -
"Wir arbeiten künftig, wann und wo wir wollen" -
Ob im Büro, Zuhause, im Wohnmobil oder in der Natur: Zukünftig sollen wir selbstbestimmter arbeiten können. (Foto: Andrew Neel/pexels.com)

Großraumbüro war gestern. Wie Arbeitsplätze von morgen aussehen, erklärt Innenarchitektur-Professor Mark Phillips von der Hochschule Coburg. Das hat viel mit Freiheit zu tun.

Die Kühlhalle des historischen Coburger Schlachthofes wird saniert. Mitte 2022 ziehen die Mieter ein: CREAPOLIS, die Innovations- und Vernetzungsplattform der Hochschule Coburg, mit ihrem Makerspace als kreativem Raum der Begegnung. Und das Unternehmensnetzwerk Zukunft.Coburg.Digital mit einem Co-Working-Space. Benötigt werden innovative Arbeitswelten, wie sie in Deutschland noch selten sind: „New Work“ ist die Zukunft – und einer der Forschungsschwerpunkte von Mark Phillips. Gerade haben seine Studierenden angefangen, als Projektarbeit Ideen für die Kühlhalle zu entwickeln. Er erklärt im Interview, warum Arbeitsräume künftig anders gestaltet werden müssen.

 

Ihre Studierenden entwickeln für die Kühlhalle Raumkonzepte im Sinne von „New Work“, auf Deutsch: „Neue Arbeit“. Was ist das?

Ein Konzept für die Arbeitswelt im globalen und digitalen Zeitalter. Die Idee ist ein hohes Maß an Selbstbestimmung darüber, wann und wo ich arbeite. Ich sollte selbst entscheiden können, ob ich heute ins Büro gehe oder zuhause bleibe oder ob ich mit meinem Wohnmobil an einen Fluss fahre und von dort aus arbeite. Falls ich ins Büro gehe, entscheide ich, ob ich am Schreibtisch sitze oder mit Kollegen in der Lounge. Oder arbeite ich in einer Ecke in der Cafeteria? Dahinter steckt die Hypothese, dass Menschen ihr Potenzial und ihre Kreativität entfalten, wenn sie selbstbestimmt arbeiten, dass die Motivation steigt, dass Arbeitsleistung, Zufriedenheit und Gesundheit sich verbessern.

 

Ist das die Abkehr von der effizienten Flächennutzung unserer Großraumbüros?

Großraumbüros waren von Anfang an eine Totgeburt. Sie bereiten zu viele Probleme: hinsichtlich der konzentrierten Arbeit, weil Kommunikation immer stört, weil es keine Privatsphäre gibt und keinen persönlichen Bereich. Oft geht das mit Desksharing-Ideen einher, bei denen Mitarbeitende den Schreibtisch nutzen, der gerade frei ist. Es gibt standardisierte Tests dazu: Mitarbeitende machen mehr Fehler und sind langsamer, wenn sie den Arbeitsplatz nicht selbst gestalten, nichts Persönliches einbringen können. Effizienz ermöglicht keine Innovation. Und sie wirkt demotivierend.

 

Mark Phillips ist Innenarchitektur-Professor an der Hochschule Coburg.
Mark Phillips ist Innenarchitektur-Professor an der Hochschule Coburg.

 

Und Innenarchitektur kann die Leistung der Arbeitnehmer verbessern?

Natürlich. Ein Kernthema der Innenarchitektur ist, welche Tätigkeit sich mit welcher räumlichen Gestaltung gut bewerkstelligen lässt. Konzentration, Kommunikation und Rückzug sind unterschiedliche Bedürfnisse, die unterschiedliche Umgebungen erfordern. Ein Trend sind aktuell Multispaces, also verschiedene Umgebungen innerhalb des Bürogebäudes. Ein anderer ist Co-Working: Büroflächen werden von unterschiedlichen Unternehmen und Personen gemeinsam genutzt. Es geht immer darum, mit den Menschen zusammen herauszufinden: Welche Art von Tätigkeiten gibt es und wieviel brauchen wir wovon? Studierende dürfen dabei ganz verrückte, innovative Ideen entwerfen – die späteren Nutzer der Kühlhalle können das als Anregung für die Planung nehmen.

 

Wie muss ein Büro aussehen, das kreatives Denken und Innovationen unterstützt?

Grundsätzlich: Schreibtische müssen nicht grau sein. Aber Kreativität wird nicht durch eine bestimmte Farbe oder spezielle Materialien gefördert. Sondern durch eine räumliche Struktur, in der ungeplante Begegnungen stattfinden. Statt jeden Tag am Arbeitsplatz die gleichen Menschen zu sehen und nur in geplanten und gebuchten Besprechungen mit anderen zu reden, treffe ich zufällig jemanden und tausche mich über das aus, woran ich gerade arbeite.

 

Früher waren Raucherecken solche Treffpunkte ...

Ja, zum Beispiel. Heute ist‘s der Bereich vor dem Aufzug oder vorm Besprechungsraum, wo man sich begegnet, wenn man ein bisschen zu früh dran ist oder zu spät. Teeküchen, wenn sie nicht zu klein sind. Flure, Treppenhäuser. Wenn man diese Räume gestaltet, werden daraus Orte. Aufenthaltsorte. Informelle Kommunikationsorte. Es ist sinnvoll, wenn Unternehmen bewusst solche Orte schaffen. Bei der Gestaltung ist da zum Beispiel die Akustik wichtig. Und die Infrastruktur. Kann ich da auch mein Handy laden und mein Laptop ablegen? Das sind einfache Dinge. Aber es sind die wichtigen Dinge.

 

Werden solche Kommunikationsorte in Zeiten von Corona neu gedacht?

Im Homeoffice haben wir entdeckt, wie wir konzentriert arbeiten können – zumindest, wenn wir keine andere Ablenkung haben, weil die Kinderbetreuung ausfällt zum Beispiel. Aber welche Tätigkeiten bleiben dann überhaupt noch fürs Büro? Hauptsächlich kommunikative Dinge. Diese Hühnerfarmen, ein Arbeitsplatz neben dem anderen, die braucht man nicht mehr, wenn das Homeoffice Teil des Konzepts ist. Man benötigt aber andere Flächen: Wenn die Mitarbeiter im Unternehmen sind, benötigen sie Kommunikationsräume. Lounges, Besprechungs- und informelle Räume werden künftig große Bedeutung haben.

 

Die Arbeitswelt von morgen – wie passt das zu einem alten Industriebau?

Es stand ja lange zur Debatte, die Kühlhalle abzureißen. Aber wir müssen uns insgesamt mehr Gedanken über eine intelligente Umnutzung vorhandener Gebäude machen, schon aus Gründen der Nachhaltigkeit. Und wenn etwas eine Geschichte hat, ist das ein besonderer Wert. Das lernen wir langsam zu schätzen. So ein Industriebau bringt etwas mit, woran man sich reiben kann, wo man etwas übernehmen kann. Auf der einen Seite sind es Zwänge. Aber wenn ein historisches Gebäude gut saniert ist, haben die Innenräume eine ganz besondere Atmosphäre.