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Lernen von Matthias J. Müller

Flexibilisierung der Arbeit kann Gesundheit fördern und gefährden

27. Februar 2018

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.In den zurückliegenden Jahren hat in Deutschland eine starke Flexibilisierung der Arbeitszeiten stattgefunden. Parallel dazu haben Arbeitsunfähigkeitszeiten und Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen zugenommen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen ist wissenschaftlich nicht nachweisbar, sagt Prof. Dr.med. Dr. rer. nat. Matthias J. Müller, Ärztlicher Direktor und Medizinischer Geschäftsführer der Oberberggruppe.

Allerdings ist an den Oberbergkliniken der Anteil der Patienten, deren psychische Symptome auch im Zusammenhang mit ihrer aktuellen Arbeitssituation entstanden sind, gestiegen. Er beträgt inzwischen etwa 70 Prozent bei den berufstätigen Patienten. „Arbeitsbedingter Stress spielt bei mindestens zwei Dritteln der Patienten eine Rolle, er ist jedoch zumeist ein auslösendes Moment oder ein Co-Faktor im Unterschied zur eigentlichen Ursache der Erkrankung.“

Mehr Argumente für Flexibilisierung als dagegen

Aus wissenschaftlicher Sicht, so betont der Arzt und Psychologe, gebe es mehr Argumente für Flexibilisierung als dagegen. Studien zufolge schaffe sie individuelle Ausgestaltungsmöglichkeiten und erlaube eine bessere Synchronisation von Arbeits- und Ruhezeiten mit der inneren Uhr und mit Freizeitaktivitäten. So gesehen sei sie eher gesundheitsfördernd als schädlich. „Gespräche mit Patienten sowie wissenschaftliche Untersuchungen lassen jedoch den Schluss zu, dass Flexibilisierung zum Teil missverstanden wird als bloße Verkürzung bzw. Verlagerung von Stunden oder dass Teams eine solche ‚Flexibilisierung‘  einfach verordnet wird.“ Wenn man so vorgeht, besteht Matthias J. Müller zufolge immer die Gefahr, dass es am Ende Gewinner und Verlierer gibt. Eine Arbeitsbedingung für alle könne aufgrund der unterschiedlichen Persönlichkeiten und Arbeitsanforderungen nicht gut sein.

Flexible Flexibilisierung notwendig

Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich ältere Mitarbeiter tendenziell eher fixe Rahmenbedingungen wünschen als junge. Gleitzeit dagegen werde generationsübergreifend geschätzt. Junge Leute, so Müller, sind sehr stark an Freiheitsgraden interessiert, die dem einen mehr Zeit mit seinem Kind, dem anderen sportliches Training zu unterschiedlichen Zeiten erlauben. Er spreche deshalb von flexibler Flexibilisierung, die u.a. die Lebensphasenabhängigkeit berücksichtigen kann. „Diese wird oft vergessen, wenn in Unternehmen größere Veränderungen anstehen – sei es in Form neuer Arbeitszeitmodelle oder sei es durch die Einführung agiler Strukturen und den Wegfall von Hierarchien. Um belastungsbedingten Erkrankungen vorzubeugen, muss die Flexibilisierung aus psychomedizinischer und psychologischer Sicht zu einer Verbesserung der individuellen Passung zwischen Arbeitsanforderungen und persönlichen sowie sozialen Abläufen führen.“

„Verausgabungsbereitschaft“ von Mitarbeitern kann Erkrankung beeinflussen

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Auch die Erfahrungen in den Oberbergkliniken zeigen, dass Persönlichkeitseigenschaften wie eine gewisse „Verausgabungsbereitschaft“ auf Arbeitnehmerseite darüber mitentscheiden können, ob jemand erkrankt oder nicht. „Sie korrespondiert nach unserer Erkenntnis mit dem Hang zum Perfektionismus. Menschen, die bereit sind, sich nicht nur für die persönlichen, sondern auch für andere Ziele zeitlich und inhaltlich stark zu engagieren, ja zu verausgaben, haben bei anhaltender Belastung ein höheres Risiko zu erkranken.“

Zudem erwiesen sich kurzfristige Erfolge, die durch Perfektionismus und Überengagement erreicht werden, nie als nachhaltig. Bei der gegenwärtigen Lage auf dem Arbeitsmarkt bestehe die gute Chance für eine größere Bereitschaft von Unternehmen, Mitarbeiter zu binden und auch im eigenen Interesse gesund erhalten wollen.

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