Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Lernen von Eunike Wetzel

Gibt es eine Narzissmusepidemie?

21. November 2017

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Wird unsere Gesellschaft narzisstischer? Eine Reihe von vor allem wirtschaftspsychologischen Studien, vor allem zum Verhalten von Führungskräften, ließ das bislang vermuten und veranlasste einige Wissenschaftler, vor einer „Narzissmusepidemie“ in unserer Gesellschaft zu warnen. Ein Forschungsteam von Psychologen um Dr. Eunike Wetzel von der Universität Konstanz überprüfte nun diese Annahme anhand von rund 60.000 Persönlichkeitstests von amerikanischen Studierenden aus drei Jahrzehnten.

Anstieg im Narzissmus erwartet

„Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Wir waren daher überrascht von den Ergebnissen unserer Studie“, so Eunike Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Psychologische Methoden und Diagnostik am Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz. Klassische Theorien gehen davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind, während Wirtschaftskrisen mit sinkendem Narzissmus in Zusammenhang gebracht werden. Wetzels Ergebnissen zufolge verläuft der Rückgang jedoch kontinuierlich seit Anfang der 1990er Jahre und setzte somit bereits vor der Wirtschaftskrise ein.

Für ihre Studie werteten die Psychologen Daten von drei amerikanischen Universitäten aus, die seit 1992 einen einheitlichen Narzissmus-Persönlichkeitstest durchführen. Die Daten stammen von insgesamt rund 60.000 Studierenden, die zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Befragung im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren. „Es geht uns nicht um den Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung“, betont Wetzel. Vielmehr untersuchte man den Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung, also den Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft.

Drei wesentliche Facetten des Narzissmus

„Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht“, fährt Eunike Wetzel fort. Die Psychologin unterscheidet daher in ihrer Studie drei wesentliche Facetten des Narzissmus: Führungsverhalten („Leadership“), Eitelkeit („Vanity“) und Anspruchsdenken („Entitlement“). Die Psychologin verfolgt die Ausprägung dieser Facetten über die drei untersuchten Jahrzehnte hinweg. Den deutlichsten Rückgang verzeichnet das Merkmal „Anspruchsdenken“, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen als höherwertig und überlegen fühlt. „Das ist interessant, da dieses Merkmal gemeinsam mit Eitelkeit zum Kern des Narzissmus gehört. Dass gerade diese Aspekte zurückgegangen sind, widerspricht der These von einer Epidemie des Narzissmus“, sagt Wetzel.

Geprüfte Fachinfos
Jetzt zwei neue Hefte der Zeitschrift lesen.
Hier mehr erfahren.

Der Rückgang von Narzissmus zeichnet sich der Studie zufolge gleichermaßen bei Männern und Frauen ab, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten. Abweichend von dem Schema stellten die Psychologen jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, Eitelkeit, fest.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2017. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Wetzel, E., Brown, A., Hill, P. L., Chung, J. M., Robins, R. W., & Roberts, B. W. (2017). The narcissism epidemic Is dead; long live the narcissism epidemic. Psychological Science, Advance online publication. doi:10.1177/0956797617724208

Im Themenschwerpunkt „Arbeiten in Balance“ stehen neue Erkenntnisse zu Resilienz, Achtsamkeit in Unternehmen, Digitaler Disbalance und angemessener Beurteilung von psychischer Gefährdung am Arbeitsplatz.

Die Wirtschaftspsychologie aktuell im Schnupper-Abo testen.

Den monatlichen Newsletter der Zeitschrift bestellen.

Im Archiv ab 2001 blättern.