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Lernen von Christian Kandler

Kreativität ist umgebungsbedingt

29. November 2016

Kreativität wird von der Persönlichkeit und der Intelligenz bestimmt. Außerdem geht sie eher auf eine anregende Umgebung als auf erbliche Anlagen zurück. Das fanden Bielefelder Zwillingsforscher heraus.

Zwillinge befragt und beobachtet

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Ein Team um Christian Kandler von der Universität Bielefeld hat den Ursprung der Kreativität untersucht, nachzulesen im Journal of Personality and Social Psychology. Sie griffen dabei auf zwei Zwillingsstudien zurück, die zwischen 1994 und 2002 durchgeführt wurden. Dafür wurden insgesamt 1.156 ein- oder zweieiige Zwillinge befragt.

Diese sollten angeben, für wie kreativ sie sich hielten. Zwei ihrer Freunde schätzten das ebenfalls für sie ein. Die Zwillinge mussten spontan knifflige Aufgaben lösen und wurden dabei gefilmt, z.B. rasch eine Definition für ein erfundenes Wort finden. Außerdem füllten sie einen formalen Kreativitätstest aus. Dabei sollten sie auf einem Blatt aus freien, sinnlosen Linien Gegenstände zeichnen und diese benennen. Schließlich wurden ihre fünf zentralen Persönlichkeitseigenschaften gemessen (Sorgenneigung [Neurotizismus], Geselligkeit [Extraversion], Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Gewissenhaftigkeit) und ihre Intelligenz.

Gleiche Gene

Da klar war, dass eineiige Zwillinge 100 Prozent, zweieiige Zwillinge 50 Prozent ihrer Gene teilen, und der Phänotyp (z.B. das beobachtbare Verhalten) sich bei beiden Zwillingspartnern aus 1) Erblichkeit, 2) geteiltem und 3) nicht geteiltem Umgebungseinfluss speist, konnten diese drei Anteile durch Varianzzerlegung bestimmt werden. Für jede Variable ergab sich dann, inwieweit sie genetisch- oder umweltbedingt war.

Es gab eine wahrgenommene und formale Kreativität. Es kristallisierten sich zwei Arten von Einfallsreichtum heraus: eine durch sich selbst oder Freunde wahrgenommene („Ich bin/Sie ist kreativ.“) und eine formale, die mit dem Test ermittelt wurde (je mehr und je vielfältigere Formen gezeichnet wurden, desto kreativer).

Je geselliger, desto findiger

Persönlichkeit und Intelligenz wirkten unterschiedlich. Die Persönlichkeit sagte eher die wahrgenommene Kreativität voraus. Dabei waren vor allem zwei der fünf Eigenschaften aussagekräftig: Geselligkeit und Offenheit. Je gesprächiger und je gedankenoffener ein Zwilling war, desto origineller nahm er sich selbst wahr und desto schöpferischer wurde er von anderen gehalten. Die Intelligenz bestimmte die formale Kreativität. Je besser jemand Denkaufgaben lösen konnte (z.B.: „April zu März ist wie Dienstag zu [a] Mittwoch, [b] Freitag oder [c] Montag?“), desto pfiffiger war er im Figurenzeichnen.

70 Prozent Umwelt

Kreativität war umweltbedingt. Die von Freunden eingeschätzte Kreativität hing zu 70 Prozent von der Umgebung ab, die die Zwillinge nicht teilten, und nur zu 27 Prozent von den Genen. Die im Test gemessene Ideenfülle ging zu 64 Prozent auf die nicht geteilte, zu 28 Prozent auf die geteilte Umgebung und nur zu 8 Prozent auf die Gene zurück. Der Einfallsreichtum wurde also von außen angeregt. Demgegenüber ging etwa die Intelligenz zum Großteil auf vererbte Anlagen zurück. Schließlich zeigte sich noch, dass sich die genetischen Einflüsse der Kreativität auf vererbte Intelligenz und Offenheit für Neues zurückführen ließen.

Umgebung fördert oder behindert

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Zusammengefasst: Die Alltagskreativität wurde von der Persönlichkeit bestimmt, und beides hing in hohem Maße von einer anregenden Umgebung ab. Die Autoren dazu: „Offenheit ist ein Hauptvorhersagefaktor für allgemeine Kreativität, Extraversion hängt vor allem mit wahrgenommener Kreativität zusammen, und Intelligenz trägt zur kreativen Testleistung bei. […] Wesentliche Umwelteinflüsse sind offensichtlich und fördern oder behindern kreatives Denken und Verhalten.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Christian Kandler, Rainer Riemann, Alois Angleitner (Bielefeld University), Frank M. Spinath (Saarland University), Peter Borkenau (Martin-Luther University Halle-Wittenberg) & Lars Penke (Georg August University Göttingen). (2016). The Nature of Creativity: The Roles of Genetic Factors, Personality Traits, Cognitive Abilities, and Environmental Sources [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 111, 230-249.

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