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Lernen von Aaron Weidman

Anerkennende und abwertende Bescheidenheit

12. September 2016

Kanadische Forscher haben die psychische Struktur von Bescheidenheit untersucht. Die Antworten von insgesamt 1.438 Studienteilnehmern zeigen, dass es zwei Formen gibt: eine anerkennende Bescheidenheit, bei der man andere lobt und auf sie zugeht, und eine abwertende Bescheidenheit, bei der sich jemand selbst herabsetzt und zurückzieht.

Gefühl und Handlung

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Ein Psychologenteam um Aaron Weidman von der kanadischen University of British Columbia hat das Bedeutungsspektrum der Bescheidenheit abgeklopft. Die Ergebnisse finden sich im Journal of Personality and Social Psychology. Die Forscher fassen Bescheidenheit als gefühlsbezogenes Handlungsschema („emotion plot“) auf, das:

  1. Erfolg, Misserfolg oder entsprechende Handlungen umfasst (z.B. Barack Obama, der den Friedensnobelpreis bekam, und sich angesichts vorheriger Gewinner und mangelnder eigener Leistungen bescheiden zeigte),
  2. eine Selbsteinschätzung in Gang setzt, die mit Gefühlen zusammenhängt (z.B. mit spontanem Stolz oder mit Selbstabwertung) und
  3. sich auf andere bezieht (z.B. indem man andere lobt oder sich der Bewertung anderer entziehen will).

Es wurden fünf Studien durchgeführt um auszumachen, wie Menschen Bescheidenheit erlebten und ob sie auch abträglich sein konnte, wenn man sich etwa selbst dabei kleinmachte. Die grundlegenden Ergebnisse:

Andere loben oder sich selbst kleinmachen

Bescheidenheit konnte zweierlei bedeuten. 104 Studenten sollten Wörter aufschreiben, die sie mit Bescheidenheit in Verbindung brachten. Dann schätzen sie die Ähnlichkeit der Wörter ein, auf deren Grundlage Ähnlichkeitsgruppen errechnet wurden. Herauskamen zwei große Gruppen mit folgender Bedeutung:

  1. Anerkennende Bescheidenheit. Bescheiden sein, indem man andere anerkennt. Dazu gehörten Wörter wie „verständnisvoll“, „mitfühlend“ oder „verbunden“.
  2. Abwertende Bescheidenheit. Bescheiden sein, indem man sich selbst abwertet. Entsprechende Wörter waren „schüchtern“, „still“ oder „demütig“.

Bescheidenheit wurde auf zweierlei Weise erfahren. In zwei Studien sollten 853 Personen über Situationen schreiben, in denen sie bescheiden waren. Sie schätzten anhand der oben genannten Wortliste ein, wie sie sich dabei fühlten. Außerdem wurden Verhaltenskategorien ermittelt, in die die Erfahrungen fielen. Wieder kamen zwei Erfahrungsweisen heraus:

  1. Andere loben. Ein Teil von ihnen war in den geschilderten Situationen „liebenswürdig“, „großherzig“ oder „verständnisvoll“. Sie sagten etwa danke oder gingen auf andere zu. Ein übergreifendes Thema war, andere zu bestärken: „Ich habe die Talente anderer gelobt.“
  2. Sich kleinmachen. Der andere Teil erfuhr Bescheidenheit eher so, dass man sich „wertlos“, „unbedeutend“ oder „klein“ fühlte. Sie erlebten sich unintelligenter und weniger leistungsfähig. Außerdem wollten viele der Situation entkommen: „Ich wollte einfach nur davonlaufen.“

Verträglich oder neurotisch

Verträgliche Bescheidene und neurotische Bescheidene. In einer vierten Studie gaben 462 Personen an, ob sie sich allgemein eher bescheiden fühlten oder nicht. Außerdem schätzten sie ihre sonstige Persönlichkeit ein. Es zeigten sich zwei Persönlichkeitsmuster:

  1. Verträgliche Bescheidene. Sie würdigten andere, waren stolz auf sich und gaben sich verträglich, kamen also gut mit anderen Menschen aus.
  2. Neurotische Bescheidene. Sie werteten sich ab, waren unterwürfig und wenig selbstbewusst. Außerdem gaben sie zu, neurotisch zu sein, sorgten sich also häufig und waren ängstlich.

Bescheidenheitsexperten äußerten sich zweigeteilt. Schließlich wurden 19 Experten zu ihrer Vorstellung gefragt. Sie waren Herausgeber philosophischer und theologischer Fachzeitschriften und kannten sich mit Bescheidenheit aus. Sie sollten Wörter notieren, die ihrer Meinung nach die Eigenschaft besonders gut beschrieb. 85 Prozent der Wörter konnten von sechs Auswertern in großer Überstimmung einer der beiden Formen zugeordnet werden:

  1. Anerkennende Bescheidenheit, zum Beispiel: „zugeben, dass andere in bestimmten Dingen besser sind.“
  2. Abwertende Bescheidenheit, etwa: „verlegen sein, wenn man von jemandem in den höchsten Tönen gelobt wird.“

Zweigeteilte Struktur

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Bescheidenheit konnte also zwei Formen annehmen: andere anerkennen oder sich selbst abwerten. Die Forscher dazu: „Die vorliegende Studie ist die erste empirische Untersuchung zur psychischen Struktur der Bescheidenheit. Fünf Studien zeigen übereinstimmend, dass sie von zwei Dimensionen gekennzeichnet ist. Anerkennende Bescheidenheit folgt persönlichem Erfolg, ist damit verbunden, dass man andere lobt und mit einer Persönlichkeit, die auf Leistung und spontanen Stolz aus ist. Selbstabwertende Bescheidenheit folgt persönlichem Misserfolg, ist damit verbunden, dass man sich selbst abwertet, und mit einer Persönlichkeit, die Misserfolg, Scham und ein geringes Selbstwertgefühl wahrnimmt.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Aaron C. Weidman (University of British Columbia), Joey T. Cheng (University of Illinois at Urbana-Champaign) & Jessica L. Tracy (University of British Columbia). (2016). The Psychological Structure of Humility [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, Online First Publication.

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