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Lernen von Gabriele Oettingen

Positiv denken macht depressiv

8. Juli 2016

Wer optimistisch ist, fühlt sich augenblicklich zwar besser. Langfristig führt positives Denken aber zu mehr Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Depressionen. Und das, weil sich Optimisten weniger anstrengen. Zu diesem Ergebnis kommen New Yorker Psychologinnen, die vier Experimente durchführten.

Alltägliche Luftschlösser

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Gabriele Oettingen von der New York University und ihre Kolleginnen haben untersucht, ob man fröhlicher oder trauriger wird, wenn man an etwas Schönes denkt. Ihre Ergebnisse stehen in der Fachzeitschrift Psychological Science. Sie führten vier Experimente durch: 1.) 88 Studenten sollten ihre Gedanken zu zwölf Situationen mit offenem Ausgang aufschreiben, z.B.:

„Sie arbeiten an einem wichtigen Projekt. Sie wissen, dass Sie die Abgabe nicht einhalten können und bitten den Kunden um Aufschub. […] Während Sie auf seinen Anruf warten, denken Sie…“

Gleichzeitig und vier Wochen später sollten sie mit einem Depressionsfragebogen ihre Stimmung einschätzen (z.B. „Ich bin niedergeschlagen.“). 2.) 109 zehnjährige Schüler dachten ebenfalls über mehrere Situationen nach (z.B. „Stell dir vor, du nimmst an einem Buchstabierwettbewerb teil. […] Jetzt bist du dran. [Was denkst du?]“) und schrieben ihre Gedanken dazu auf. Zum gleichen Zeitpunkt und ein halbes Jahr später gaben sie an, ob sie traurig waren (z.B. „Ich habe nie Spaß in der Schule.“).

Wie positiv waren Ihre Gedanken heute?

3.) 78 Studenten wurden an vier Tagen angerufen und sollten einschätzen: „Wie positiv oder negativ waren Ihre Gedanken und Vorstellungen heute?“ Auch sie gaben unverzüglich und ein halbes Jahr später ihre Niedergeschlagenheit an. 4.) 148 Studenten teilten ihre positiven und negativen Gedanken mit und wieder ihre depressiven Symptome zum jetzigen Zeitpunkt und zwei Monate später. Außerdem wurde ihre Leistung im Studium berücksichtigt.

Langfristig trübsinnig

Wer positive dachte, wurde langfristig depressiv. In allen vier Experimenten zeigte sich das gleiche Muster: Wer optimistisch war, das Beste annahm, positiv dachte, war aktuell zwar weniger depressiv. Langfristig aber – nach vier Wochen, zwei Monaten oder ein halbes Jahr später – führte das positive Denken zu mehr Depressionen: „Ich bin niedergeschlagen, ängstlich, traurig.“ Dieser Zusammenhang war deutlich und statistisch hochsignifikant.

Positives Denken führte zum Leistungseinbruch. Im vierten Experiment zeichnete sich eine Erklärung für dieses Muster ab. Studenten, die angesichts schwieriger Situationen in angenehmen Fantasien schwelgten, strengten sich weniger fürs Studium an und hatten schlechtere Noten. Das machte sie wiederum depressiver. Der hoffnungsbedingte Leistungseinbruch löste also die Niedergeschlagenheit aus.

Ruinöses positives Denken

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Die Forscherinnen schlussfolgern: „Wer sich schönen Tagträumen hingibt, ist augenblicklich weniger niedergeschlagen, langfristig führt das aber zu mehr depressiven Symptomen. Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass über alles positiv gedacht werden soll. Der Selbsthilfemarkt zum positiven Denken boomt mit 9,6 Milliarden US-Dollar Umsatz jährlich. Unsere Ergebnisse werfen die Frage auf, wie teuer uns dieser Markt langfristig zu stehen kommt, für den Einzelnen wie für die Gesellschaft.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Gabriele Oettingen (Psychology Department, New York University), Doris Mayer (Institute of Psychology, University of Hamburg ) & Sam Portnow (Department of Psychology, University of Virginia). (2016). Pleasure Now, Pain Later: Positive Fantasies About the Future Predict Symptoms of Depression [Abstract]. Psychological Science, 27 (3), 345-353.

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