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Lernen von Rico Pohling

Arbeitslast treibt Mitarbeiter trotz Krankheit ins Büro

2. Juni 2016

Ein hohes Arbeitspensum, Ungerechtigkeit und fehlende Anerkennung führen dazu, dass Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten gehen und deshalb weniger leisten. Dieser Zusammenhang hängt auch vom Wohlbefinden ab, so die Ergebnisse einer Befragung von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes.

Präsentismus – ein kostspieliges Problem

Alle Hefte im ÜberblickViele Arbeitnehmer quälen sich zur Arbeit, wenn sie krank sind. Dieser sogenannte Präsentismus kann unterschiedliche Gründe haben, z.B. Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder das Gefühl, unersetzbar zu sein. Was auf den ersten Blick strebsam und verantwortungsbewusst erscheint, ist auf lange Sicht für Mitarbeiter und Arbeitgeber schädlich. Verschleppte Krankheiten, die nicht auskuriert werden, führen oft zu längeren Ausfällen. Zudem sind angeschlagene Angestellte weniger leistungsfähig.

Das führt dazu, dass der Firma höhere Kosten entstehen als durch direkte Krankheitsausfälle. In Europa wird Präsentismus häufig als Arbeiten trotz Krankheit definiert, während in den USA darunter eher ein Produktivitätsverlust aufgrund gesundheitlicher Probleme verstanden wird. Ein Forscherteam um Rico Pohling von der Technischen Universität Chemnitz hat nun untersucht, welche Arbeitsfaktoren Präsentismus wahrscheinlicher machen und welche Rolle körperliches und geistiges Wohlbefinden dabei spielt.

Beschäftigte des öffentlichen Dienstes befragt

Das Forscherteam nahm an: 1) schlechte Arbeitsbedingungen hängen mit europäischer und US-amerikanischer Präsentismusform zusammen, 2) die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Präsentismus werden durch geistige und körperliche Gesundheit vermittelt und 3) je häufiger Arbeitnehmer krank zur Arbeit kommen, desto größer ist der gesundheitsbedingte Produktivitätsverlust (Zusammenhang der beiden Präsentismusformen). Um die Annahmen zu prüfen, befragten Rico Pohling und seine Kollegen 885 Beschäftigte aus 10 Finanzämtern in Sachsen. Erhoben wurden:

Eigenschaften der Arbeit. Mit Hilfe der „Areas of Worklife Scale“ schätzten die Teilnehmer sechs Bereiche ihres Arbeitslebens genauer ein, und zwar 1) das Arbeitspensum (z.B. „Ich schaffe es nicht, die anstehende Arbeit zu erledigen.“), 2) eigene Möglichkeiten der Kontrolle („Ich kann bestimmen, wie ich meine Arbeit mache.“), 3) Anerkennung („Für meine Arbeit bekomme ich von anderen Anerkennung.“), 4) Zusammenarbeit mit Kollegen („Die Mitglieder meiner Arbeitsgruppe kommunizieren offen miteinander.“), 5) Fairness im Unternehmen („Die Ressourcen werden bei uns fair verteilt.“) und die Übereinstimmung eigener Werte mit denen der Organisation („Meine Werte stimmen mit den Werten der Organisation überein.“).

Mentale Gesundheit. Sie wurde durch den „Well-Being Index“ erfasst, der gute Stimmung, Vitalität, Interesse und Aktivitäten in den vergangenen zwei Wochen abbildete. Hierbei gaben die Angestellten ihre Einschätzung zu Items wie „Ich wachte frisch und ausgeruht auf“ ab.

Körperliche Gesundheit. Sie wurde durch die Schmerz-Skala der „Freiburger Beschwerdenliste“ ermittelt. Die Mitarbeiter beantworteten Fragen wie „Haben Sie Nackenschmerzen?“ oder „Haben Sie Rückenschmerzen?“

Die zwei Präsentismusmaße

Präsentismus. Entsprechend den beiden Definitionen wurde er mit zwei Maßen erfasst. Zum einen wurde gefragt: „Ist es in den vergangenen 12 Monaten vorgekommen, dass Sie zur Arbeit gingen, obwohl Sie sich aufgrund ihres Gesundheitszustandes besser hätten krankschreiben lassen sollen?“ Zudem gaben die Mitarbeiter an, an wie vielen Tagen sie in den letzten zwei Wochen Beschwerden bei der Arbeit hatten, wie lange diese tagsüber anhielten und wie sich das auf ihre Produktivität auswirkte. Damit konnten dann die Arbeitsstunden mit Produktivitätsverlust durch Krankheit berechnet werden (z.B. 40 Wochenstunden x 0,5 [die Hälfte der Zeit Beschwerden] x 0,3 [ein Tagesdrittel Beschwerden] x 0,6 [60% geringere Produktivität] = 3,6 Wochenstunden mit Produktivitätsverlust).

Leistungskiller Arbeitsmenge und Ungerechtigkeit

Vier Arbeitsbedingungen sagten Präsentismus vorher. Wer über ein hohes Arbeitspensum, unfaire Ressourcenverteilung und wenig Anerkennung klagte, kam häufiger krank zur Arbeit. Zum Produktivitätsverlust durch Beschwerden trugen Arbeitspensum, mangelnde Fairness und unterschiedliche Werte zwischen Mitarbeiter und Behörde bei. Vier der sechs Arbeitsbedingungen führten damit zu Präsentismus: viel Arbeit, Ungerechtigkeit, fehlende Anerkennung und Werteabweichungen.

Wohlbefinden war Katalysator. Psychische und physische Gesundheit vermittelten den Präsentismus-Effekt. Wer viel zu tun hatte, sich ungerecht behandelt fühlte und wenig Anerkennung erhielt, war erschöpfter und hatte mehr Schmerzen. Dieses Krankheitsgefühl führte dazu, dass sich die Mitarbeiter zur Arbeit schleppten. Die Gesundheitswahrnehmung war also das Bindeglied zwischen Arbeitsstress und Präsentismus.

Arbeiten trotz Krankheit und Produktivitätsverlust hingen zusammen. Schließlich zeigte sich, dass beide Präsentismusarten wie erwartet zusammenhingen. Wer im letzten Jahr trotz Krankheit arbeitete, dessen Leistung brach auch deutlich ein.

Belohnen und nicht zu viel aufbürden

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Die Forscher betonen, dass das Zusammenspiel vieler ungünstiger Bedingungen Präsentismus begünstigt, weniger einzelne Risikofaktoren. Außerdem ist die Gesundheitswahrnehmung entscheidend. Anhand der sechs zentralen Arbeitsbedingungen empfehlen Rico Pohling Arbeitgebern zur Präsentismusvorbeugung:

  1. Nur so viel Arbeit aufbürden, wie auch zu schaffen ist.
  2. Mitarbeiter sollten häufig selbst entscheiden können.
  3. Ausreichend monetär und sozial belohnen, z.B. durch Feedback.
  4. Für emotionale Unterstützung im Team sorgen.
  5. Die Mitarbeiter fair und respektvoll behandeln.
  6. Die Angestellten für die Unternehmensziele gewinnen.

Außerdem sollten Mitarbeiter einbezogen werden, wenn Maßnahmen gegen Präsentismus geplant werden. In Gesundheitszirkeln könnten sie etwa diskutieren, welche gesundheitlichen Probleme es gibt und wie Lösungen dafür aussehen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Rico Pohling (Technische Universität Chemnitz), Gabriele Buruck, Kevin-Lim Jungbauer (Technische Universität Dresden) & Michael P. Leiter (Acadia University). (2016). Work-Related Factors of Presenteeism: The Mediating Role of Mental and Physical Health [Abstract]. Journal of Occupational Health Psychology, 21 (2), 220-234.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gibt mit einer Studie einen Überblick zur Präsentismusforschung.

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