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Lernen von Agata Gasiorowska

Kinder werden durch Geld zu selbstbezogenen Strebern

15. April 2016

Drei- bis sechsjährige Kinder wurden allein dadurch, dass sie Geld in Händen hielten, zu selbstbezogenen Strebern. Im Vergleich zu jenen, die mit Knöpfen oder Bonbons spielten, strengten sich die Geld-Kinder mehr an und waren hartnäckiger. Gleichzeitig wurden sie gieriger, geiziger und weniger hilfsbereit. Das zeigen fünf Experimente polnischer und US-amerikanischer Psychologen.

Purer Geldeffekt

Alle Hefte im ÜberblickAgata Gasiorowska lehrt Wirtschaftspsychologie an der University of Social Science and Humanities im polnischen Wrocław. Zusammen mit US-amerikanischen Kollegen hat sie jetzt fünf Experimente mit Kindern zum Umgang mit Geld durchgeführt. Die Ergebnisse stehen in der Märzausgabe der Fachzeitschrift Psychological Science.

Die Forscherinnen nahmen zwei Denkweisen an, einen Gemeinschaftsmodus („communal mode“), bei dem man hilfsbereit sein und freiwillig teilen sollte, und einen Marktmodus („market mode“), bei dem man leistungsbezogen sein und nur für eine Gegenleistung etwas hergeben würde. Geld als das Marktsymbol sollte den Marktmodus stärken und den Gemeinschaftsmodus schwächen. Die Reaktion von Kindern wäre dabei besonders interessant, da ihnen Geld noch nicht geläufig ist und man sozusagen den puren Geldeffekt messen könnte.

Hartnäckiger, geiziger?

Ein Teil der insgesamt 476 polnischen Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die an den fünf Experimenten teilnahmen, sollte daher mehrere Minuten lang Złoty-Münzen oder -Scheine sortieren. Ein anderer Teil spielte mit ähnlich großen Knöpfen, Papierscheinen oder Bonbons. Danach wurde in den einzelnen Experimenten geschaut, ob die Kinder die richtige Linie in einem Labyrinth einzeichneten (Leistung), ob sie bei einem unlösbaren Puzzle aufgaben oder nicht (Hartnäckigkeit), ob sie dem Versuchsleiter freiwillig Stifte brachten (Hilfsbereitschaft) und ob sie anderen Kindern bunte Sticker schenkten (Großzügigkeit).

Länger am Ball

Geld machte leistungsbezogen und hartnäckig. Kinder, die mit realen Münzen spielten, malten häufiger die richtige Linie ins vorgedruckte Labyrinth als Kinder, die mit Knöpfen spielten. 22 Prozent der Geld-Kinder lösten die Aufgabe vollständig, aber nur drei Prozent der Knopf-Kinder. Kinder, die Münzen in der Hand hatten, waren auch hartnäckiger als Kinder, die mit ähnlich großen Papierschnipseln spielten: Sie blieben ein bis zwei Minuten länger am Ball und gaben erst dann beim unlösbaren Puzzle auf.

Wenig verschenkt

Geld machte gierig, geizig und weniger hilfsbereit. Kinder, die Złoty-Münzen oder Scheine sortierten, brachten danach dem Versuchsleiter durchschnittlich acht Stifte weniger als Kinder, die mit Papierstreifen spielten. Geld-Kinder waren also weniger hilfsbereit. Außerdem nahmen sie sich durchschnittlich einen (von sechs möglichen) Disney-Sticker mehr als Kinder, die mit Knöpfen oder Bonbons spielten – sie waren also etwas gieriger. Von den genommenen Stickern verschenkten die Geld-Kinder wiederum deutlich weniger (23 Prozent verschenkt) als Kinder, die mit Knöpfen (49 Prozent) oder Bonbons (43 Prozent) hantierten. Diejenigen, die echtes Geld in Händen hielten, wurden also geiziger.

Alternativerklärungen schieden aus. Mögliche alternative Erklärungen für die Geldwirkung konnten ausgeschlossen werden. Sie lag nicht daran, ob die Kinder den Nennwert des Geldes richtig bestimmen konnten oder nicht (Wissen). Jene, die mit Geld spielten, fühlten sich nicht besser als die, die Papier oder Knöpfe anfassten (Stimmung). Und Kinder mochten auch Geld nicht mehr als Papier oder Knöpfe (Vorliebe). Am meisten liebäugelten sie mit Bonbons, die aber nicht herzloser machten.

Starkes Geld

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Geld lediglich in die Hand zu nehmen, machte drei- bis sechsjährige Kinder durchweg hartnäckiger und herzloser. Die Autorinnen: „Die fünf Experimente, über die wir berichten, sind unseres Wissens der erste empirische Beweis dafür, dass Kinder schon im Alter von drei Jahren Geld mit einem Marktmodus verbinden und sich entsprechend verhalten.“

Kinder, die bislang selten mit Geld zu tun hatten, wenig darüber wussten und es nicht besonders mochten, wurden dennoch vom starken fühl- und sichtbaren Reiz des Geldes in seinen Bann gezogen. Sie wurden dadurch häufig zu selbstbezogenen Strebern. Das zeigt, wie stark Geld wirkt.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Agata Gasiorowska (Faculty in Wroclaw, SWPS University of Social Sciences and Humanities), Lan Nguyen Chaplin (Department of Managerial Studies, University of Illinois at Chicago), Tomasz Zaleskiewicz, Sandra Wygrab & Kathleen D. Vohs (Marketing Department, University of Minnesota). (2016). Money Cues Increase Agency and Decrease Prosociality Among Children: Early Signs of Market-Mode Behaviors [Abstract]. Psychological Science, 27 (3), 331-344.

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