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Lernen von Tiffany Johnson

Mitarbeiter mit Autismus fühlen sich unwohl

14. März 2016

Mitarbeiter mit Autismus fühlen sich häufiger bei der Arbeit unwohl, vor allem wenn sie ihre Diagnose erst spät erhielten oder mit Kollegen darüber sprachen. Sie nehmen dann mehr Diskriminierung wahr und haben ein geringeres Selbstwertgefühl. So die Ergebnisse einer Umfrage, die Forscherinnen von der Penn State durchführten.

Zwischenmenschliche Probleme

Alle Hefte im ÜberblickAutismus ist eine Entwicklungsstörung. Sie tritt also schon in früher Kindheit auf. Betroffene haben vor allem Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Sie schauen etwa andere nicht an, es fällt ihnen schwer, Gesten oder Gefühle des Gegenübers zu deuten, ein Gespräch zu führen und Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Asperger ist eine Form des Autismus. Auch hier gibt es Schwierigkeiten beim Austausch mit anderen. Die geistigen Fähigkeiten sind aber unbeeinträchtigt, daher auch die Bezeichnung „hochfunktionaler Autismus“. Gleichzeitig haben Menschen mit Asperger oft besondere Interessen, vor allem im mathematisch- naturwissenschaftlichen Bereich, oder Gewohnheiten, z.B. Dinge durchzählen oder bestimmte Bewegungen ausführen.

210 Angestellte mit hochfunktionalem Autismus

Wie geht es Autisten bei der Arbeit? Diese Frage stellten sich Tiffany Johnson und Aparna Joshi von der Penn State. Sie führten mit 30 Beschäftigten, die die Diagnose Asperger hatten, ein einstündiges Gespräch und ließen 210 Angestellte mit hochfunktionalem Autismus einen Onlinefragebogen ausfüllen. Dabei interessierte die Forscherinnen, wie sich die Diagnose auswirkte und was das Wohlbefinden bei der Arbeit störte. Hier die wichtigsten Ergebnisse, die das Journal of Applied Psychology in seiner Märzausgabe abdruckte.

„Mehrmals unfair behandelt“

Mitarbeiter mit später Diagnose fühlten sich unwohl. Personen, die die Diagnose Autismus erst spät, also jenseits der 30 erhielten, fühlten sich bei der Arbeit besonders unwohl. Sie schilderten starke Gefühle, z.B. des Bedauerns („Ich fand nie den Grund meiner Probleme, bis es zu spät war. […] Ich habe viele Gelegenheiten verpasst.“) oder aber auch der Erleichterung über die Diagnose („Es war eine Befreiung für mich.“). Je später jemand seine Autismusdiagnose erhielt, desto eher klagte sie oder er über Diskriminierung am Arbeitsplatz („Ich wurde mehrmals unfair behandelt, weil ich Autismus habe.“).

Mehr Unbehagen, wenn über Störung gesprochen wurde. Angestellte mit spätem Diagnosealter klagten über mehr Diskriminierung und ein geringeres Selbstwertgefühl, wenn sie mit Kollegen über ihre Störung sprachen. Beschäftigte, bei denen Autismus früh festgestellt wurde, hatten mehr Angst, wenn sie Kollegen ihren Autismus anvertrauten. Die meisten verschwiegen daher bei der Arbeit, dass bei ihnen Asperger oder Ähnliches festgestellt wurde. Viele lehnten auch besondere Unterstützung ab, weil sie befürchten, dadurch wiederum stigmatisiert zu werden.

Kontakt mit anderen half

Zwischenmenschlicher Austausch verbesserte Wohlbefinden. Obwohl die meisten Probleme im zwischenmenschlichen Bereich hatten, verbesserte ein Austausch mit anderen das Wohlbefinden. So gaben Angestellte, die erst spät ihre Autismusdiagnose bekamen, weniger Diskriminierung und ein höheres Selbstwertgefühl an („Ich bin wichtig bei der Arbeit.“), wenn sie in Jobs mit häufigem Kundenkontakt arbeiteten. Wichtig war aber, dass die Art des Austauschs für die Befragten angenehm war („Ich möchte mit anderen zusammenarbeiten, aber nicht in Menschenansammlungen. […] Ich telefoniere, so habe ich die Situation unter Kontrolle.“).

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Antidiskriminierungsregeln beeinträchtigten Selbstwertgefühl. Wenn angekreuzt wurde „In meinem Unternehmen gibt es schriftliche Antidiskriminierungsregeln, die neurologische/intellektuelle Beeinträchtigungen einschließen“, fühlten sich Befragte mit höherem Diagnosealter häufiger wertlos. „Besonders eng zugeschnittene Antidiskriminierungsregeln führten also dazu, dass betroffenen Mitarbeiter befürchteten, an den Rand gedrängt zu werden“, so die Forscherinnen.

Ratsames Coaching

Beschäftigte mit Autismus- oder Aspergerdiagnose fühlten sich also bei der Arbeit unwohl, wenn sie ihre Diagnose erst spät erhielten oder wenn sie darüber mit Kollegen sprachen. Die Forscherinnen empfehlen daher Betroffenen, ein Coaching in Anspruch zu nehmen bevor sie über ihre Störung sprechen. Außerdem sollte Autismus Bestandteil von Diversitytrainings sein, ohne dass die Störung dabei zu sehr herausgestellt wird.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Tiffany D. Johnson & Aparna Joshi (The Pennsylvania State University). (2016). Dark Clouds or Silver Linings? A Stigma Threat Perspective on the Implications of an Autism Diagnosis for Workplace Well-Being [Abstract]. Journal of Applied Psychology, 101, 430-449.

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