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Lernen von Jochen Menges

Charismatische Chefs hemmen

14. Januar 2016

Führungskräfte mit Ausstrahlung hemmen, unterstützende Chefs hingegen fördern den Gefühlsausdruck von Mitarbeitern. Das ist das Ergebnis Düsseldorfer Forscher. Allerdings konnten sie die gefühlshemmende Wirkung von Charisma und die gefühlsbefreiende Wirkung freundschaftlicher Zuwendung nicht durchgängig bestätigen.

Führung mit Ausstrahlung

Alle Hefte im ÜberblickCharisma bedeutet Anziehungskraft oder Ausstrahlung. Bei der sogenannten transformationalen (umgestaltenden) Führung – ein Begriff, der von Bernard Bass stammt – ist Charisma ausschlaggebend. Die vier Bestandteile transformationaler Führung sind: 1) eine Führungskraft ist Vorbild, 2) sie vermittelt eine Vision, also ansprechende Pläne, 3) sie regt Mitarbeit geistig an und 4) sie unterstützt persönlich. Charisma umfasst die Punkte 1 und 2, also Vorbild sein und eine Vision vermitteln.

Jochen Menges von der Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf und seine Forscherkollegen nahmen an, dass sich Ausstrahlung von Führungskräften nicht nur positiv auswirkt. Wenn Mitarbeiter ihren charismatischen Chef bewundern, räumen sie ihm einen hohen und sich selbst einen niedrigen Status ein. Das sollte sie hemmen, Gefühle offen zu zeigen. Wenn Führungskräfte hingegen persönlich unterstützen (Punkt 4 der transformationalen Führung), sollten sich Mitarbeiter freier ausdrücken. Diese beiden Annahmen – hemmendes Charisma und befreiende Unterstützung – überprüften die Forscher in drei Studien. Die Ergebnisse stehen in der Fachzeitschrift The Leadership Quarterly.

Gefühlshemmung durch Charme

Charisma hemmte, aber nur teilweise. Im ersten Experiment schrieben 129 Teilnehmer zehn Minuten lang entweder über eine charismatische oder eine nicht charismatische Führungskraft. Danach wurde ihr Gesichtsausdruck festgehalten, während sie ein Video anschauten. Ergebnis: Die, welche zuvor über Charismatiker schrieben, lachten während des Films seltener oder kräuselten weniger die Stirn als jene, die über Chefs ohne Ausstrahlung schrieben. Im zweiten Experiment lasen 260 Studenten Kurzbeschreibungen von Chefs und gaben danach im Fragebogen ihre Tendenz zur Gefühlshemmung an. Hier gab es zwar auch eine Hemmung bei charismatischen Steckbriefen, sie war aber gering und fiel statistisch nicht ins Gewicht.

Unterstützung befreite. Steckbriefe mit unterstützendem Führungsstil („[Stellen Sie sich vor], Sie haben eine gute, freundschaftliche Beziehung zu Ihrem Vorgesetzten.“) führten im zweiten Experiment dazu, dass die Befragten ihre Gefühle freier zeigten. An einer weiteren Feldstudie nahmen 186 Mitarbeiter eines Automobilzulieferers teil. Sie sollten ihren Teamleiter einschätzen und angeben, ob sie selbst Gefühle unterdrücken. Hier kam heraus, dass Beschäftigte mit unterstützendem Leiter seltener, Mitarbeiter mit charismatischem Chef häufiger über unterdrückte Gefühle berichteten („Ich behalte meine Gefühle für mich.“). Allerdings hingen unterstützender und charismatischer Führungsstil so stark zusammen, dass sich die Annahmen streng genommen gar nicht testen ließen.

An Verunsicherung denken

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Ausstrahlung von Führungskräften wirkte sich hemmend, Unterstützung befreiend aus, was die Gefühle der Mitarbeiter anging. Allerdings nur unter Laborbedingungen und selbst dann nicht durchgängig. In der Praxis ließen sich Ausstrahlung und Unterstützung nicht besonders gut trennen, wie die Autoren schreiben: „Die Trennung von charismatischer Führung und persönlicher Unterstützung war in der Feldstudie schwierig.“

Die Autoren raten Führungskräften, die gerne mitreißend reden, daran zu denken, dass sie Mitarbeiter dadurch verunsichern können. Chefs, die sich gerne als Freund geben, müssen damit rechnen, dass Kollegen auch mal ungehalten werden. Hier könnte dann helfen, „die Statusunterschiede zwischen sich und seinen Mitarbeitern zu betonen“, wie die Autoren anmerken.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Jochen I. Menges (WHU — Otto Beisheim School of Management, Düsseldorf), Martin Kilduff (University College London, Management Science & Innovation), Sarah Kern (WHU — Otto Beisheim School of Management, Düsseldorf) & Heike Bruch (University of St. Gallen, Institute for Leadership and HRM). (2015). The Awestruck Effect: Followers Suppress Emotion Expression in Response to Charismatic but not Individually Considerate Leadership [Abstract]. The Leadership Quarterly, 26 (4), 626-640.

Transformationale Führung beeinflusst vier Erfolgskriterien am stärksten: den persönlichen Erfolg der Führungskraft, die Teamleistung, die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter und die Zufriedenheit mit dem Chef.

Im Themenschwerpunkt „Umgang mit Umbrüchen“ geht es um Veränderungen, Wandlungskompetenz, Mitarbeiterführung, Willensstärke, Unternehmenskultur und Karrierewechsel.

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