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Lernen von David Winter

Bewusst Macht eindämmen

12. Januar 2016

Einflussreiche Menschen neigen dazu, ihre Macht auszunutzen. Davor könnte sie ein nachhaltiges Bewusstsein bewahren, wie der Psychologe David Winter vermutet. Zu diesem Bewusstsein gehört, aus Vergangenem zu lernen, die eigene Sterblichkeit anzunehmen und auf nachfolgende Generationen zu achten.

Wie lässt sich Macht bändigen?

Alle Hefte im ÜberblickDavid Winter ist emeritierter Professor an der Universität Michigan. Er forscht zur Frage, wie sich Machtmissbrauch eindämmen lässt. In der Onlinefirst-Ausgabe der Fachzeitschrift American Psychologist hat er jetzt seine Ergebnisse zusammengefasst.

Macht ist das Vermögen, einzelne Menschen oder Gruppen so zu beeinflussen, dass sie tun, was man will. Macht ist nicht per se schlecht, aber Mächtigen kann dabei das rechte Maß verloren gehen. Chefs übersehen dann, dass Mitarbeiter eigene Ziele haben. Politiker setzen sich darüber hinweg, was die Bevölkerung denkt.

Andere verstehen

Damit Führungskräfte oder Staatslenker ihrer Machtgier nicht erliegen, hat es im Laufe der Zeit immer wieder Ansätze gegeben, Macht einzudämmen. Viele von ihnen wurden wissenschaftlich untersucht. Die gängigsten fünf sind:

Andere mögen. Wer versucht, andere zu mögen oder gar zu lieben, ist weniger herrschsüchtig. Wenn der Chef gut über seine Mitarbeiter denkt, wird er weniger von oben herab handeln und eher seine Ziele erklären.

Mitgefühl betonen. Wenn jemand versucht, die Menschen in seiner Umgebung zu verstehen, will er auch weniger seinen eigenen Willen durchsetzen.

Karrierefaktor Verantwortung

Vernünftig sein. Zeitgemäße Begriffe dafür sind „Selbstdisziplin“ oder „Selbstkontrolle“. In Studien zeigte sich, dass Menschen, die sich im Griff haben, weniger Machtmotiven folgen.

Verantwortlich handeln. Auch wer sich für etwas verantwortlich fühlt, lässt sich weniger von Machtstreben leiten. In einer Untersuchung kam heraus, dass vor allem Manager beruflich weiterkamen, die mit Macht liebäugelten und zugleich ein starkes Verantwortungsgefühl hatten.

Glauben. Schließlich legen viele Religionen Wert darauf, dass man bescheiden bleibt. Es ist wichtiger, mit einer gewissen Demut seinen Platz in der Welt zu finden, als sich über andere zu erheben.

Wenn die Vernunft schwächelt

David Winter betont, dass all diese Ansätze ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen haben. Das Mitgefühl funktioniert etwa in kollektivistischen Kulturen nicht, wie Psychologen herausfanden. Durch starke Gruppenzugehörigkeit werden die Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugt und Außenstehende benachteiligt. Das kann Mächtige korrupt machen.

Auch Vernunft und Verantwortung können sich verselbstständigen. Im Irakkrieg etwa war die Verantwortung gegenüber der Welt ein Argument der USA, um ins Land einzuziehen und die vermeintlichen Atomwaffen zu beseitigen. Religionskriege zeigen die verheerenden Auswirkungen eines falsch verstandenen Glaubens.

Nachhaltig bewusst

Daher schlägt David Winter einen neuen Ansatz zur Machteindämmung vor, den er nachhaltiges geschichtliches Bewusstsein („generative historical consciousness“) nennt. Damit ist eine Haltung gemeint, die bisherige Fehler und zukünftige Generationen einbezieht. Dieses Bewusstsein setzt sich aus drei Elementen zusammen:

  1. Ereignisse anhand der Vergangenheit gewichten. Hier wird geschaut, was sich bisher in ähnlicher Weise zugetragen hat. Ausgehend davon kann man relativieren, was gerade geschieht. Beispiel: Während der Kubakrise 1962 half der Blick auf den Überfall auf Pearl Habor und seine zerstörerischen Folgen, dass die Amerikaner von einem Angriff absahen.
  1. Die eigene Sterblichkeit annehmen. Wer akzeptieren kann, dass er eines Tages sterben muss, strebt weniger eigennützige Ziele an, ist großmütiger und flexibler im Denken. Dieses Muster zeigte sich in mehreren Befragungen.
  1. Die nächste Generation sehen. Schließlich sind jene weniger machtbesessen, denen wichtig ist, dass die nächste Generation gut leben wird. Der Psychoanalytiker Erik Erikson nannte diese Einstellung „Generativität“. Wer sich daran hält, ist weniger selbstverliebt, egoistisch oder autoritär.

Anzeichen der Machtgier

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David Winter fand beispielsweise heraus, dass dieses nachhaltige Bewusstsein wesentlich war, um die Kubakrise zu bewältigen, bei der ein Atomkrieg drohte.

Die drei Elemente bieten einflussreichen Lenkern eine Richtschnur zum Handeln. Und mit ihnen können Außenstehende „schauen, ob sich Führungskräfte ‚gebändigt‘ zeigen, wenn sie Macht anstreben“, so Winter.

Wenn Manager oder Politiker vergangene Problemlösungen ausblenden, sich selbst schon als historisches Monument sehen und nicht mal ein Jahrzehnt vorausblicken, sollte das zu denken geben. Sie könnten besonders machthungrig sein.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

David G. Winter (University of Michigan). (2015). Taming Power: Generative Historical Consciousness [Abstract]. American Psychologist, Online First Publication.

Ethische Führung umfasst sieben Verhaltensfacetten, unter anderem Mitarbeiterorientierung, Fairness, Machtteilung und Interesse an Nachhaltigkeit.

Im Themenschwerpunkt „Umgang mit Umbrüchen“ geht es um Veränderungen, Wandlungskompetenz, Mitarbeiterführung, Willensstärke, Unternehmenskultur und Karrierewechsel.

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